Greenwashing mit Waldschutzprojekten Klimaschutz-Zertifikate vieler Unternehmen offenbar völlig überbewertet

Der Handel mit Klimaschutz-Zertifikaten ist zu einem lukrativen Geschäft geworden. Unternehmen wie Disney, Shell oder Gucci sollen dabei in deutlich überschätzte Waldschutzprojekte investiert haben.
Waldschutzgebiet Alto Mayo in Peru

Waldschutzgebiet Alto Mayo in Peru

Foto: Mark Bowler / Nature Picture Library / IMAGO

In Zeiten der globalen Klimakrise stehen viele Unternehmen und Konzerne vor der Herausforderung, CO₂ einzusparen. Firmen, die industrielle Produkte herstellen und weltweit verkaufen, können aber nur bedingt klimaschädliches Kohlendioxid reduzieren. Deshalb kaufen große Konzerne unter dem Druck von Kunden und Investoren sogenannte CO₂-Zertifikate.

Klimakrise

Lesen Sie mehr über die neuesten Entwicklungen, Hintergründe und spannenden Lösungsansätze in unserem Themenspezial.

Alle Artikel

Die Idee hinter dieser Form der Kompensation gleicht einer Art Ablasshandel und ist zu einem großen Geschäft geworden: Die Unternehmen geben werbewirksam Geld für den Waldschutz oder andere Projekte wie klimafreundliche Energietechniken aus – und dürfen dafür weiter CO₂-Emissionen freisetzen.

Wie eine Recherche der »Zeit« , der britischen Tageszeitung »Guardian« und des britischen Reporterpools SourceMaterial nun ergab, sollen bei der Bewertung dieser CO₂-Zertifikate für Waldschutzprojekte fragwürdige Methoden angewandt worden sein. Offenbar wurden Millionen Klimaschutz-Zertifikate verkauft, die es nicht hätte geben dürfen, weil die CO₂-Kompensation der Projekte stark überbewertet sind. Betroffen seien Unternehmen wie SAP, Bayer, Boeing, Disney, Shell oder Gucci.

Im Zentrum der Kritik steht ein Unternehmen, das Zertifikate bewertet und Weltmarktführer in dem Bereich ist. Wie Untersuchungen der Methodik des industrienahen Dienstleisters zeigen sollen, wurden viele Prognosen zur Entwicklung von zertifizierten Waldgebieten zu positiv gezeichnet. Forscherteams untersuchten 29 der 87 tropischen Waldschutzprojekte der Firma. Das Ergebnis: Über 90 Prozent der Zertifikate aus diesen Projekten sind wertlos. 89 Millionen Tonnen CO₂, die berechnet wurden, werden tatsächlich gar nicht eingespart.

Dehnbare Klimaschutzfaktoren

Die Firma weist diese Zahlen zurück. Zwar hätten die Untersuchungen nützliche Daten geliefert, aber die Schlussfolgerungen seien »falsch«, berichtet die »Zeit«. Die Methodik würde lokale Faktoren nicht berücksichtigen – das erkläre den Unterschied in den Berechnungen.

Weltweit gelten Wälder als wichtige Speicher von Kohlenstoff. Aber wenn Bäume gefällt werden oder Stürmen zum Opfer fallen, gelangt der Kohlenstoff in die Atmosphäre.

Ein generelles Problem beim Handel mit Zertifikaten aus Waldschutzprojekten ist, dass die Bewertungen zur Klimaschutzwirkung auf Prognosen beruhen, die in die Berechnungen mit einfließen. Eingepreist werden muss beispielsweise, wie viel Wald ohne die Schutzprojekte in einem bestimmten Gebiet verschwunden wäre – ein Faktor, der leicht überbewertet werden kann.

Neu ist die Greenwashing-Kritik am Handel mit CO₂-Zertifikaten nicht. Expertinnen und Experten fordern schon länger strengere Regeln auf dem Klimaschutzmarkt. Der ehemalige Umweltminister von Panama sprach gegenüber dem SPIEGEL kürzlich  von einem »Betrug am Klimaschutz und am Verbraucher«.

joe
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.