Folge des abschmelzenden Eises Die Gletscherseen weltweit wachsen

Wenn die Gletscher schmelzen, wird Eis zu Wasser, es sammelt sich in immer mehr, immer größeren Seen. Das zeigt eine neue Studie. Die Gewässer können zu einem Problem werden.
Der Gletschersee an der Pasterze, dem größten Gletscher Österreichs

Der Gletschersee an der Pasterze, dem größten Gletscher Österreichs

Foto: Eibner Europa / EXPA / Groder / imago images

Rund eine Viertelmillion Bilder der amerikanischen "Landsat"-Satelliten hat ein Team um den Geowissenschaftler Dan Shugar, der an den Universitäten im kanadischen Calgary sowie in Tacoma im US-Bundesstaat Washington arbeitet, kürzlich ausgewertet. Sie wollten wissen, wie sich die Gletscherseen der Erde entwickeln. Weil in vielen Gebirgsregionen die Gletscher im Zuge der menschengemachten Erderwärmung an Eis verlieren, wäre zu erwarten, dass die Gletscherseen dadurch mit zusätzlichem Wasser versorgt werden.

Im Fachmagazin "Nature Climate Change"  berichtet die Gruppe nun von ihren Ergebnissen. Demnach ist die Zahl und Fläche von Gletscherseen in der Zeit zwischen 1990 und 2015 in der Tat gestiegen – und zwar um jeweils rund 50 Prozent. Besonders schnell sei das Wachstum in Skandinavien, Island und Russland vonstattengegangen. Die Gletscherseen dort seien im internationalen Vergleich jedoch klein. Die Seen in der südamerikanischen Region Patagonien und in Alaska hätten zwar langsamer zugelegt, seien im Schnitt aber deutlich größer. Manche Gletscherseen, zum Beispiel im Südwesten Grönlands, wurden im Auswertungszeitraum auch kleiner. Das dürfte damit zu tun haben, dass das Schmelzwasser in diesen Fällen bereits abgeflossen ist.

Falschfarbenbild eines Gletschers am Berg Kokthang in indisch-nepalesischen Grenzgebiet. Zwischen 1990 (links) und 2018 (rechts) hat der Gletschersee in der Bildmitte massiv an Fläche zugelegt
Falschfarbenbild eines Gletschers am Berg Kokthang in indisch-nepalesischen Grenzgebiet. Zwischen 1990 (links) und 2018 (rechts) hat der Gletschersee in der Bildmitte massiv an Fläche zugelegt

Falschfarbenbild eines Gletschers am Berg Kokthang in indisch-nepalesischen Grenzgebiet. Zwischen 1990 (links) und 2018 (rechts) hat der Gletschersee in der Bildmitte massiv an Fläche zugelegt

Foto: Lauren Dauphin / NASA Earth Observatory / Lauren Dauphin / NASA Earth Observatory

Der Studie zufolge bedecken 14.394 Gletscherseen auf der Erde eine Gesamtfläche von fast 9000 Quadratkilometern. Drastisch gestiegen ist den Forschern zufolge auch die Wassermenge, die in den Gewässern gespeichert ist – und zwar um 48 Prozent. Sie liegt nun bei 156,5 Kubikkilometern.

"Unsere Ergebnisse zeigen, wie schnell die Oberflächensysteme der Erde auf den Klimawandel reagieren und wie global dies passiert", so Co-Autor Stephan Harrison  von der Universität im britischen Exeter. "Noch wichtiger ist, dass unsere Ergebnisse dazu beitragen, eine Lücke in der Wissenschaft zu schließen. Denn bis jetzt war nicht bekannt, wie viel Wasser in den Gletscherseen der Welt gespeichert ist.“

Bildlich gesehen sind dies also fast 160 Wasserwürfel mit einer Kantenlänge von jeweils einem Kilometer. Würde all dieses Wasser in die Ozeane fließen, ergäbe sich dadurch ein Meeresspiegelanstieg von 0,43 Millimeter. Das heißt: Die tauenden Eisschilde von Grönland und der Antarktis sind für dieses Thema deutlich wichtiger.

Wichtig für die Wasserversorgung - so lange noch Wasser da ist

Das Wasser der Gletscherseen ist aus anderen Gründen wichtig. Zum einen spielt es eine wichtige Rolle für die Wasserversorgung von tiefer gelegenen Regionen, zum Beispiel in Asien oder Südamerika. Hier können Menschen sogar davon profitieren, dass kurzfristig mehr Wasser zur Verfügung steht – zumindest bis zu dem Tag, an dem die betreffenden Gletscher ganz verschwunden sind. Denn dann verschwindet auch der See.

Der Imja Tsho, ein Gletscherrandsee im zentralen Himalaja in Nepal, im Vergleich der Jahre 1989 und 2019

Der Imja Tsho, ein Gletscherrandsee im zentralen Himalaja in Nepal, im Vergleich der Jahre 1989 und 2019

Foto: NASA

Doch die Gletscherseen können auch zur Gefahr werden: Wenn sie überlaufen oder wenn natürliche beziehungsweise künstliche Dämme an ihrem Rand unter dem Druck der Wassermassen bersten, können dramatische Fluten die Folge sein.

Klage gegen RWE - aus Angst vor Flut durch Gletschersee

Die Angst vor genau solch einer Flut hat den Peruaner Saúl Luciano Lliuya dazu gebracht, den Energiekonzern RWE vor einem deutschen Gericht zu verklagen. Sein Argument: Mit jahrzehntelangen Emissionen aus Kohlekraftwerken habe die Firma einen klar bezifferbaren Anteil am weltweit ausgestoßenen CO₂. Das Treibhausgas sei für das Schmelzen des Gletschers verantwortlich, das den Gletschersee oberhalb seiner Heimatstadt Huaraz bedrohlich hat anschwellen lassen. Bei einem Dammbruch würde der See große Teile der Stadt verwüsten. Das Landgericht Essen hatte die Klage abgewiesen, das Oberlandesgericht Hamm berät den Fall noch.

Die Forscher sprechen das Risiko durch Gletscherseen auch direkt an. "Wenn die Seen größer werden, gibt es mehr Wasser in ihnen, das schnell abfließen und Gletscherseeausbrüche verursachen kann", so Co-Autor Harrison. Diese stellten in vielen Tälern im Himalaja und der Anden eine echte Gefahr dar. Zehntausende Menschen seien allein im vergangenen Jahrhundert durch solche Fluten gestorben. Außerdem stellten sie ein Risiko für Infrastruktur wie Wasserkraftanlagen dar.

chs