Kampfmittelräumung in deutschen Meeresgewässern Zeitbombe unter Wasser

Schleswig-Holsteins Umweltminister Albrecht fordert nach der Detonation mit 18 toten Walen im Fehmarnbelt, dass künftig keine Seeminen mehr gesprengt werden sollen. Doch welche Alternativen gibt es?
Ein Minentaucher befestigt während einer Übung einen Sprengsatz an einer Seemine (Archivbild)

Ein Minentaucher befestigt während einer Übung einen Sprengsatz an einer Seemine (Archivbild)

Foto: Marcus Brandt/ DPA

Die Minensprengung in der Ostsee, nach der 18 tote Schweinswale aufgetaucht waren, hat ein Nachspiel. Schleswig-Holsteins Umweltminister Albrecht fordert den kompletten Verzicht auf solche Methoden der Kampfmittelräumung.

"Ich erwarte von Annegret Kramp-Karrenbauer, dass sie den umfangreichen internationalen Schutzstatus der Schweinswale endlich achtet und auf Sprengungen von Munition verzichtet", sagt Jan Philipp Albrecht von den Grünen. Außerdem müsse der Bund endlich eine Gesamtstrategie zur Beseitigung von Munitionsaltlasten im Meer vorlegen, wie jüngst auf der Umweltministerkonferenz in Hamburg gefordert.

Auf Initiative der Küstenländer Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen war im November ein Antrag verabschiedet worden, nach dem Bund, Länder und die EU das Problem der alten Weltkriegsmunition endlich gemeinsam lösen sollen.

Auch das Verteidigungsministerium sieht Handlungsbedarf, da die Rechtslage offenbar unklar ist. In der Antwort  auf eine Kleine Anfrage der Grünen zu dem Vorfall im Fehmarnbelt heißt es: Angesichts der "unterschiedlichen Zuständigkeiten von Bund und Ländern" müsse man die Thematik "zum Gegenstand einer übergreifenden Abstimmung machen".

Torpedos und Sprengminen in Strandnähe

Die ist dringend notwendig. Man mag die Gefahr nicht sehen, aber sie ist da. "In der Kieler Bucht liegen in Sichtweite beliebter Strände Torpedokopf neben Sprengmine", weiß zum Beispiel der Meeresbiologe Matthias Brenner. Er forscht am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI).

Schätzungsweise 1,6 Millionen Tonnen alter Kriegsmunition befänden sich allein in deutschen Meeresgebieten: Etwa 1,3 Millionen Tonnen in der Nordsee und 300.000 in der Ostsee. Hinzu kommen in der Ostsee etwa 40.000 Tonnen chemische Waffen und etwa 280.000 Tonnen in der Nordsee. Deren giftige Fracht gelangt auch in die Nahrungskette.

So wurde im Rahmen des EU-Projektes "Chemsea" untersucht, wie das alte Weltkriegsarsenal das Ökosystem der Ostsee belastet. Wie hoch die Gefahr ist, wollten die Verantwortlichen am Thüne-Institut für Fischereiökologie am Gesundheitszustand einer bestimmten Speisefischsorte ablesen.

Chemiewaffenrückstände in Speisefischen

"Zeigen Dorsche aus Versenkungsgebieten für chemische Kampfstoffe einen schlechteren Gesundheitszustand und eine geringere Fitness als Fische aus unbelasteten Vergleichsgebieten?", lautete ihre Forschungsfrage.

Die Antwort fiel schlecht aus: Östlich von Bornholm - eines der am stärksten belasteten Gebiete - gefangene Dorsche waren weniger fit und wiesen schlechtere Gesundheitswerte auf als Fische aus unbelasteten Vergleichsgebieten der westlichen und östlichen Ostsee. Bei 10 bis 13 Prozent der Fische konnten Rückstände chemischer Waffen im Filet nachgewiesen werden.

Zur Wahrheit gehört aber auch: "Dorsche aus anderen bekannten und vermuteten Versenkungsgebieten zeigten keine Unterschiede zu Fischen aus den Vergleichsgebieten." So steht es im Ergebnisbericht.

Ein Torpedo aus dem Zweiten Weltkrieg wird am 23. Mai 2017 in der Ostsee vor Kühlungsborn (Mecklenburg-Vorpommern) gesprengt

Ein Torpedo aus dem Zweiten Weltkrieg wird am 23. Mai 2017 in der Ostsee vor Kühlungsborn (Mecklenburg-Vorpommern) gesprengt

Foto: Martin Siegel/ dpa

Im Nachfolgeprojekt "Daimon" (Decision Aid for Marine Munition) untersuchten die Meeresbiologen, welchen Schaden die konventionellen Waffen auf dem Grund der Kieler Bucht anrichten, wo etwa 35.000 Tonnen davon vor sich hin rosten. Helfen sollte diesmal eine Plattfischart, die Kliesche.

Klieschen sind in der Nord- und Ostsee weit verbreitet - und reagieren empfindlich auf vom Menschen verursachte Umweltveränderungen. Bei einem Viertel der untersuchten Fische war die Leber von Tumoren befallen. Die Forscher führen das auf im Wasser gelöste TNT-Rückstände zurück. In unbelasteten Gebieten liegt die Quote nur bei fünf Prozent.

Was also tun?

Mit Sonartechnik und Magnetsonden kann der Kriegsschrott heute schon recht gut gefunden werden. Doch nur weil man weiß, wo die Probleme liegen, ergibt das noch keine Lösung. Oft sind die Sprengkörper zu instabil, als dass sie an Land geschleppt und dort beseitigt werden können. Bisher werden sie dann gesprengt, wie im August im Fehmarnbelt geschehen. Das ist gefährlich für die Minentaucher und Tiere wie Schweinswale und Seehunde. Außerdem werden dabei die Giftstoffe großflächig im Wasser verteilt.

Eine Möglichkeit wäre die sogenannte emissionsfreie Bergung mithilfe von Robotern, wie sie nun auch Schleswig-Holsteins Umweltminister Albrecht fordert. Sie sollen den Einsatz von Mienentauchern überflüssig machen. Stattdessen soll die Munition aus sicherer Entfernung ferngesteuert vernichtet werden, ohne dass es zu einer Explosion kommt.

Forschung an Robotern

3,5 Millionen Euro ist das dem Bund wert. Mit dieser Summe unterstützt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Leipzig mit dem Fraunhofer Institut und Partnern aus der Wirtschaft: "RoBeMM". Hinter dem Kürzel verbirgt sich die "Entwicklung und Erprobung eines robotischen Unterwasser-Bergungs- und Entsorgungsverfahrens" für Munition im Küsten- und Flachwasserbereich.

Doch noch ist es nicht einsatzbereit. Dabei muss dringend etwas passieren. Denn was da am Meeresgrund liegt, stellt nicht nur ein Problem für die Umwelt dar. Die alte Munition aus zwei Weltkriegen behindert auch den Bau von Offshore-Windparks und die Schifffahrt.

Bis es aber soweit ist, dass Roboter still und heimlich die explosiven und giftigen Abfälle des Menschen beseitigen, wird weiterhin nach der alten Methode gearbeitet: Sprengstoff gegen Sprengstoff. Mit Gefahr für Mensch und Umwelt.