Klima Globales Meereis schrumpft dramatisch

Normalerweise wächst das Meereis im Herbst - dieses Jahr hat sich der Trend umgekehrt: Es schrumpft. Was geht da vor?
Schrumpfung des arktischen Meereises: September 2016 im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010 Mitte September

Schrumpfung des arktischen Meereises: September 2016 im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010 Mitte September

Foto: AP/ NSIDC

Nördlich von Spitzbergen ist es dunkel geworden, dort geht die Sonne nicht mehr auf. Die Polarnacht hat begonnen, der Winter naht, die Arktis kühlt aus - rund minus 25 Grad herrschen dort Mitte November. Normalerweise.

Dieses Jahr ist alles anders.

Die vergangenen Wochen lag die Temperatur in der Arktis oft nur knapp unter null, es war im November tagelang 20 Grad wärmer als üblich. Im Durchschnitt war es im Oktober vielerorts acht Grad milder als normal.

Abweichung der Lufttemperatur im Oktober in der Arktis

Abweichung der Lufttemperatur im Oktober in der Arktis

Foto: NSIDC/ NOAA

Eine Folge ist aus der Luft sichtbar: Die Meereisdecke, die im Herbst gewöhnlich rasch zunimmt, ist gut eine Million Quadratkilometer kleiner als üblich zu dieser Jahreszeit, also etwa um dreimal die Fläche Deutschlands zu klein.

Ausdehnung des Meereises in der Arktis im Oktober 2016 (weiß) im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt (rote Linie)

Ausdehnung des Meereises in der Arktis im Oktober 2016 (weiß) im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt (rote Linie)

Foto: NSIDC

Doch nicht nur die Arktis meldet einen Negativrekord seit Beginn der Satellitenmessungen vor knapp 40 Jahren für diese Jahreszeit.

Ausdehnung des Meereises der Arktis im Jahresverlauf im Vergleich zum Durchschnitt von 1981 bis 2010

Ausdehnung des Meereises der Arktis im Jahresverlauf im Vergleich zum Durchschnitt von 1981 bis 2010

Foto: NSIDC

Noch dramatischer wirkt jene Datenkurve, die die weltweite von Meereis bedeckte Fläche nachzeichnet. Sie fällt vollkommen aus dem Rahmen: Anstatt zu steigen wie sonst zu dieser Jahreszeit, stagniert und fällt sie seit Wochen, die Meereisfläche ist erheblich kleiner als normal.

Normalerweise dominiert das Zufrieren der Arktis den Trend. Dieses Jahr aber überlagern sich zwei besondere Entwicklungen.

Monatlich gemessene Ausdehnung des arktischen Meereises seit 1979

Monatlich gemessene Ausdehnung des arktischen Meereises seit 1979

Foto: NSIDC

Neben dem langsamen Zufrieren der Arktis taut das Meereis um die Antarktis ungewöhnlich stark. Zwar ist Frühling am Südpol, das Meereis schmilzt wie immer zur warmen Jahreszeit. Doch dieser Tage verzeichnet es ebenfalls einen Negativrekord.

Meereis um Antarktis (weiß) im Oktober 2016: Die rote Kreis zeigt die durchschnittliche Ausdehnung im Oktober.

Meereis um Antarktis (weiß) im Oktober 2016: Die rote Kreis zeigt die durchschnittliche Ausdehnung im Oktober.

Foto: NSIDC

Beide Extreme summieren sich zu jener bedrohlich gekrümmten Datenkurve, die eine Abnahme des globalen Meereises anzeigt, wie sie seit Beginn der Satellitenmessungen noch nicht beobachtet worden ist.

Vergleich der Ausdehnung des Meereises in der Arktis: September 1984 und September 2016
Vergleich der Ausdehnung des Meereises in der Arktis: September 1984 und September 2016

Vergleich der Ausdehnung des Meereises in der Arktis: September 1984 und September 2016

Foto: NASA / NASA

In der Arktis wirkt sich nicht nur das milde Wetter aus. Auch das Meer ist wärmer als üblich, sodass die in diesem Jahr eh nicht sonderlich dicke Eisdecke sich nur langsam schließen kann.

