Steinzeitliches Massensterben Mensch, du warst der Killer!

Weltweit starben die Riesen unter den Tieren vor Zehntausenden Jahren aus. War es ein Klimawandel oder war es der Mensch? Forscher glauben nun, das klar beantworten zu können - und fällen einen Schuldspruch.

Peter Trusler/ Monash University

Ein australisch-amerikanisch-deutsches Forscherteam um den Paläontologen Sander van der Kaars glaubt, stichhaltige Indizien gefunden zu haben, die eine uralte Streitfrage beantworten sollen: Was war schuld am zu unseren Tagen letzten Massensterben der Megafauna - Mensch oder Klimawandel? Kaars und Kollegen zeigen mit einer in den "Nature Communications" veröffentlichten Studie über das Verschwinden der australischen Megafauna, dass ein Klimawandel nichts mit diesem Massensterben zu tun hatte - der Mensch verursachte das offenbar aus eigener Kraft.

Egal, wohin man blickt: Irgendwann in einem Zeitfenster von 50.000 bis 10.000 Jahren vor unserer Zeit fegte ein Massensterben die meisten großen Tiere hinfort. Allein in Afrika überlebten Teile der Großfauna - möglicherweise, weil nur dort der Mensch keine invasive Art war. Trotzdem wird seit Jahrzehnten über die Ursachen des Massensterbens debattiert: Zumindest in der nördlichen Hemisphäre fällt das große Sterben auch mit großen klimatischen Veränderungen zusammen. Und wem oder was traut man dann mehr Einfluss zu, Giganten wie Mammuts in den Untergang zu treiben: Ein paar versprengten Menschen mit Speeren oder einer totalen Veränderung aller Biotope?

Sander van der Kaars und seine Kollegen argumentieren, dass es wohl tatsächlich nicht mehr als ein paar Menschen mit Speeren brauchte, um einen "unmerklichen Overkill" einzuleiten. Kängurus mit 500 Kilogramm Gewicht, zwei-Tonnen-Wombats, 200-Kilo-Vögel, 150 Kilogramm schwere Beutelwölfe, mehr als eine Tonne wiegende Raub-Warane oder Schildkröten von der Größe eines VW Käfer gab es vor 50.000 Jahren an vielen Orten Australiens. 5000 Jahre später gab es sie nicht mehr.

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Megafauna: Australiens ausgestorbene Giganten

Was sich noch verändert hatte: Es ist genau das Zeitfenster, in dem sich der Mensch über Australien zu verbreiten begann. Was es hingegen in keiner Weise gab, war ein Klimawandel. Das, glauben van der Kaars und seine Kollegen, lasse auch Rückschlüsse auf die Rolle des Menschen beim Massensterben in anderen Weltgegenden zu. Zumindest in Australien war offenbar der Mensch der einzige und damit entscheidende Faktor.

Barbecue bis zum Point of no return

Und das, obwohl sich die vor 50.000 bis 60.000 Jahren nach Australien einwandernden Aborigines nur sehr langsam über den für sie neuen Kontinent verbreiteten. Bisher war dies das Argument, das meist vorgebracht wurde, den Menschen als Täter im Großfauna-Massensterben zu entlassen. Es habe dafür aber auch nicht viel gebraucht, argumentieren nun van der Kaars und Co.: Große Tiere haben weniger Nachwuchs und eine geringere Populationsdichte.

Schon 2006 habe eine Hochrechnung ergeben, dass es bereits gereicht hätte, wenn Aborigines pro Person ein Großtier pro Jahrzehnt getötet hätten, um deren Population unmerklich, aber auch unhaltbar sinken zu lassen - bis zu einem Punkt, an dem der Arterhalt nicht mehr gewährleistet gewesen wäre. Ohne das in ihrer jeweiligen Lebenszeit selbst auch nur bemerken zu können, hätten Menschen dann "nur wenige Jahrhunderte" gebraucht, die Megafauna zu vernichten, meint Ko-Autor Gifford Miller von der University of Colorado.

Und genau das ist es, was Miller und van der Kaars nun aus marinen, küstennahen Sedimenten lasen: Bis in tiefe Schichten, aber nur bis zu einem Punkt vor 50.000 Jahren, finden sich da Ablagerungen, die auf Kot von Großtieren sowie auf Pilze, die diesen Kot zersetzen, zurückgehen. Und dann verschwinden diese Spuren im Sediment einfach - ein Wechsel, der allenfalls wenige Jahrtausende gedauert haben kann. Am Ende dieses Prozesses lief der dominante Vertreter australischer Großlebewesen auf zwei Beinen - und 85 Prozent aller Tiere mit mehr als 50 Kilogramm Körpergewicht waren verschwunden.

pat

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