Uno-Report Mit acht Billionen Dollar ließe sich der ökologische Kollaps verhindern

Um die Klimakatastrophe aufzuhalten, brauchen wir Willen – und Geld
Foto: © Marco Bottigelli / Getty Images»Niemand kann einen Zweifel daran haben, dass wir uns in einem planetarischen Notfall befinden«. Mit diesen Worten beginnt ein neuer, dringlicher Appell der Vereinten Nationen: Wir brauchen mehr Klimaschutz – und dafür brauchen wir mehr Geld.
Wie viel Geld, das ist in einem Bericht nachzulesen, den das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) gemeinsam mit dem Weltwirtschaftsforum und einer weltweiten Initiative für nachhaltige Landbewirtschaftung (ELD) vorgelegt hat.
A total investment in nature of USD 8.1 trillion is required between now & 2050 to successfully tackle the climate, biodiversity & land degradation crises.
— UN Environment Programme (@UNEP) May 27, 2021
Learn more in our 🆕 State of Finance #ForNature report with @wef @ELD_Initiative & @VividEconomicshttps://t.co/1q51rKQo7x
Bis zur Mitte des Jahrhunderts seien Investitionen in Höhe von insgesamt acht Billionen Dollar nötig, um die natürlichen Ökosysteme zu schützen. Die bisherigen jährlichen Ausgaben der Weltgemeinschaft für den Schutz der Natur und die Wiederherstellung bereits geschädigter Ökosysteme reichten nicht aus, heißt es in dem Report »State of Finance for Nature« .
Wie soll das zu schaffen sein?
Noch in diesem Jahrzehnt, so lautet die Forderung, müsse man die Investitionen verdreifachen. Im Jahr 2020 beliefen sich die jährlichen Investitionen in die Natur nach Uno-Angaben auf 133 Milliarden Dollar, 86 Prozent davon wurden von der öffentlichen Hand bereitgestellt, der Rest von privaten Geldgebern. Staatliche Ausgaben seien hauptsächlich in den Schutz der biologischen Vielfalt geflossen, in Projekte zur Wiederherstellung von Wäldern und Torfgebieten, außerdem in die regenerative Landwirtschaft und den Schutz von Wasserressourcen.
Doch das reicht nicht, zeigt der Bericht: Bis zum Jahr 2030 müssten die weltweiten Ausgaben auf jährlich 350 Milliarden US-Dollar steigen, bis zum Jahr 2050 sogar auf 536 Milliarden Dollar.
Das klingt nach gewaltigen Summen. Doch wenn man die erforderlichen Schritte einzeln betrachtet, wirkt die Aufstellung des Unep machbarer.
Denn: Das Bruttoinlandsprodukt der Welt – also der Wert aller Waren, Güter und Dienstleistungen – betrug im Jahr 2019 mehr als 87 Billionen US-Dollar, für das Jahr 2021 ist ein BIP von knapp 94 Billionen Dollar prognostiziert, und die Tendenz steigt: Bis 2022 könnte das weltweite BIP auf 122 Billionen Dollar steigen.
Daran gemessen sind acht Billionen Dollar, die bis 2050 investiert werden müssten, eigentlich zu stemmen. Es geht um etwas mehr als 0,1 Prozent des weltweiten BIP.
Inger Andersen, die Exekutivdirektorin des Uno-Umweltprogramms, ordnete die erforderliche Summe ebenfalls in einen größeren Kontext ein. Bei der Vorstellung des Berichts am Donnerstag sagte sie: Zwar klängen die benötigten Beträge nach viel. Aber: »Es sind Peanuts, wenn wir offen darüber sprechen, wie wir den Planeten schützen und unsere eigene Zukunft sichern können.«
Denn, sagte sie weiter, von einem funktionierenden natürlichen System hänge alles ab: »Unsere Gesundheit, die Qualität unseres Lebens, unsere Arbeitsplätze, die Temperaturregulierung, die Häuser, die wir bauen, natürlich die Lebensmittel, die wir essen, und das Wasser, das wir trinken.«
Ein wichtiger Teil im Zukunftsplan der Welt ist der Schutz der Ozeane, der Wälder und Moore – denn diese Ökosysteme sind wirksame Kohlenstoffspeicher. Investitionen in den Schutz dieser Biotope seien zwar Teil einer langfristigen Lösung, allerdings »kein Ersatz für die Dekarbonisierung« der Weltwirtschaft, sagte die Unep-Chefin. Eine Verminderung des weltweiten CO₂-Ausstoßes sei unbedingt notwendig.
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Die Regierungen weltweit seien in der Pflicht zu handeln, hält der Report fest. Sie sollten Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität und zur Eindämmung der Klimakrise in ihre Konjunkturprogramme aufnehmen. Sie sollten Steuersysteme reformieren und Subventionen umlenken: Die Milliardensummen dürften nicht weiter in fossile Brennstoffe und Agrarchemikalien investiert werden, sondern sollten zum Beispiel eine grünere Landwirtschaft fördern.
Aktionäre wollen Klimaschutz-Aktion sehen
Aber auch Unternehmen müssten ihren Beitrag leisten: Sie sollten in die Nachhaltigkeit von Lieferketten investieren und neue Einnahmequellen durch umweltfreundliche Projekte erschließen. Das müsse aus zwei Gründen im Eigeninteresse der Firmen liegen: Erstens könnten durch die Klimakrise ausgelöste Extremwetterereignisse – wie Dürren oder Überschwemmungen – die Geschäftskosten drastisch erhöhen. Und zweitens riskierten Konzerne, die sich gegen diese Verantwortung sperrten, ganz einfach ihren (guten) Ruf.
Dass privaten Konzernen eine Mitverantwortung zugesprochen wird, zeigen nicht nur jüngste Gerichtsentscheidungen: Erst am Mittwoch zwangen Investorinnen und Investoren gleich zwei große US-amerikanische Ölkonzerne – Exxon und Chevron – zu mehr Klimaschutz.
Bei Exxon wählten die Aktionäre zwei Kandidaten des Hedgefonds »Engine No. 1« in den Aufsichtsrat, die zuvor angekündigt hatten, den Klimaschutz voranzutreiben. Die Wahl erfolgte gegen den ausdrücklichen Willen des Exxon-Chefs Darren Woods.
Am selben Tag stimmten die Investoren von Chevron mit großer Mehrheit für einen Antrag, der das Unternehmen zu mehr Klimaschutz verpflichtet. Konkret geht es darum, dass Chevron auch die Emissionen senken muss, die bei Verbrauchern durch die Verbrennung von Öl und Gas entstehen, nicht nur bei der Förderung. Die Führung des Konzerns hatte empfohlen, den Antrag abzulehnen – das war den Anlegern auf der Hauptversammlung allerdings wohl egal.
»Wir sind in ein kritisches Jahrzehnt eingetreten.«
»Wir sind in ein kritisches Jahrzehnt eingetreten«, heißt es dazu im Unep-Report: Noch sei es möglich, einen unkontrollierten Klimawandel und den ökologischen Kollaps zu vermeiden. Aber nur, wenn Versprechungen auch Taten folgten.

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