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08. Dezember 2013, 20:04 Uhr

Klima

Arktisschmelze könnte Extremwetter in Europa verstärken

Die Eis- und Schneefläche der Arktis schrumpft seit Jahrzehnten dramatisch. Forscher berichten, das führe zu mehr Wetterextremen auf der Nordhalbkugel - wie etwa der Hitzewelle im Sommer 2010. Doch die These ist umstritten.

Die schmelzende Arktis kann nach Forscherangaben nicht nur zu eisigen Wintertagen in Europa führen, sondern auch zu Dürren und Fluten im Sommer. Einen Zusammenhang zwischen den schwindenden Eisflächen im Nordpolargebiet und Kälteeinbrüchen im Winter hatten einige Klimatologen bereits gezogen. Nun berichtet ein Team aus China und den USA im Fachblatt "Nature Climate Change": Durch den Rückgang der Schnee- und Eisdecke verändere sich die Luftzirkulation in der Atmosphäre, so dass im Sommer Wetterlagen länger andauern, was extreme Ereignisse in Europa, Asien und Nordamerika verursachen oder verstärken könnte.

Seit etwa 1980 stellen Forscher fest, dass die Eisfläche der Arktis tendenziell schrumpft. In jedem Jahrzehnt ist die Ausdehnung der Eisdecke bei ihrem jährlichen Minimalwert im September demnach um etwa acht Prozent zurückgegangen. Auch die Arktisfläche, die in höheren Lagen im Frühjahr noch von Schnee bedeckt ist, hat in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich abgenommen - um knapp 18 Prozent pro Jahrzehnt zwischen 1979 und 2011. Gleichzeitig gab es in der Vergangenheit viele Extremwetterereignisse in den mittleren Breiten, etwa die Hitzewellen in Russland und den USA in den Jahren 2010 und 2012 oder die verheerenden Regenfälle und Überschwemmungen in Großbritannien 2007 und 2012.

Nachlassende Winde, verschobenes Starkwindband

Ob die beiden Beobachtungen miteinander in Beziehung stehen - und wenn ja, wie - ist unter Fachleuten umstritten. Qiuhong Tang von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (Peking) und seine Mitarbeiter argumentieren jetzt dafür, dass eine veränderte Zirkulation in der Atmosphäre das verbindende Element ist. Sie haben für ihre Studie Satellitenbilder und atmosphärische Daten ausgewertet.

Demnach lassen infolge des Schnee- und Eisverlusts die Winde in der oberen Atmosphäre nördlich von 60 Grad nördlicher Breite nach. Außerdem verlagere sich ein Starkwindband weiter nach Norden, schreiben die Forscher. Damit würden die Wetterlagen stabiler, wodurch wiederum die Wahrscheinlichkeit von Extremwetter-Ereignissen im Sommer zunähme.

In einem Begleitartikel in "Nature Climate Change" äußert sich James Overland von der US-Meeresbehörde zurückhaltender. Forscher, die andere Analysemethoden genutzt hätten, seien zu anderen Ergebnissen gekommen. Wer die These bisher noch nicht für erwiesen halte, würde wegen der aktuellen Studie nicht seine Meinung ändern, meint Overland.

Schon vor einigen Jahren hatten Forscher berichtet, dass das schmelzende Arktiseis extreme Kälteeinbrüche im Winter in Europa und Nordasien wahrscheinlicher mache. Das offene, dunkle Meer heize die unteren Luftschichten auf. Dies führe zu einer Luftströmung, die in Computersimulationen kalte Winterwinde nach Europa bringt, erklärten die Wissenschaftler vom Alfred-Wegener-Institut (Awi) in Bremerhaven und vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (Pik).

wbr/dpa

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