Katastrophe in Nordindien Warum der Klimawandel das Leben im Gebirge so gefährlich macht

Ein Erdrutsch hat im Himalaja eine Sturzflut ausgelöst. Immer noch werden 170 Menschen vermisst. Der Klimawandel macht diese Katastrophen wahrscheinlicher, sagen Forscher. Auch in den Alpen.
Erdrutsche kosten jedes Jahr Menschenleben: Im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand bergen Rettungskräfte nach der Sturzflut die ersten Opfer

Erdrutsche kosten jedes Jahr Menschenleben: Im nordindischen Bundesstaat Uttarakhand bergen Rettungskräfte nach der Sturzflut die ersten Opfer

Foto: Raja Gupta / EPA-EFE / Shutterstock

Wie aus dem Nichts rast die Flutwelle ein Tal entlang und reißt alles mit – Bäume, Häuser, Brücken, Dämme. Ein Handyvideo zeigt das ganze Ausmaß der Katastrophe, die sich in Nordindien ereignete. Die Amateurfilmer wurden Zeuge einer verheerenden Sturzflut im Bundesstaat Uttarakhand, bei der mehrere Menschen starben, mehr als 170 werden noch vermisst. Die Wassermassen rissen Brücken und Straßenabschnitte mit. Zwei Kraftwerke wurden unter den Fluten und Gesteinsmassen begraben. Zahlreiche Dörfer in der betroffenen Region wurden evakuiert.

DER SPIEGEL

Solche Katastrophen kommen im Hochgebirge immer wieder vor. Doch durch den Klimawandel könnte die Gefahr von Erdrutschen, Sturzfluten und Lawinen steigen – nicht nur im Himalaja, sondern auch in den Anden oder den Alpen. Geologen und Glaziologen beobachten deshalb weltweit größere Bewegungen von Gletschern, Stein- und Geröllhalden mit Sorge. Mit Satellitenaufnahmen und seismischen Messgeräten versuchen sie, die oft unzugänglichen Gegenden zu überwachen.

Die Ursachen für die Katastrophen sind nicht immer eindeutig: Zunächst sprachen die Behörden in Indien von einem »abgebrochener Gletscher«, der in einen Fluss gerutscht sei und die Sturzflut auslöste. Mehrere Forscher gehen aber mittlerweile davon aus, dass es sich um eine Stein- und Eislawine handelte, die wahrscheinlich auf einen überhängenden Gletscher oder Eismassen prallte, dann weiter raste und am Ende eine Sturzflut im Tal auslöste. Grund für die Wassermassen sind wahrscheinlich zwei zerstörte Wasserwerke und die schmelzenden Eismassen der Lawine. Ob jedoch ein Gletscher auf Geröllmassen krachte oder umgekehrt rutschende Erdmassen einen Gletscher abbrachen, ist bisher noch ungeklärt.

»Die Eis-Geröll-Lawine startete in einer Höhe von 5600 Metern und prallte in 3800 Metern auf das Wasserwerk – da sind unglaubliche Kräfte am Werk und beängstigende Geschwindigkeiten«, beschreibt die Geologin Kristen Cook die Katastrophe gegenüber dem SPIEGEL. Sie forscht am Deutschen Geoforschungs-Zentrum GFZ in Potsdam und hat bereits 2016 auf der nepalesischen Seite des Hochgebirges den Ausbruch eines Gletschersees mit Seismometern aufgezeichnet. Damals war es zu einer Sturzflut gekommen, weil der natürliche Damm eines Bergsees gebrochen war. 100.000 Tonnen Wasser gerieten in Bewegung und stürzten talwärts. Wie zerstörerisch die Fluten sind, wertete Cook anschließend im Fachmagazin  »Science« aus.

Lebensgefahr durch schrumpfende Gletscher

Die Gletscher im Himalaja schrumpfen wegen des Klimawandels seit Jahren in hohem Tempo. Laut einer Studie von 2019 verlieren die Eisriesen durchschnittlich acht Milliarden Tonnen Eis pro Jahr. Von den Tausenden Gletschern in dem größten Gebirge der Welt wird mindestens ein Drittel der Gletschermasse bis zum Ende des Jahrhunderts verschwunden sein.

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Todesfalle Erdrutsch

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Das Gletschersterben verfolgen Forscher in allen Hochgebirgen. Grund sind steigende Durchschnittstemperaturen, auch in höheren Lagen. Die Eismassen sind je nach Region mehrere Hundert Meter dick und teils Tausende Quadratkilometer groß. Im Sommer haben Gletscher weniger Volumen als im Winter, wo sich Eis und Schnee ablagern. Doch durch den Klimawandel übersteigt das Schmelzen diese natürliche Schwankung – es kommt zu einem Nettoverlust an Eis.

Erste Gletscher wurden bereits als »tot« erklärt: 2019 stellten Anwohner in Island eine Gedenktafel für den 700 Jahre alte Okjökull-Gletscher auf, der fast komplett abgeschmolzen ist.

