Katastrophe in Haiti Wie ein Meteoriteneinschlag

Es ist das schlimmste Beben in Haiti seit Jahrhunderten - Geologen hatten mit einem schweren Schlag gerechnet. Die Inselwelt der Karibik wird zwischen zwei Erdplatten langsam zerrieben. Das Ergebnis ist eine Vielzahl von Risikozonen in dem Gebiet.
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Haiti: Inselstaat in der Erdbebenzone

Foto: DLR / DFD / ZKI

Haiti

Unter den Inseln der Karibik wirken höllische Kräfte. Beim interkontinentalen Zusammenstoß riesiger Erdplatten schieben sich in der Tiefe Millionen Tonnen schwere Gesteinspakete gegeneinander. Am Dienstagabend hielt der Meeresboden vor der Spannung nicht mehr Stand. In nur zehn Kilometern Tiefe brach das Gestein auf einer Länge von Dutzenden Kilometern Länge.

Erdbeben

Das der Stärke 7 ereignete sich 15 Kilometer südwestlich der Millionenstadt Port-au-Prince. Zwei Sekunden später erreichten die Bebenwellen die Oberfläche und erschütterten die Metropole. Hunderte Häuser stürzten ein, selbst der Präsidentenpalast hielt den Stößen nicht Stand. Zehntausende Bewohner sind offenbar obdachlos. In den Straßen lagen Tote und Verletzte. Wie viele Opfer es genau gab, ist noch nicht absehbar, zu groß ist die Verwüstung.

Über die genaue Stärke des Bebens waren sich Experten zunächst nicht einig: Während die US-Geologiebehörde USGS eine Magnitude von 7 gemessen hatte, kam das Geoforschungszentrum Potsdam auf eine Stärke von 7,2 - die Erde zitterte wie bei einem Meteoriteneinschlag.

Karibik in der Schraubzwinge

Geoforscher hatten vor solch einer Katastrophe in der Region gewarnt. Denn Erdplatten setzen die Karibik unter Druck wie eine Schraubzwinge: Von Westen her schiebt sich der Boden des Pazifiks - die Cocos-Platte - gegen die Region. Von Osten her drückt der Meeresgrund des Atlantiks. Beide Erdplatten tauchen unter die Karibische Platte, in der Tiefe werden sie quasi ausgequetscht. Im Untergrund bildet sich Magma, das regelmäßig an die Oberfläche durchbricht. So erhoben sich in Jahrmillionen die Vulkaninseln der Karibik. In ferner Zukunft wird die paradiesische Inselwelt in der Knautschzone beider Erdplatten zusammengeschoben und zerstört werden.

Europäische Seefahrer kennen die unterirdische Hexenküche länger als Wissenschaftler: Schon die ersten Entdecker wurden auf ihren Fahrten von explodierenden Untersee-Vulkanen erschreckt. Auch eine andere Folge der geologischen Massenkarambolage machte ihnen zu schaffen: Die abtauchenden Erdplatten hoben den Meeresboden, weshalb Schiffe immer wieder in Untiefen auf Grund liefen.

Gesteinsnaht zieht sich mitten durch Haiti

Vor der Ostküste der Inselkette liegt auch die tiefste Stelle des Atlantischen Ozeans, der 8400 Meter tiefe Puerto-Rico-Graben. Er markiert die Kollisionsfront mit dem Atlantikboden. Üblicherweise ereignen sich hier die schwersten Beben. Am Dienstag aber krachte eine ansonsten eher unauffällige Naht. Sie zieht sich mitten durch Haiti.

Der Crash der Erdplatten hat die Karibische Platte während der Jahrmillionen so zertrümmert, dass sie auf den Karten der Geologen aussieht wie eine gesprungene Glasscheibe (siehe Fotostrecke). Gesteinsnähte spalten die Erdkruste im ganzen Inselreich bis in große Tiefen. Entlang der Fugen verschieben sich die Gesteinspakete. Es staut sich Spannung, die sich bei Erdbeben entlädt. Die Risikozonen sind allerdings nur grob bekannt; Geologen haben Haiti bislang kaum untersucht.

Die frühesten Erzählungen über Erdbeben in der Region stammen von Seefahrern aus den Jahren 1493, 1502 und 1511. Seit dem 17. Jahrhundert häufen sich Berichte über Beben-Katastrophen in der Karibik und durch sie ausgelöste Tsunamis. Auf der Analyse der Historie der Gesteinsnähte beruhen die aktuellen Risikokarten.

Kaum erdbebensichere Bauten

Doch die Daten sind so lückenhaft, dass Wissenschaftler rätseln, wie gefährlich die bereits bekannten Nahtzonen wirklich sind. Manche verharren Jahrhunderte unter Spannung, ohne sich zu rühren - und bleiben deshalb oft unentdeckt.

Auf Haiti jedoch war die Gefahr bekannt. Seismologen um Paul Mann von der University of Texas hatten im März 2008 auf einer Fachtagung in der Dominikanischen Republik ein schweres Beben der Stärke 7,2 prognostiziert. Entlang der sogenannten Enriquillo-Plantain-Garden-Störung, die quer über die Insel verläuft, habe sich die Spannung seit 1751 auf weiter Strecke nicht abgebaut, warnten Mann und Kollegen.

Um sich gegen überraschende Schläge zu schützen, fordern Experten seit langem, Gebäude entsprechend zu sichern. Moderne Bauten in Japan oder den USA etwa können selbst starke Erschütterungen überstehen. In Haiti aber können sich die meisten Menschen erdbebensichere Architektur nicht leisten.

Außerdem wurden dort selbst einfache Vorkehrungen ignoriert, wie etwa Wände unten dicker zu bauen oder Verstrebungen zwischen die Gebäudeteile zu setzen, so dass Häuser größere Kräfte aufnehmen können. Alte Gebäude in den USA sind besser gebaut als neue in Haiti, die meist aus brüchigem Beton bestehen. Darin liegt wohl ein Grund für die Verheerung auf der Insel.

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