Klima-Projektion Immer mehr Glutofen-Tage am Mittelmeer

Rom 43°, Athen 45° - so könnte bald der Sommeralltag in den Mittelmeerregionen aussehen: Einer neuen Studie zufolge wird dort die Zahl lebensgefährlich heißer Tage stark zunehmen - falls der Treibhausgas-Ausstoß weiter steigen sollte.
Von Volker Mrasek

In den Sommerferien werden wieder Millionen Deutsche die Balearen, Italien, Griechenland und Tunesien ansteuern. Ihre Kinder und Enkelkinder dagegen dürften es sich in Zukunft dreimal überlegen, ob sie ihren Urlaub noch an Südeuropas oder Nordafrikas glühend heißen Küsten verbringen wollen. Denn eine neue Studie italienischer, chinesischer und US-amerikanischer Wissenschaftler bestätigt die Befürchtung, dass es demnächst unangenehm werden dürfte im südlichen Europa: Gegen Ende dieses Jahrhunderts könnten extreme Hitzetage zwei- bis fünfmal so häufig pro Saison auftreten wie im Mittel der zurückliegenden Jahrzehnte, schreiben die Forscher im US-Fachmagazin "Geophysical Research Letters".

"Seltene Ereignisse wie die Hitzewelle 2003 werden zur Norm", sagt Noah Diffenbaugh, Erd- und Atmosphärenforscher an der Purdue University in West Lafayette (US-Bundesstaat Indiana) und Hauptautor der Studie. "Die extremen Ereignisse der Zukunft werden in ihrer Ausprägung ohne Beispiel sein." Was heute die heißesten Sommertage sind, werden zum Ende des 21. Jahrhunderts die kühlsten sein, hätten die Simulationen ergeben.

Sommertage mit "gefährlichem Hitzestress"

Für ihren Blick in die Zukunft nutzten die Forscher den Supercomputer des nationalen chinesischen Klimazentrums in Peking und fütterten ihn mit zwei verschiedenen, international gebräuchlichen Globalszenarien: einem pessimistischen und einem eher optimistischen. Im dem einen Fall steigt der Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen exponentiell, ihr Gehalt in der Atmosphäre verdoppelt sich gegenüber heute ("Szenario A2"); im anderen nehmen die weltweiten Emissionen dank größerer Klimaschutzanstrengungen weniger stark zu, aber immer noch um etwa 50 Prozent ("Szenario B2").

Simulierte Temperaturen für die Jahre 2071-2099Mindesttemperatur an den 18 heißesten Tagen im Jahr (in °C)

Optimistisches Szenario Pessimistisches Szenario Gemessene Werte*
Paris 33,7 35,0 26,9
Prag 32,2 34,1 27,7
Zürich 30,1 31,9 26,9
Bukarest 41,1 42,8 31,3
Rom 41,3 42,8 31,3
Valencia 39,4 40,2 29,9
Athen 42,8 44,9 32,9
Isparta 38,1 39,9 31,8
Tel Aviv 41,5 42,7 30,1
Algier 45,1 46,4 32,8
*gemessene Werte 1961-1989

Diese Daten flossen in ein regionales Klimarechenmodell ein. Es lieferte am Ende ein Bild der zu erwartenden Temperaturextreme am Mittelmeer bis zum Jahr 2099, und das mit einer ziemlich hohen räumlichen Auflösung von 20 mal 20 Kilometern. Abschließend ermittelten Diffenbaugh und seine Kollegen die Zahl von Sommertagen mit "gefährlichem Hitzestress" für Risikogruppen wie ältere Menschen und Kleinkinder, abgeleitet aus Formeln, wie sie die Wetterdienste verwenden. Am Mittelmeer sind das allgemein Tage mit Temperaturen jenseits von 40,5 Grad Celsius.

