Hitzerekorde und Tote Warum das Wetter in Nordamerika verrückt spielt

In Kanada und Teilen der US-Westküste tobt derzeit eine Hitzewelle von historischem Ausmaß, bei der auch Menschen zu Tode kommen. Die Ursache ist eine besondere Wetterkonstellation, der Omega-Block.
Lufttemperaturen vom 27. Juni etwa zwei Meter über dem Boden: In den roten Bereichen stieg der Wert um mehr als 15 Grad Celsius über den Durchschnitt von 2014 bis 2020

Lufttemperaturen vom 27. Juni etwa zwei Meter über dem Boden: In den roten Bereichen stieg der Wert um mehr als 15 Grad Celsius über den Durchschnitt von 2014 bis 2020

Foto: Joshua Stevens / NASA Earth Observatory

Die Sommer in der kanadischen Provinz British Columbia sind normalerweise recht angenehm. Das Thermometer klettert verlässlich auf Werte um 20 Grad, abseits der Küste kann es mit Temperaturen von über 40 Grad auch mal richtig heiß werden. Doch was die Region derzeit erlebt, stellt alles, was bisher gemessen wurde, buchstäblich in den Schatten.

Innerhalb von drei Tagen überschritt die Hitze den Landesrekord für ganz Kanada gleich dreimal. Erst wurden am Sonntag im Dörfchen Lytton etwa 200 Kilometer nordöstlich der Küstenmetropole Vancouver mit 46,6 Grad Celsius ein neuer Höchstwert erreicht, am Montag wurde er mit 47,9 Grad und am Dienstag mit schließlich 49,5 Grad noch einmal übertroffen. Seit Temperaturen systematisch ausgewertet werden, ist es in der Region noch nie so heiß gewesen. Vor dem Wochenende lag der historische Höchstwert in Kanada bei 45 Grad, gemessen 1937 in der Provinz Saskatchewan.

Das hat Folgen für Leib und Leben mancher Kanadier. Die Anzahl der Todesfälle hat sich laut den Behörden derzeit verdoppelt. Mehr als 230 Menschen starben in der Westküstenprovinz zwischen Freitag und Montag, das seien etwa hundert mehr als der Durchschnitt in diesem Zeitraum. Bei vielen der Fälle wird vermutet, dass die Hitze zu ihrem Tod beigetragen hat. Allein in Vancouver kamen mindestens 69 Menschen um, darunter zahlreiche ältere Menschen mit Vorerkrankungen. Damit auch jüngere geschützt sind, wurden Schulen und Universitäten geschlossen und Notkühlzentren eingerichtet – denn vielen Menschen fehlt es an Klimaanlagen, die bisher nicht benötigt wurden.

DER SPIEGEL

Auch die USA erreichte die Hitzewelle. In den Bundesstaaten Washington und Oregon wurden lokale Temperaturen von weit über 40 Grad gemessen. In Seattle stieg das Thermometer auf 42,2 Grad, in Portland auf 46,1 Grad Celsius – die höchsten Werte in den beiden Städten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1940. Zudem bestehen auch Hitzewarnungen für Teile von Kalifornien, Idaho und Nevada. Der Nationale Wetterservice der USA nannte die Situation »historisch und gefährlich«.

Radiometerdaten der Nasa für die Erdoberflächentemperatur um Seattle. Die Daten spiegeln, wie heiß die Erdoberfläche ist. Sie können deutlich heißer oder kühler als die Lufttemperaturen sein. Die Skala reicht von null Grad (tiefblau) bis 50 Grad Celsius (dunkelrot/schwarz).

Radiometerdaten der Nasa für die Erdoberflächentemperatur um Seattle. Die Daten spiegeln, wie heiß die Erdoberfläche ist. Sie können deutlich heißer oder kühler als die Lufttemperaturen sein. Die Skala reicht von null Grad (tiefblau) bis 50 Grad Celsius (dunkelrot/schwarz).

Foto: Joshua Stevens / NASA Earth Observatory

Wie lässt sich so eine außergewöhnliche Hitze erklären?

Der Auslöser für das Extremwetter ist ein sogenannter Hitzestau über der Region. Wie eine Glocke legt sich die Wärme über das Land und verschwindet tagelang nicht – Experten sprechen von einem sogenannten Heat Dome, einer Wärmekuppel. Das Hochdrucksystem wird dabei maßgeblich vom Jetstream beeinflusst. Diese bis zu mehrere Hundert Kilometer pro Stunde schnellen Höhenwinde, die sich einmal um die Erde spannen, haben einen beträchtlichen Anteil an unserem Wetter, sie sind so etwas wie ein Motor für Hochs und Tiefs.

Grundsätzlich gleichen die Starkwindbänder Druckunterschiede zwischen der kühlen Arktis und dem warmen Äquator aus. Durch die Erdrotation schlingern sie hin und her wie ein mäandrierender Fluss. Dazu verstärken auch topografische Hindernisse wie die Rocky Mountains solche nach dem schwedischen Metrologen Carl-Gustaf Rossby benannten Wellen.

»Ab sechs oder sieben Wellen im globalen Jetstream und sehr starken Ausbuchtungen kann es zu einem stationären Stillstand kommen«, sagt Florian Imbery, Experte für Klimaüberwachung beim Deutschen Wetterdienst (DWD), dem SPIEGEL. Derzeit liegt über der pazifischen Westküste durch den Polarjetstream ein sogenannter Omega-Block. Er heißt so, weil das Windband im Grunde den griechischen Buchstaben Ω nachzeichnet. Das Hochdruckgebiet liegt dabei genau in einer Omega-förmigen Ausbuchtung, die nach Norden zeigt.

