Foto: DER SPIEGEL

Klimakrise So breitet sich die Tigermücke in Europa aus

Sie überträgt gefährliche Erreger und ist eigentlich in wärmeren Regionen heimisch. Doch nun wandert die Tigermücke immer weiter Richtung Norden. Das Infektionsrisiko könnte sich in ganz Europa deutlich erhöhen.

Sie ist nur einen halben Zentimeter groß, trotzdem ist die Tigermücke ein gefürchtetes Tier: In den Tropen und Subtropen, wo es warm und feucht ist, überträgt sie gefährliche Infektionskrankheiten wie das Chikungunya-, Dengue- oder West-Nil-Fieber. Die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) ist außerdem besonders aggressiv, sie sticht nicht nur in der Dämmerung, sondern auch tagsüber. In Deutschland war die Mücke bisher keine große Bedrohung, denn für ihre Larven ist es hierzulande meistens schlichtweg zu kalt.

Doch die Mücke ist in Europa auf dem Vormarsch. Im Jahr 2007 erkrankten in Norditalien 200 Menschen am Chikungunya-Fieber. Das Virus war durch einen Reisenden eingeschleppt worden, die mittlerweile in ganz Italien vorkommende Asiatische Tigermücke hatte das Virus dann verbreitet.

Vor fast zehn Jahren fanden Insektenforscher auch in Deutschland erstmals Eier der Mücke - auf einem Autobahnparkplatz am Oberrhein. Inzwischen sind in verschiedenen Regionen Deutschlands Tigermückenpopulationen nachgewiesen. So etwa in Heidelberg, Freiburg - und in Jena: Die Unistadt in Thüringen ist der weltweit bislang nördlichste Punkt, an dem je ein Tigermückenvolk gefunden wurde.

Dass sich die Tigermücke immer weiter Richtung Norden ausbreitet, hat drei Gründe: Klimawandel, Tourismus und globale Handelsketten.

Der Klimawandel: Warum sich die Mücke im Norden wohlfühlt

Die Tigermücke hat sich an das Klima in gemäßigten Breiten angepasst, die Larven können den Winter hierzulande inzwischen überleben. Das hat das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in mehreren Untersuchungen bewiesen. Dazu setzten die Forscher Aedes-Mückenlarven während des Winters in Plastikboxen auf der Ostseeinsel Riems aus. Die Larven überlebten und schlüpften im Frühjahr darauf. Neben ihrer Anpassungsfähigkeit kommt den Mücken aber vor allem der Klimawandel entgegen: Die mittlere Jahrestemperatur in Deutschland hat sich seit dem Jahr 1881 um 1,5 Grad erhöht, die Winter sind im Schnitt sogar 1,6 Grad wärmer.

Wissenschaftler von der Universität Florida haben berechnet, wie sich die Mücke durch den Klimawandel in Zukunft ausbreiten könnte. Ihre Prognose: Die Mücke wird sich zunehmend in nördlichen Breiten heimisch fühlen und könnte auch dort zu einer bedeutenden Überträgerin von Krankheiten avancieren - von Krankheiten, die teils sehr gefährlich für den Menschen sein können.

Dazu kommt: Bei höheren Temperaturen könnte sich auch die ein oder andere heimische Mückenart als effizienter Überträger für solche Krankheiten herausstellen. "Das ist nie untersucht worden, weil das Problem bisher nicht da war", sagt Mückenforscher Helge Kampen vom FLI, der sich seit Jahren mit der Ausbreitung der Spezies beschäftigt. Die Wissenschaftler, sagt er, fingen gerade an, sich damit zu beschäftigen.

Das US-Forscherteam um Sadie J. Ryan hat seiner Untersuchung verschiedene Klimaszenarien zugrunde gelegt. Im schlimmsten Fall, nämlich dass die Treibhausgasemissionen weiter ansteigen wie bisher und einen globalen Temperaturanstieg von um die 4 Grad Celsius verursachen, könnten auch in Deutschland mehrere Monate im Jahr optimale Bedingungen für die Mücke herrschen.

Wie bei den meisten Stechmücken saugen auch bei der Asiatischen Tigermücke nur die Weibchen Blut. Das darin enthaltene Eiweiß benötigen sie für die Eierproduktion. Milde Temperaturen zwischen 20 und 30 Grad begünstigen die Vermehrung: Je wärmer, desto öfter legen die Mückenweibchen Eier - und desto öfter stechen sie. In warmen Monaten steigt damit das Infektionsrisiko:

Foto: DER SPIEGEL

Dem Gelege können dann auch besonders strenge Winter nichts anhaben: Viele Tigermückenweibchen suchen sich Ablagestellen, die das ganze Jahr über geschützt sind. Sie legen ihre Eier zum Beispiel in der Kanalisation ab, wo es auch in den Wintermonaten warm ist.

An anderen Orten der Welt dagegen könnte es der Mücke angesichts des globalen Temperaturanstiegs langfristig zu heiß werden: In Südostasien, Afrika oder im Amazonasbecken, wo sie bislang vor allem beheimatet war, könnte ihr Vorkommen in der Folge sogar sinken.