Die Ergebnisse dürften manchem schon jetzt die Schweißperlen auf die Stirn treiben: Die Tageshöchsttemperatur an den heißesten Tagen steigt demnach etwa in Paris von 27 auf 35 Grad Celsius, wenn die Treibhausgas-Emissionen dem ungebremsten A2-Pfad folgen. Auch die Sommernächte an der Seine wären am Jahrhundert-Ende dann um volle vier Grad wärmer als heute. In Rom und Tel Aviv könnten Hitzeperioden zur Norm werden, bei denen das Thermometer tagsüber knapp 43 Grad und mehr zeigt. In Athen dürften es sogar 45 und in Algier 46 Grad sein - bei nächtlichen Höchstwerten von 28 beziehungsweise 29 Grad. Im optimistischeren B2-Szenario lägen die Temperaturen um 1,2 bis 2 Grad niedriger.

Hitzeinseln rund ums Mittelmeer - in den Küstenregionen verstärkt sich der Effekt noch

Noch häufiger als in den Städten wird der Schwellenwert für kritischen Hitzestress den Projektionen zufolge an den Küsten des Mittelmeeres überschritten werden. Das hat zum einen damit zu tun, dass sie so tief liegen. Diffenbaugh: "Die höher gelegenen Regionen landeinwärts sind in der Regel auch weiterhin zu kühl, um gefährliche Temperaturschwellen zu überschreiten." Das betrifft den nördlichen Mittelmeer-Raum mit seinen küstennahen Gebirgszügen. Ein weiterer Grund: In unmittelbarer Meeresnähe ist die Luftfeuchtigkeit erhöht, was den körperlichen Hitzestress bei hohen Außentemperaturen verstärkt.

Auf der Klimakarte der nahen Zukunft ziert vor allem die nordafrikanische Küste ein fast durchgehender roter Saum. Hier wird es nach dem A2-Szenario gegen Ende des Jahrhunderts bis zu 40 Tage pro Saison gefährlichen Hitzestress für Bevölkerung und Touristen geben. Weitere Hot Spots sind Portugal, die spanische Ostküste und Süditalien, aber auch beliebte Urlaubsinseln wie Zypern, Kreta und Mallorca. Der Klimaforscher Filippo Giorgi vom Internationalen Zentrum für Theoretische Physik in Triest sieht darin den größten Wert der neuen Studie, an der er entscheidend mitgewirkt hat: "Sie zeigt zum ersten Mal dieses Verstärkungssignal in den Küstenregionen."

Die Böden haben im Sommer nichts mehr zu verdunsten

Mit ihrer Veröffentlichung bestätigen Giorgi, Diffenbaugh und ihre Co-Autoren die Ergebnisse von Modellrechnungen im Rahmen des EU-Klimaforschungsprojekts "Prudence". Auch dabei hatte sich herauskristallisiert, dass Hitzewellen in Europa tendenziell zunehmen werden - mit dem Mittelmeer-Raum als besonders neuralgischer Zone. "Die Böden haben hier ein starkes sommerliches Wasserdefizit, und es gibt dann nichts mehr, was die Sonne verdunsten könnte", erläutert Jens Hesselbjerg Christensen, Physiker beim Dänischen Wetterdienst und seinerzeit "Prudence"-Projektleiter. Die ganze solare Strahlungsenergie werde deshalb in Wärme umgesetzt. "Das verstärkt die Hitzewellen im Sommer."

Diffenbaugh möchte seine aktuelle Studie als Mahnung verstanden wissen. Es gebe auf jeden Fall Chancen, das A2-Szenario zu vermeiden, "nur müssen wir dann sofort in Emissionsreduktionen investieren, um die Risiken durch stärkere Hitzewellen zu minimieren". So könnte man die Kurve noch kriegen und auf dem moderateren B2-Pfad landen.

Der Lohn laut den Modellrechnungen wären nur halb so viele Sommertage mit bedrohlichem Thermostress im Vergleich zur A2-Welt. Das Mittelmeer bliebe zwar auch dann ein Hot Spot der Klimaerwärmung. Aber der mediterrane Ofen würde deutlich seltener lebensgefährlich glühen.

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