Satellitenbild mit Omega-Block aus dem Mai 2020 über Kalifornien

Satellitenbild mit Omega-Block aus dem Mai 2020 über Kalifornien

Foto: NOAA

In diesem Bereich akkumuliert sich warme tropische und subtropische Luft, die Richtung Boden sinkt und sich durch Kompression der darunter liegenden Luft noch weiter aufwärmt. »Dazu haben wir kaum Wolkenbildung, und durch die permanente Sonnenstrahlung kommt es dann zu sehr hohen Temperaturen«, so Imbery. Er bestätigt, dass die aktuelle Temperaturentwicklung außergewöhnlich sei. Laut dem Meteorologen und ARD-Wettermann Karsten Schwanke seien die Temperaturwerte aus Lytton sogar die höchsten, die jemals nördlich des 50. Breitengrades  gemessen wurden. Andere Experten sprechen gar von einem Ereignis, wie es nur einmal alle tausend Jahre vorkommt.

Einzelne Weltereignisse lassen sich aufgrund von vielen Zufallskomponenten mit wissenschaftlichen Methoden nur schwer mit der globalen Erderwärmung in Verbindung bringen. Doch diesmal sind sich manche Forscher sicher, dass eine Hitzeglocke von diesem Ausmaß mehr als nur reiner Zufall ist. »Wir sehen hier wirklich die Fingerabdrücke des Klimawandels«, sagte Michael Palecki von der US-Klimabehörde NOAA, der dort dafür verantwortlich war, die Klimastatistiken auf einen aktuellen Stand zu bringen.

Der SPIEGEL-Klimapodcast – hier kostenlos abonnieren
Foto:

Pia Pritzel / DER SPIEGEL

»Klimabericht« ist der SPIEGEL-Podcast zur Lage des Planeten. Wir fragen, ob die ökologische Wende gelingt. Welche politischen Ideen und wirtschaftlichen Innovationen überzeugen. Jede Woche zeigen wir, welchen Einfluss die Klimakrise auf unseren Planeten hat und warum wir im spannendsten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts leben.

Spotify , Apple Podcasts , Google Podcasts , RSS-Feed 

Auch der renommierte Klimaforscher Michael Mann glaubt nicht an einen Zufall . Schon lange wissen Klimaforscher, dass Extremwetter mit Dürren, Starkregen, schweren Stürmen und eben Hitzewellen als Folge der Erderwärmung zunehmen wird. Hitzewellen treten heutzutage beispielsweise dreimal häufiger in den USA auf als noch in den Sechzigerjahren,  zudem betreffen sie immer größere Flächen. Wissenschaftler Mann sieht im Verhalten des Jetstreams einen Beleg für seine Hypothese, dass der Klimawandel die Schleifen des Jetstreams begünstigt und der Luftstrom langsamer wird.

Denn weil auch die Temperaturdifferenzen zwischen Land und Meer steigen, könnte der Jetstream häufiger wellenförmig abgelenkt werden. Hier spielt außerdem mit hinein, dass die Temperaturunterschiede zwischen Arktis und den Äquatorregionen geringer werden – keine Region der Erde hat sich im Verhältnis so schnell erwärmt wie die Arktis. In der Folge werden sich häufiger Hitzewellen einstellen, weil es zu einem stationären Stillstand kommt.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Kühlere Temperaturen gegen Ende der Woche

DWD-Experte Imbery betont, dass die Hypothese zwar physikalisch schlüssig sei, aber bisher durch statistische Daten noch nicht ausreichen belegt ist. Derzeit werde in der Klimaforschung darüber kräftig gestritten. »Nach meiner Einschätzung brauchen wir hier noch mehr Daten, die Statistiken reichen nur einige wenige Dekaden zurück«, sagt er.

Und die sind nicht leicht zu bekommen. Die Windströme fließen teils in mehr als zehn Kilometern Höhe. Hier liefern beispielsweise Satelliten Informationen oder auch Messinstrumente von Verkehrsflugzeugen. Am Ende erhalten die Experten einen dreidimensionalen Blick auf die Atmosphäre und die Daten fließen in Vorhersagemodelle ein. So konnte immerhin auch die aktuelle Hitzewelle in den USA vorhergesagt werden. Gegen Ende der Woche sollen endlich kühlere Temperaturen kommen und die Temperatur nicht mehr zehn bis 15 Grad über den Normalwerten liegen.

Hoover-Staudamm mit Lake Mead

Hoover-Staudamm mit Lake Mead

Foto: Ethan Miller / Getty Images

Wie sich die Situation in an der Westküste der USA langfristig entwickelt, bleibt fraglich. Kalifornien ist schon seit Jahren von einer heftigen Dürre betroffen. Dort zeigte sich ein Trend zu sehr trockenen Sommerhalbjahren, in manchen Gebieten regnet es den ganzen Sommer nicht mehr. Stauseen im Südwesten der USA vermelden Tiefstände. Der Lake Mead am berühmten Hoover-Staudamm zwischen Nevada und Arizona, der unter anderem Südkalifornien mit Wasser versorgt, liegt derzeit auf dem niedrigsten Wasserstand seit seinem Bau in den Dreißigerjahren. Das Wasser in dem Stausee versorgt Millionen Menschen. Zudem droht im Central Valley ein Verteilungskampf um Wasser, dort liegt eines der landwirtschaftlichen Zentren der USA.

Auch die aktuelle Hitzewelle dürfte die Dürre begünstigen und somit die Brandgefahr in der trockenen Vegetation anheizen. »Die Region ist schon lange ein Sorgenkind«, sagt Imbery.