Kanarienvögel Sexy Gesang lässt Eier anschwellen

Männlicher Gesang kann Frauen nicht nur in unterschiedliche Grade der Verzückung versetzen - er kann zumindest bei Kanarienvögeln sogar die Größe ihrer Eier beeinflussen. Eine Untersuchung zeigt: Singt das Männchen sexy, schwillt das Gelege.

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Mancher Mann ist durchaus fähig, mit seinem Gesang kraftvoll in die körperlichen Vorgänge beim anderen Geschlecht einzugreifen. Die prominentesten Exemplare bringen ihr weibliches Publikum immerhin dazu, Unterwäsche, Blumen und Plüschbären von sich zu werfen und, als nächste Eskalationsstufe, in Ohnmacht zu fallen. Männliche Kanarienvögel aber machen mit ihrem Gesang nicht - oder zumindest nicht nur - Herz und Hirn der Weibchen gefügig, sondern auch deren Eierstock.

Das hat nicht mal Elvis geschafft, obwohl man dem King stets nachgesagt hat, er habe viel Sex in der Stimme. Denn auch bei Kanarienvögeln gilt: Je erotischer der Gesang, desto größer die Wirkung. Bei Kanarienvögeln kann man das mit dem Lineal nachmessen, wie ein deutsch-britisches Forscherteam herausgefunden hat: Je mehr "sexy Silben" ein Männchen hinbekommt, desto größere Eier legt das Weibchen.

Kanarienvögel wählen ihren Partner wie die meisten anderen Vögel und auch Menschen: Je attraktiver - in diesem Fall gesünder und kräftiger - ein potentieller Partner erscheint, desto wahrscheinlicher ist es, dass er ebensolchen Nachwuchs zeugt. Das, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Ethology", animiert das Weibchen dazu, von Anfang an mehr in die Sprösslinge zu investieren: Sie legen größere Eier, auf dass die Jungen mehr Nährstoffe bekommen und mit besseren Chancen ins Leben starten.

Gesang verrät, wer sexy ist

Welches Männchen besonders attraktiv ist, erkennen Kanarienvogelweibchen schon am Gesang. Die Forscher um Stefan Leitner vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen spielten 45 Weibchen Gesangsaufnahmen unterschiedlicher Männchen vor. Und tatsächlich: Brachten die Sänger mehr von den sogenannten "sexy syllables" ("sexy Silben") zu Gehör, landeten größere Eier im Nest.

"Sexy Silben sind besonders schwierig zu singen", erklärt Leitner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Sie sind sehr komplex und besitzen eine enorme Bandbreite." Außerdem müssten die Silben in extrem schneller Folge gesungen werden. "Sonst sind sie nicht sexy."

Wer also als Kanarienvogel sexy klingen will, muss das Letzte aus sich herausholen - und das fünf Monate lang, denn so lange dauert die Brutphase von Kanarienvögeln. Steht der Vogel das durch, demonstriert er der Frauenwelt: Hier trällert ein ganzer Kerl.

Warnung an "Badezimmer-Pavarottis"

Frühere Forschungsprojekte hätten diesen Zusammenhang belegt, sagt Leitner. Bei singenden Kanarienvögeln habe man sowohl den Luftdurchsatz als auch die Muskelaktivität gemessen, die bei "sexy Silben" besonders stark ist. Das Ergebnis: Nur wer körperlich fit ist, tönt sexy.

Eines aber können sich die Wissenschaftler noch nicht recht erklären: Während in freier Wildbahn den größeren Eiern statistisch gesehen mehr Männchen entsteigen, hatte der erotische Gesang bei den Weibchen in Gefangenschaft keinen messbaren Einfluss auf das Geschlecht des Nachwuchses.

Es müsse also noch weitere Möglichkeiten geben, wie das  Weibchen die Eiergröße beeinflusst, mutmaßen die Forscher. Welche das sind, wissen sie nicht. Ebenso wenig können sie eine weitere, nicht minder interessante Frage beantworten: Wie schaffen es die Weibchen, ihre Eier größer zu machen?

Die Zuverlässigkeit, mit der die Weibchen auf die Art des Gesangs reagierten, sei jedoch "bemerkenswert". Ebenso erstaunlich sei, dass das Trällern allein ausreiche, eine so tiefgreifende physiologische Veränderung auszulösen.

Die Wissenschaftler schicken deshalb auch gleich eine Warnung an die Menschen hinterher: "Badezimmer-Pavarottis, seid vorsichtig!"



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