Advent, Advent, die Erde brennt Was Klimaschützer zu Weihnachten braten

Beim Festtagsschmaus meldet sich prompt das schlechte Gewissen. Denn Fleischkonsum ist ein Haupttreiber der Klimakrise. Wo kann sogar der Umweltbewegte ohne schlechtes Gewissen zugreifen?
Ein Klassiker zu Weihnachten ist der Gänsebraten

Ein Klassiker zu Weihnachten ist der Gänsebraten

Foto: Natasha Breen/ Getty Images

Weihnachten ist angesichts Millionen abgeholzter Bäume, riesiger Müllberge und ungezügelter Völlerei ein Klimakiller. Im mehrteiligen SPIEGEL-Ratgeber erfahren Sie, wie das Fest möglichst nachhaltig wird. Diesmal: Weihnachtsbäume. Die vorherigen Folgen lesen Sie hier:

Bei vielen gehört der Braten zu Weihnachten wie der Tannenbaum. Doch dass übermäßiger Fleischkonsum wesentlich zur Verschärfung der Klimakrise ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Im sich langsam dem Ende zuneigenden Greta-Jahr kommt daher so mancher ob der eigenen Klimabilanz ins Nachdenken.

Unbegründet ist das nicht. Im August mahnte sogar der Weltklimarat einen Kurswechsel beim Fleisch an. Würde die Menschheit moderat Fleisch konsumieren und den Anteil an pflanzlichen Bestandteilen erhöhen, könnten pro Jahr bis zu acht Milliarden Tonnen weniger CO2 verursacht werden, so der Weltklimarat.

In Deutschland ist der Anteil der Ernährung am CO2-Fußabdruck vergleichsweise gering: Von durchschnittlich 11,61 Tonnen CO2 pro Person und Jahr entfallen laut dem Umweltbundesamt in Deutschland nur 1,74 Tonnen (15 Prozent) auf die Ernährung. Allerdings lässt sich bei der Essensauswahl auch besonders schnell und besonders leicht etwas ändern.

Aber wenn es an Weihnachten doch unbedingt Fleisch sein muss: Welches schneidet in der Klimabilanz gut ab und welches sollte man meiden?

  • Rindfleisch

Für Klimabesorgte definitiv die schlechteste Wahl. Rindfleisch hat von allen tierischen Produkten die schlechteste CO2-Bilanz. Vor allem, wenn das Tier in den USA oder in Brasilien geschlachtet wurde und das Fleisch weite Strecken zurücklegen musste.

Ein weiterer negativer Effekt: Gerade im Amazonsgebiet wird für Weideland und Anbauflächen für Futtergetreide und Eiweißpflanzen teils noch intakter Regenwald vernichtet. Rinder sind zudem Wiederkäuer. Bei der Verdauung stoßen sie Methan aus - das Gas ist 25-mal klimaschädlicher als CO2. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums entstehen pro Kilo Rindfleisch durchschnittlich mehr als 13 Kilogramm CO2-äquivalente Treibhausgase. Zum Vergleich: Bei einem Kilogramm Gemüse sind es dagegen nur 153 Gramm.

  • Schweinefleisch

Opulente Gerichte vom Schwein gelten nicht als typisch für die Festtage. Aber Kartoffelsalat mit Würstchen landet bei Umfragen zum beliebtesten Weihnachtsessen zumindest an Heiligabend oft auf dem ersten Platz. Und Würstchen werden häufig aus Schweinefleisch hergestellt.

Dem Klimarechner des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg  (Ifeu) zufolge wird pro Kilo Schweinefleisch ein CO2-Äquivalent von ungefähr vier Kilogramm freigesetzt. Das ist nur etwa ein Drittel der Menge von Rindfleisch. Allerdings errechnet das Ifeu nur einen Richtwert. Wer beispielsweise mit dem Rad zum Bauern seines Vertrauens fährt und direkt beim deutschen Erzeuger kauft, der handelt sehr viel klimafreundlicher als ein Verbraucher, der aus dem Ausland produziertes Fleisch beim Discounter kauft.

  • Gänse

Dass Herkunft, Transport und Verarbeitung bei der Klimabilanz entscheidend sind, gilt für jede Art Fleisch - bei der Geflügel aber besonders. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts schlachteten deutsche Betriebe im vergangenen Jahr mehr als 634.000 Gänse - das entspricht einer Menge von rund 3100 Tonnen. Doch nur jede siebte Gans, die in Deutschland verkauft wird, kommt auch aus Deutschland. Laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft werden zusätzlich rund 25.500 Tonnen Gänsefleisch importiert. Der größte Anteil kommt aus Polen und Ungarn, weil dort die Preise besonders niedrig sind.