Der Rückzug der Eiszungen ist gut dokumentiert und hat fatale Folgen. Durch die höheren Temperaturen ziehen sie sich zurück und ihr Schmelzwasser läuft die Berghänge hinunter, sammelt sich in Bergseen oder wird von felsigen Trümmern aufgestaut. Dadurch hat die Zahl der Bergseen in den vergangenen hundert Jahren zugenommen . Das wiederum kann für die Menschen im Tal gefährlich werden – etwa, wenn die natürlichen Trümmerdämme brechen oder Steine und Geröll in Bewegung bringen, wie im aktuellen Fall in Nordindien.

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»Es ist zu früh, etwas zum Anteil des Klimawandels an der Katastrophe in Indien zu sagen«, so der kanadische Geomorphologe Dan Shugar. Er beobachtet die Katastrophe in Indien via Satellit. Allerdings hätten jüngste Forschungen gezeigt , dass es einen klaren Zusammenhang zwischen dem Rückzug von Gletschern und der Zunahme an Erdrutschflächen gebe. Dadurch erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit für Gerölllawinen, heißt es in der Studie. Mögliche Ursache für Erdrutsche sind laut Forschern auch das Schmelzen von Eis in Felsspalten. Dadurch geraten die Steine dann in Bewegung.

»Irrsinnige Zerstörungskraft«

Jedes Jahr sterben auch in den Alpen Menschen durch Erdrutsche oder Lawinen. Meistens sind die Opfer einsame Wanderer, die entsprechende Warnungen ignorieren. In den französischen Alpen musste 2018 ein ganzes Bergdorf durch eine Luftbrücke versorgt werden. Es war durch einen Erdrutsch von der Außenwelt abgeschnitten.

»Es ist wahrscheinlich, dass sich solche Katastrophen in den nächsten Jahrzehnten weltweit häufen«, meint auch die Glaziologin Andrea Fischer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Gespräch mit dem SPIEGEL. Sie arbeitet für das Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung. Auch in den Alpen gebe es in größeren Abständen immer wieder Gletscherbrüche, Lawinen oder Erdrutsche. Solche Katastrophen habe es in höheren Lagen schon immer gegeben – allerdings in großen Abständen von mehreren Jahrzehnten. Grund dafür seien natürliche Schmelzprozesse und herabfallende Gesteinsbrocken, die für Bewegung im Gebirge sorgten.

Wenn durch den Klimawandel die Temperaturen steigen oder es in unregelmäßigen Abständen taut und wieder gefriert, steigere das aber die Gefahr von auftauendem Permafrost oder volllaufenden Gletscherseen, die sich dann in Täler ergießen können, meint Glaziologin Fischer, die das Phänomen von Erdrutschen in den Alpen beobachtet.

Auch die Gletscher legten durch ihren Rückzug Geröll frei, und das Tauen des Permafrostbodens – einer dauerhaft gefrorenen Bodenschicht im Hochgebirge oder Polarkreis mache den Boden locker. »Wenn der Boden schmilzt, dann werden Geröll und Schlamm frei, die durch Schnee oder Wasser ins Rutschen geraten können«, so Fischer.

Diese Geröll-Eis-Lawine bewege sich dann talwärts und reiße immer mehr Schuttmassen mit. »Diese Erdrutsche und Gerölllawinen haben eine irrsinnige Zerstörungskraft und sind die für menschliche Siedlungen gefährlichsten Ereignisse im Hochgebirge«, so die Glaziologin.

Diesen Mechanismus beobachte man in allen Hochgebirgen, meint auch GFZ-Forscherin Cook. Im Himalaja sei nur die Wahrscheinlichkeit höher, weil es mehr Gletscher und Geröllvolumen gebe. Lawinen und Fluten seien deshalb weitaus gefährlicher.

Anders als im Himalaja seien die Alpen aber viel besser untersucht. »Hier ist fast jeder Quadratmeter überwacht«, meint Alpenexpertin Fischer. So können die Bergbewohner besser vorgewarnt werden. Außerdem sammeln die Forscher Daten, um Aussagen zur Häufigkeit und Intensität von solchen Bergkatastrophen machen zu können.

Eine Häufung von Erdrutschen konnten die Forscher bisher allerdings noch nicht feststellen. Dazu seien die Messreihen zur kurz. Zuerst trifft es laut Fischer wahrscheinlich Gebiete in tieferen Lagen, da die Temperaturen dort schneller über den Gefrierpunkt steigen.

»Früher waren die meisten Dörfer in Hochgebirgen höher gelegen, weil die Menschen wussten, dass es dort sicherer ist«, so Glaziologin Fischer. Heute seien gerade in Tallagen viele Siedlungen gebaut worden, darunter entlang von Flüssen. »Hier brauchen wir gute Warnsysteme und müssen im Zweifelsfall schnell evakuieren.«