Foto: DER SPIEGEL

Tourismus und Handel: Wie die Mücke nach Deutschland kommt

Aus eigener Kraft kommt die Mücke nicht weit. "Sie fliegt schlecht und ungern", sagt Forscher Kampen. In einer globalisierten Welt muss sich die Tigermücke aber auch gar nicht anstrengen: Sie reist als blinder Passagier - in Containern, in Autos, im Gepäck.

Ein Einfallstor nach Europa ist beispielsweise der Reifenhandel: Per Schiff kommen alte Reifen aus Tigermückengebieten in Asien nach Europa, um hier geschreddert und als Brennmaterial oder für den Straßenbau verwendet zu werden. Die Tigermücke reist als blinder Passagier mit den Reifen. Kleine Wasserpfützen am Gummi sind ideale Brutstätten für ihre Eier und Larven.

Auf europäischem Boden tauchte die Asiatische Tigermücke erstmals 1979 in Albanien auf, zehn Jahre später in der italienischen Hafenstadt Genua. Mittlerweile ist sie in ganz Italien verbreitet. Von dort überwindet die Mücke die Alpen als Mitreisende, etwa im Gepäck von deutschen Touristen. Werden dann in Deutschland die Koffer geöffnet, summt die Mücke in ihren neuen Lebensraum.

Die Mücke ist da - kommen jetzt auch die Infektionskrankheiten?

"Die Mücke allein ist noch keine Gefahr", sagt Hendrik Wilking vom Robert-Koch-Institut. Denn sie trägt nicht automatisch Krankheitserreger in sich. Der Kreislauf der Infektion geht so: Eine Mücke sticht eine zum Beispiel im Urlaub infizierte Person, über deren Blut nimmt sie den Erreger auf. Beim nächsten Stich gibt sie den Erreger ins Blut der nächsten Person ab. Jede weitere Mücke, die das Blut dieses Menschen aufnimmt, trägt das Virus weiter - und könnte Krankheiten wie Chikungungya, das Dengue-Fieber oder Zika in Deutschland verbreiten.

So sieht die Tigermücke aus: einen halben Zentimeter lang, pechschwarz mit weißen Punkten an Leib und Beinen

So sieht die Tigermücke aus: einen halben Zentimeter lang, pechschwarz mit weißen Punkten an Leib und Beinen

Foto: James Gathany/ Centers for Disease Control/ REUTERS

In Sachsen hat sich kürzlich ein 70-Jähriger durch einen Mückenstich mit dem West-Nil-Virus angesteckt. Die Übertragung erfolgte in dem Fall sehr wahrscheinlich durch Mückenstiche zunächst von Vögeln und nachfolgend dem Menschen. Vögel sind die wichtigsten Wirte des Virus. Mücken infizieren sich oft, wenn sie die Tiere stechen und können den Erreger anschließend an den Menschen weitergeben.

Die Wahrscheinlichkeit einer Epidemie bleibt in Deutschland aber gering. Die medizinische Versorgung hierzulande ist gut - sollte sich einmal jemand mit einer Infektionskrankheit anstecken. Außerdem ist die Verbreitung von Mücken und Erregern auch eine Hygienefrage: Je sauberer zum Beispiel die Sanitäranlagen, desto weniger geeignete Brutplätze finden die Mücken. Auch die Trockenlegung von Sümpfen hilft, die Mückenverbreitung zu bremsen. Generell gilt: Wassereimer und Regentonnen im Garten sind beliebte Brutplätze für Mücken aller Art. Wer deren Vermehrung eindämmen will, sollte spätestens alle 10 Tage das Wasser leeren.

Wer eine Mücke bei sich zu Hause findet, die ihm unbekannt vorkommt, kann sie an die Betreiber des Mückenatlas schicken. Der Mückenatlas kartiert die Stechmücken in Deutschland und bildet ab, wo welche Mücke vorkommt. Dort werden die Exemplare untersucht, die vorher von Privatpersonen eingesandt wurden. Ist beispielsweise eine Tigermücke dabei, greift die Mücken-Taskforce des FLI ein: Die Forscher fahren zum Ort, an dem die Tigermücke auftauchte und versuchen, die Brutstelle zu finden. Dann informieren sie entsprechende Gesundheitsbehörden, die Maßnahmen zur Bekämpfung einleiten können. Eingreifen können die Wissenschaftler aber nicht. Denn die Bundesländer sind nach dem "Infektionsschutzgesetz" erst dann verpflichtet die Spezies zu bekämpfen, wenn eine Krankheit ausbricht.

Dabei sind sich Forscher einig, dass man sich auf Ausbrüche tropischer Krankheiten vorbereiten müsse - und nicht bei der Bekämpfung zögern sollte. Das bedeute auch, so Mückenforscher Kampen, die Tigermücke in Deutschland zu bekämpfen, sobald sie entdeckt wird. "Wenn man das einfach so laufen lässt", sagt er, "haben wir irgendwann eine so große Tigermücken-Bevölkerung hier, dass wir keine Chance mehr gegen sie haben."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.