Abweichung der Meeresoberflächentemperatur Ende Oktober vom langjährigen Mittel zu dieser Jahreszeit

Abweichung der Meeresoberflächentemperatur Ende Oktober vom langjährigen Mittel zu dieser Jahreszeit

Foto: NSIDC/ Climate Change Institute/ University of Maine

Die Ursachen des Negativrekords in der Antarktis aber sind unklar. "Bisher ist alles Spekulation", sagt Lars Kaleschke, Meereisforscher an der Universität Hamburg.

Im Oktober war Wissenschaftlern aufgefallen, dass starke Westwinde das Meereis vor dem Südkontinent zusammengeschoben und andernorts in niedrigere Breiten gepresst hatten, wo es taute. Die Winde könnten ein Grund sein für das Meereisdrama.

Der Unterschied in der Antarktis zum Normalen ist weniger groß als in der Arktis, doch er überrascht ebenso: Das Meereis vor der Antarktis wächst im Trend der vergangenen 40 Jahre - trotz globaler Erwärmung. Die vergangenen Wochen bedeuten eine seither nicht gemessene Schrumpfung.

Die Entwicklung in der Arktis könne teils mit der globalen Erwärmung erklärt werden, sagt Kaleschke. Die Region hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erwärmt.

Meereiskonzentration im Oktober 2016: Die blauen Bereiche zeigen Schwund im Vergleich zu Durchschnittsmenge

Meereiskonzentration im Oktober 2016: Die blauen Bereiche zeigen Schwund im Vergleich zu Durchschnittsmenge

Foto: NSIDC

Die Größe der Meereisfläche in der Antarktis hingegen sei "von zufälligen Entwicklungen geprägt", ergänzt der Forscher. Wetterschwankungen und Ozeanströmungen bestimmen die Entwicklung - der Einfluss des Klimawandels lässt sich bislang nicht nachweisen.

Kaleschkes Resümee: "Aufgrund der großen antarktischen Variabilität ist die globale Meereisfläche nicht besonders aussagekräftig, die langfristig zu beobachtende Meereis-Abnahme in der Arktis hingegen schon."

Die Ausdehnung des Meereises allein zeigt zwar noch nicht, ob die Eismenge im Meer abnimmt - schließlich könnten die Schollen mit zunehmender Dicke die abnehmende Fläche kompensieren. Das geschieht, wenn Wind Eisschollen übereinander schiebt.

Doch auch Messungen der Dicke des Meereises in der Arktis zeigen Schrumpfung. Klimaforscher erkennen darin eine Folge der globalen Erwärmung. Sie erkunden, wie das schwindende Eis Wetter und Klima verändern wird.

Das dickste Eis der Arktis (helles Weiß-Blau, es bedeckte einst eine deutlich größere Fläche) schrumpft Studien zufolge um gut zehn Prozent pro Jahrzehnt seit Ende der Siebzigerjahre.

Das dickste Eis der Arktis (helles Weiß-Blau, es bedeckte einst eine deutlich größere Fläche) schrumpft Studien zufolge um gut zehn Prozent pro Jahrzehnt seit Ende der Siebzigerjahre.

Foto: NASA

Das Tauen verstärkt sich selbst: Schrumpfende Schollen legen Meerwasser frei, das von der Sonne stärker erwärmt wird als das Eis. Wärmeres Wasser verstärkt das Tauen des Meereises.

Manche Forscher fürchten deshalb, dass eine fatale Kettenreaktion in Gang gekommen ist, die sich nicht mehr stoppen lässt. Eine eisfreie Arktis im Sommer könnte die Folge sein. Sie würde die globale Erwärmung beschleunigen.