Klima-Kongress in Hamburg Drohungen für den guten Zweck

Die öffentliche Debatte über die Schuld des Menschen am Klimawandel hat sich binnen weniger Wochen erledigt. Politiker und Forscher befinden sich mitten in der nächsten Stufe: Wie wird Deutschland mit der Erwärmung fertig?

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Hamburg - Ole von Beust kann dem vergangenen Winter durchaus Positives abgewinnen - auch wenn Hamburgs Skifreunde diesmal auf ihre Loipe im Stadtpark verzichten mussten. "Ohne den warmen Winter hätte die öffentliche Debatte über den Klimawandel sicher nicht diesen Tiefgang erreicht", sagte der erste Bürgermeister der Hansestadt am heutigen Montag bei einem Klimawandel-Kongress.

Qualmender Auspuff: Hamburg will Vorreiter im Klimaschutz werden
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Qualmender Auspuff: Hamburg will Vorreiter im Klimaschutz werden

Das Treffen im Hamburger Hotel Grand Elysee hat bewiesen, dass sich die öffentliche Debatte über den Klimawandel mit atemberaubender Geschwindigkeit von der Grundlagenforschung in die Tagespolitik verlagert. Nur sechs Wochen nach der Vorstellung des jüngsten Weltklimarat-Berichts ist die Debatte über die Verantwortung der Menschheit am Klimawandel praktisch passé: Die globale Erwärmung ist zur lokalen Bedrohung geworden. Was bisher hauptsächlich in Spezialisten-Zirkeln unter Stadtplanern, Küsteningenieuren und Wasserwirtschaftlern diskutiert wurde, ist plötzlich ein Thema für Politiker, Top-Klimaforscher und TV-Sender.

Entsprechend gut sind die Aussichten, beim Wähler zu punkten - zur Not auch mit kaum verhüllten Drohungen an die Industrie. Wenn Appelle an freiwillige Bemühungen zum Klimaschutz nicht fruchteten, "hat die Politik auch national die Aufgabe, dieses durch gesetzgeberische Maßnahmen zu erzwingen", sagte von Beust. "Die Wirtschaft wäre klug beraten, das zu verstehen und nicht zu versuchen, mit gedanklichen oder argumentativen Verdrängungsprozessen den notwendigen Maßnahmen zu entkommen."

Hamburg will Vorbild werden

Starke Worte, denen von Beust einen konkreten Plan folgen lässt: Im Sommer werde der Hamburger Senat ein Klimaschutz-Programm vorstellen. Der Plan habe drei Schwerpunkte: Die Förderung erneuerbarer Energien, die effizientere Nutzung von Energie und die Senkung des Kohlendioxid-Ausstoßes insbesondere im Verkehrssektor. "Tabu- und scheuklappenfrei" werde man diese Aufgaben angehen, sagte von Beust. "Und wir werden dabei auch vor unpopulären Dingen nicht zurückschrecken."

Immerhin gelte es, auf lokaler und regionaler Ebene eine Antwort zu finden auf den Teil der Klimaerwärmung, der ohnehin nicht mehr zu verhindern ist. Das betreffe etwa die Sicherheit der Deiche und den Schutz vor Sturmfluten. Zudem werde man den Anteil regenerativen Energien am Stromverbrauch der Stadt und ihrer Gesellschaften "kurzfristig" von 12 auf 25 Prozent erhöhen. "Damit werden wir in Deutschland vorne liegen", so von Beust.

Man müsse eben mit gutem Beispiel vorangehen - weshalb man künftig bei der Beschaffung staatlicher Dienstwagen auf Modelle mit "hervorragender Energie- und CO2-Bilanz" wechseln werde. Man darf gespannt sein, ob Hamburgs Polizisten, ganz zu schweigen von seinen Politikern, demnächst nicht mehr in Limousinen der gehobenen Mittelklasse oder darüber Dienst tun.

Entspannter Kampf gegen den Klimawandel?

Bei Mojib Latif klingt das alles entspannter. Der Forscher des Kieler Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) hält wenig von übertriebener Hektik im Kampf gegen den Klimawandel. Wenn man sich die Entwicklung der Temperaturen und CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre über Zeiträume von Jahrhunderten anschaue, erscheine es nicht weiter erheblichi, ob man heute oder erst in zehn Jahren mit der Begrenzung des Kohlendioxid-Ausstoßes beginne. Man müsse lediglich eine "radikale Senkung" bis zum Ende des Jahrhunderts geschafft haben. "Der Umbau der Weltwirtschaft kann deshalb allmählich und ohne große Verwerfungen geschehen", ruft Latif seinem Hamburger Publikum zu.

Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, schüttelt darüber leicht erregt den Kopf. Latif erliege einer "Fehlwahrnehmung", die allein auf der Perspektive der Klimaforschung beruhe. Aus wirtschaftlicher Sicht bestehe nämlich durchaus Grund zur Eile. "Bis zum Jahr 2030 wird sich der weltweite Stromverbrauch voraussichtlich verdoppeln", sagte Edenhofer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Deshalb würden Schwellenländer wie China in den nächsten Jahren gigantische Summen in neue Kraftwerke investieren.

Die neue Infrastruktur stehe dann für Jahrzehnte fest. Schon in den Jahren 2008 bis 2012 müsse deshalb ein "klares Signal" in der internationalen Politik kommen, meint Edenhofer. Insbesondere die USA müssten sich stärker engagieren. Denn wenn die vielen neuen Kraftwerke in den Schwellenländern nicht im Sinne des Klimaschutzes konstruiert würden, "bekommen wir die Sache nicht mehr in den Griff".

Mit seiner Verlagerung in die Politik scheint der Kampf gegen den Klimawandel ein neues Problem zu bekommen: Klimaforscher, Politiker und Ökonomen müssen sich nun verstehen. Peter Herzig, Professor am IFM-Geomar, scheint deshalb mit seinem Vortrag im Elysee-Hotel auf Ballhöhe zu sein: Er forderte einen "nationalen Forschungsverbund Klimawandel" - als Vermittlungsstelle zwischen Atmosphärenforschern, Meereswissenschaftlern und Wirtschaftsfachleuten.



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