Lange Wege bis zum Verbraucher verursachen einen entsprechenden CO2-Ausstoß. Daten zur CO2-Bilanz von Gänsefleisch bietet das Ifeu nicht an. "Aber die Zahlen liegen ungefähr im Bereich von anderem Geflügel wie Pute oder Hähnchen", sagt Ifeu-Experte Sven Gärtner. Diese wiederum hätten einen vergleichbaren Klimafußabdruck wie Schweine.

Importgänse stehen auch wegen mangelndem Tierwohl in der Kritik. Der Deutsche Tierschutzbund machte darauf aufmerksam, dass Gänse in den Betrieben in Polen und Ungarn meist unter schlimmen Bedingungen in industrieller Intensivhaltung gezüchtet werden. In Deutschland dagegen gehörten Gänse nach Auffassung des Bundesverbands Tierschutz zu den wenigen Tieren in Deutschland, die überwiegend artgerecht gehalten werden.

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Laut der Verbraucherzentrale sollten Fans von Gänsefleisch beim Kauf bevorzugt Produkte mit einem Bio-Siegel und aus deutscher Haltung kaufen. Geschützte Bezeichnungen wie "Freilandhaltung", "Bäuerliche Freilandhaltung" und "Bäuerliche Freilandhaltung unbegrenzter Auslauf" geben zudem Hinweise auf die Tierwohl-Qualität. Angaben wie "bäuerliche Aufzucht" oder "tiergerechte Haltung" sind dagegen nicht geschützt und sagen nichts über die Haltungsbedingungen aus.

  • Wild

Der Klimaschützer isst - wenn dann - Wild. Egal, ob geschmorte Rehkeulen, Wildschweingulasch oder Hirschbraten - Wildfleisch aus heimischen Wäldern hat einen guten Ruf, wenn es um die CO2-Bilanz geht. Die Tiere benötigen keine zusätzlichen Futtermittel, die über weite Strecken transportiert wurden, und das Fleisch gilt als gesund, weil frei von Antibiotika oder sonstigen medikamentösen Zugaben der Intensivlandwirtschaft. In Wald und Wiesen leben die Tiere zudem in ihrem natürlichen Habitat.

Allerdings sind Reh- und Rotwild genau wie Rinder Wiederkäuer, die klimaschädliches Methan bei der Verdauung produzieren. Das wird dann zum Problem, wenn Verbraucher beispielweise Rehfleisch aus Zuchtbetrieben kaufen. Die Nachfrage nach Wild kann hierzulande nämlich nicht allein durch Tiere aus deutschen Wäldern gedeckt werden.

Im vergangenen Jahr wurden laut der deutschen Jagdstatistik mehr als 1,1 Millionen Rehe und über 800.000 Wildschweine in Deutschland erlegt. Dazu kommen Tausende Tonnen Zuchtwild auf den Markt, das überwiegend aus Betrieben aus Osteuropa und Neuseeland stammt und hierzulande als Tiefkühlkost angeboten wird. Und das ruiniert die Klimabilanz von Wildfleisch. Laut Ifeu fallen pro Kilogramm durchschnittlich 10,5 Kilogramm CO2 an. "Deshalb hat Wild in der Gesamtbilanz praktisch keinen Vorteil", sagt Gärtner.

Zahlen zur CO2-Statistik von regionalem Wild kann das Institut nicht liefern, Untersuchungen der wenigen auf Wild spezialisierten Betriebe lägen nicht vor, heißt es. Aber Experten erscheint es plausibel, dass gejagtes Wild aus heimischen Wäldern eine günstige Klimabilanz aufweist.

Verbraucher sollten das Fleisch der Tiere deshalb frisch und aus der Region kaufen. Es ist sinnvoll, beim Schlachter seines Vertrauens nachzufragen, woher die Rehkeule stammt. Denn auch schätzungsweise zehn Prozent des aus Deutschland stammenden Wilds wächst in Gattern auf.

Und wenn der Jäger für den Abschuss des Tieres mit dem Auto erst von Schleswig-Holstein nach Bayern fahren musste, sollte man möglicherweise woanders kaufen. Streifte das Reh oder das Wildschwein kürzlich aber noch durch den Wald um die Ecke, darf es zu Weihnachten auch ein gutes Stück Fleisch sein.