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14. März 2013, 12:37 Uhr

Vorwürfe gegen Klimaforscher

Wahn der Weltverbesserer

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Die einen warnen fast hysterisch vor dem Klimawandel, die anderen verharmlosen ihn. Nun berichten zwei Insider, wie Umweltforscher mit Seilschaften, Machtstreben und großer politischer Nähe ihre eigene Glaubwürdigkeit zerstören.

Hamburg - Wie stark erwärmt sich die Erde? Wie schlimm ist der Klimawandel? Wie verlässlich sind überhaupt die Klimaprognosen? Die Antworten der Wissenschaftler auf solche Fragen fallen unterschiedlich aus, was dazu verleitet, sich für den gefälligsten Bericht zu entscheiden.

Einer der bedeutendsten Klimaforscher erzählt nun seine persönliche Geschichte. Hans von Storch vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht GKSS stellt zusammen mit dem Sozialforscher Werner Krauß im Buch "Die Klimafalle" die Unabhängigkeit der Klimaforschung in Frage. Von Storch arbeitet seit den Siebzigern in der Klimatologie, er hat Aufstieg und Krisen des Fachgebiets als international angesehener Experte miterlebt. Ethnologe Krauß untersucht die Wissenschaftler mit den Methoden seines Fachgebiets: Er analysiert sie wie einen fremden Volksstamm.

Die Autoren betonen, nichts herunterspielen zu wollen: Der Klimawandel sei ein ernstes Problem. Gleichwohl diagnostizieren sie gravierende Schwierigkeiten - mit harten Worten.

"Die Klimaforschung wurde von der Politik gekidnappt, um ihre Entscheidungen als von der Wissenschaft vorgegeben und als alternativlos verkaufen zu können", meinen von Storch und Krauß. Forscher hätten sich mit der Politik gemein gemacht und würden nun zerrieben im Spiel der Interessen. "Wissenschaft", sagen die Autoren, "lieferte das Rohmaterial für eine große Klimaerzählung", die "das Schreckensszenario des Kalten Krieges abgelöst" habe. Und die gerate "den Forschern immer wieder außer Kontrolle".

"Heimliche Advokaten"

Der Uno-Klimabericht sei eine "Gemeinschaftsproduktion von Wissenschaft und Politik", bemängelt von Storch. Forscher seien der Verlockung erlegen, Politik mitgestalten zu wollen. Ihr Beharren auf nur einer Wahrheit als Schlüssel für politische Entscheidungen habe aus Wissenschaftlern "heimliche Advokaten" gemacht.

Von Storch und Krauß sprechen aus, was seit langem rumort. "Die Klimaforschung", schrieb der Klimatologe Edward Cook vom Lamont-Doherty Earth Observatory bereits am 2. Mai 2001 in einer vertraulichen E-Mail, sei "dermaßen politisiert, dass es schwierig ist, Wissenschaft zu betreiben". Sein Kollege Keith Briffa von der University of East Anglia notierte 2007, als er für den Uno-Klimabericht schrieb: "Ich habe versucht, die Balance zwischen den Bedürfnissen des Uno-Klimarats zu der Wissenschaft zu halten, was nicht immer dasselbe war."

Das Verschwindenlassen wissenschaftlicher Unsicherheit aus der öffentlichen Klimadebatte, die Diskreditierung wissenschaftlicher Skepsis und das Ausklammern der Bedeutung politischer Interessen räche sich nun, schreiben von Storch und Krauß, die als wortgewaltige Kritiker der Zunft bekannt sind. Gefordert sei eine neue Streitkultur, meinen sie: Das plumpe "vertraut uns, wir sind Wissenschaftler", sei anmaßend.

"Kollektive Verachtungsrituale"

Eine Mischung aus apokalyptischer Rhetorik und politisch instrumentalisierter Wissenschaft habe die Klimaforschung in die Sackgasse manövriert, meinen hingegen von Storch und Krauß: "Es war verstiegen, zu behaupten, ein so komplexes Problem wie der Klimawandel sei 'gelöst', und es herrsche Konsens darüber", schreiben sie.

Dabei schlagen sich die beiden keineswegs auf die Seite der sogenannten Klimaskeptiker, die fundamentale Ergebnisse der Wissenschaft bezweifeln; deren ideologische Haltung lehnen sie ab. Ohne polemisch oder persönlich zu werden, teilen von Storch und Krauß in beide Richtungen aus: "Kollektive Verachtungsrituale" hätten die Klimadebatte vergiftet, schreiben sie.

Statt kritisch zu debattieren, spielten sowohl Warner als auch Beschwichtiger des Klimawandels "das Wahrheitsspiel": Die Besserwisserei gleiche einem "Wahrheitsexzess". Beide Seiten beriefen sich "auf eine angeblich zeitlose Wissenschaft und erwarten, dass diese als objektive Schiedsrichterin die Debatte entscheidet - natürlich zu ihren eigenen Gunsten."

Grandioser Plan

Bei Forscherkollegen stoßen manche Thesen des Duos auf Zustimmung. "Ein neues Modell der Politikberatung muss her", fordert der Klimaökonom Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Falsch sei, in wissenschaftlichen Beratungsgremien einen Konsens zu suchen, um klare politische Empfehlungen zu formulieren. "Viele Wissenschaftler glauben, nur so verstanden zu werden", erläutert der Forscher. Konsens zu erzielen, sei aber Aufgabe der Politik. Die Wissenschaft könne der Politik die Abwägung von Mitteln und Zielen nicht abnehmen.

In Deutschland legt der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) regelmäßig Gutachten vor, die der Bundesregierung als Handlungshilfen in Sachen Umweltschutz dienen sollen. Die Gutachten werden im Konsens der neun WBGU-Mitglieder beschlossen. Im jüngsten Hauptgutachten "Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation" fordert das Gremium einen grundlegenden Umbau der Weltwirtschaft, um einen gefährlichen Klimawandel abzuwenden. Es scheint also klar, wen von Storch und Krauß kritisieren, wenn sie schreiben: "Kein grandioser, globaler Plan kann die Lösung bringen."

Als Vertreter der Klimaforschung sitzen im WBGU seit langem ausschließlich Vertreter des PIK. Zu dem Buch äußere man sich nicht, lassen die Regierungsberater des Instituts auf Anfrage mitteilen. Stattdessen veröffentlichen sie dieser Tage einen Comic, der Kindern die "große Transformation" erklärt - mit den PIK-Beratern als Comic-Helden.

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Artikels: "Offene Feldschlacht" um den Hockeyschläger

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