Kiefernsterben Käfer macht Wälder zu Klimagas-Quellen

Ein fünf Millimeter kleiner Käfer tötet im Westen Kanadas Millionen von Bäumen - und beeinflusst damit sogar das Weltklima. Besonders bedrohlich: Die Käferplage wurde in diesem Ausmaß erst durch den Klimawandel möglich. Jetzt verstärkt sie ihn.

Wald in British Columbia (Januar 2008): "Längst auch Wälder der Provinz Alberta betroffen"
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Wald in British Columbia (Januar 2008): "Längst auch Wälder der Provinz Alberta betroffen"

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Erst grün, dann rot, dann grau, dann tot: In den Kiefernwäldern der westkanadischen Provinz British Columbia vollzieht sich derzeit millionenfach eine traurige Verwandlung. Einstmals gesunde Bäume, vornehmlich Küstenkiefern, sterben binnen kurzer Zeit ab. Schuld daran ist ein fünf Millimeter kleiner Schädling, der Bergkiefernkäfer. Seine Larven - und der durch die Borkenkäfer eingeschleppte Bläuepilz - bringen den Nährstofffluss in den Bäumen binnen kurzer Zeit zum Erliegen.

Zunächst machen sich sogenannte Pionier-Weibchen auf den Weg. Haben sie ein interessantes Ziel gefunden, senden sie Lockstoffe aus, die Heerscharen von Männchen anlocken. 1000 bis 2000 Käfer reichen aus, um einen Baum zu töten. Mehr als 130.000 Quadratkilometer Wald sind in den vergangenen Jahren auf diese Weise zerstört worden, was fast der doppelten Fläche Bayerns entspricht. In manchen Bereichen, wo auch andere Baumarten wachsen, ist der Wald nicht komplett tot, doch auch das gibt es.

Ein Forscherteam um Werner Kurz von der kanadischen Forstverwaltung in Victoria hat sich nun daran gemacht, die Auswirkungen des gigantischen Sterbens auf das Weltklima zu berechnen. Im Fachmagazin "Nature" machen die Wissenschaftler eine beunruhigende Rechnung auf: Die westkanadischen Wälder dürften sich für längere Zeit von einem CO2-Speicher in eine CO2-Quelle verwandeln.

Im Zeitraum zwischen den Jahren 2000 und 2020 entsteht den Berechnungen zufolge ein Nettozuwachs von 990 Megatonnen Kohlendioxid. Das Problem daran: Diese Emissionen sind nach Ansicht von Kurz und seinen Kollegen nicht in den gängigen Klimamodellen berücksichtigt. "Wenn man sich den Standard der großflächigen Klimamodellierung ansieht, wird das oft ignoriert, weil es zusätzliche Komplexität hereinbringen würde und Daten nötig macht", sagt Kurz. Daten zum Einfluss von Insektenplagen auf das CO2-Budget seien nämlich nur sehr kompliziert zu sammeln - und lägen oft nicht vor.

Die Käfer sterben in harten Wintern, doch die bleiben oft aus

In der Zeit vor der Käferplage seien die westkanadischen Wälder dagegen eine größere CO2-Senke gewesen - trotz Waldbränden, Holzeinschlag und kleinerer Schädlingsattacken. Doch mit der positiven Klimawirkung dürfte es für längere Zeit vorbei sein. Erst ab dem Jahr 2020, so die Forscher, könnte sich der Wald langsam wieder erholen. Aber auch das werde nicht überall in gleichem Umfang passieren.

Im Fall der sterbenden Bäume von British Columbia gibt es eine gefährliche Rückkopplung. Das geschieht auch anderswo: Das Eis der Arktis etwa schmilzt wegen des vom Menschen verursachten Treibhauseffekts - und heizt diesen weiter an, da es weniger Sonnenlicht ins All reflektiert. So ähnlich verhält es sich auch in den Wäldern Kanadas, denn die verheerende Käferepidemie wurde durch den Klimawandel überhaupt erst möglich. Wegen höherer Temperaturen und milder Winter konnte sich der Käfer stark ausbreiten. Bereits früher hatte es Käferplagen gegeben, doch die fanden stets ihr Ende in harten Wintern.

Nun aber breiten sich die Schädlinge immer weiter aus, berichtet John MacLean von der University of British Columbia im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Längst sind auch die Wälder der Provinz Alberta betroffen." Nun warten die Forscher, ob der Käfer seinen Speiseplan möglicherweise sogar noch ausweitet. "Es könnte sein, dass auch die Strauchkiefern des borealen Nadelwaldes gefährdet sind", sagt MacLean. Das wäre ein weiterer, noch verheerenderer Schlag für das Klima.



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