Vorwürfe gegen Klimaforscher Wahn der Weltverbesserer, Teil 2

Der Klimawandel polarisiert: Die einen neigen zur Hysterie, andere zur Verharmlosung. Nun berichten zwei Insider über eine neue Variante - Kartelle, Seilschaften und Feldschlachten stürzen die Umweltforschung in eine Vertrauenskrise.
Hockeyschläger-Grafik: Umstrittene Temperatur-Analyse des letzten Jahrtausends

Hockeyschläger-Grafik: Umstrittene Temperatur-Analyse des letzten Jahrtausends

Foto: UNEP

Selten eskalierte eine wissenschaftliche Debatte so dramatisch wie die um die sogenannte Hockeyschläger-Kurve. Das berühmteste Symbol des Klimawandels habe Forscher in "eine offene Feldschlacht" getrieben, "bei der keine Gefangenen gemacht und viele Verletzungen zugefügt wurden", schreiben Hans von Storch und Werner Krauß in ihrem neuen Buch "Die Klimafalle".

Die Kurve zeigt den Verlauf der Temperatur der vergangenen 1000 Jahre: Über Jahrhunderte fällt die Kurve (Schaft des Schlägers), seit Beginn der Industrialisierung steigt sie steil an (Fuß des Schlägers) - ein perfektes Sinnbild für die vom Menschen verursachte Erwärmung.

Der Hockeyschläger erlangte Berühmtheit, nachdem der IPCC-Klimarat ihn ganz vorn im Sachstandsbericht von 2001 platzierte, obgleich es auch andere Temperatur-Rekonstruktionen gab. Die Grafik-Ikone war nicht die beste, aber die eindringlichste Darstellung des historischen Klimaverlaufs. "Der IPCC aber hatte die Kurve vorschnell zur Tatsache erklärt", schreiben von Storch und Krauß.

Die Verlockung kurzfristiger politischer Erfolge hätte den IPCC von seinen eigenen Regeln abgebracht, über den Stand des Wissens neutral zu berichten, konstatieren die beiden Kritiker. Diese "politische Dummheit" habe der Klimaforschung einen Schlag versetzt, von dem sie sich nie erholt habe.

"Nicht an die große Glocke hängen"

Probleme machten beispielsweise Temperaturdaten der Hockeyschläger-Kurve, die aus Baumringen gelesen wurden. Seit 1960 zeigten sie keine Erwärmung mehr, obwohl Thermometer das Gegenteil bewiesen. Eine unangenehme Frage drängte sich auf: Wenn die Daten für die vergangenen Jahrzehnte falsch sind, warum sollte man früheren Daten vertrauen?

Um passende Kurven zu erhalten, mussten die Hockeyschläger-Autoren nachhelfen. In einer E-Mail schrieb Phil Jones von der britischen University of East Anglia, er habe ein mathematisches Verfahren angewandt, um die Diskrepanz zwischen Baumringdaten und Temperatur-Messwerten "zu verstecken": Jones ergänzte die offensichtlich falschen Baumdaten um Thermometerdaten - was er in der E-Mail als "Trick" bezeichnete. Kritiker sahen darin prompt einen Beweis für Betrug. Die beteiligten Forscher sprachen allerdings von einer im Englischen durchaus üblichen Redewendung, die so viel wie "clevere Lösung" bedeute. Dieser Interpretation folgte dann auch ein britischer Parlamentsausschuss in seinem Untersuchungsbericht zur "Climategate"-Affäre.

Die Unsicherheiten der Methode fielen dabei allerdings unter den Tisch. "Man legte sich das Argument zurecht, dass die Abweichung zwischen Baumringen und Temperatur mit dem höheren CO2-Gehalt der Luft zu tun habe", berichtet von Storch. Eine unzureichende Erklärung, meinen die Buchautoren: "Hier war etwas faul". Das Scheitern der Methode habe "nicht an die große Glocke gehängt werden sollen".

Der Hauptautor des Hockeyschlägers, Michael Mann von der Pennsylvania State University in den USA, gilt vielen als Vorkämpfer der guten Sache; zuletzt feierte ein "Zeit"-Artikel  den Paläoklimatologen als Helden. Von Storch und Krauß würdigen ebenfalls die wissenschaftliche Leistung Manns. Sie verorten den kämpferischen Forscherstar gleichwohl in einer Riege einflussreicher "Torwächter", die bestimmten, welche Studien von Fachmagazinen anerkannt wurden.

Widersacher einfach wegbeißen

Mann widersprach gegenüber SPIEGEL ONLINE den Beschuldigungen, übermäßigen Einfluss ausgeübt zu haben. Allein die Fachmagazin-Redakteure wählten die Gutachter aus, nicht er.

In Spezialgebieten mit einer überschaubaren Expertenzahl wie der Paläoklimatologie können manche Wissenschaftler aber durchaus erhebliche Macht erlangen. Von Storch, der im gleichen Fachgebiet wie Mann arbeitet, wirft seinen Kollegen vor, mit "falsch verstandenem Korpsgeist" Widersacher "einfach wegzubeißen": "Mann und seine Kollegen sorgten dafür, dass der Wahrheitsanspruch der Hockeyschläger-Kurve aufrechterhalten werden konnte, indem sie konkurrierenden Studien ein negatives Gutachten ausstellten", heißt es in dem Buch.

Die publik gewordenen E-Mails der "Climategate"-Affäre hatten bereits offenbart, dass sich Mann und seine Kollegen vom Climate Reasearch Unit (CRU) der University of East Anglia bei der Begutachtung von Studien auf dem Laufenden hielten: "Habe zwei Studien abgelehnt von Leuten, die sagen, CRU läge falsch mit Sibirien", schrieb CRU-Forscher Jones im März 2004 an Mann. Später sollte sich herausstellen, dass die Autoren der von Jones abgelehnten Studie richtig gelegen hatten.

Unter Druck der Industrielobby

Offenbar sah sich das "Hockeyteam", wie sich Mann und Kollegen selber nannten, von einer mächtigen Lobby aus Industrieverbänden in die Enge getrieben. Die Lobbyisten schrecken bekanntermaßen nicht vor der bewussten Falschinterpretation von Klimadaten zurück, um die Gefahren der Erderwärmung zu bagatellisieren. Von Storch und Krauß aber bewerten es als "skandalös", dass das "Hockeyteam" gegen Vorschriften des freien Datenaustausches verstoßen habe. Auch der britische Parlamentsausschuss hatte die Forscher dafür gerügt.

Die Grabenkämpfe hätten letztlich der Wissenschaft geschadet, meinen von Storch und Krauß: "Auf eine offene Debatte, dem Motor wissenschaftlichen Fortschritts, wurde verzichtet." Der Verlust an Glaubwürdigkeit habe nicht nur der Klimaforschung geschadet - sondern auch dem Umweltschutz.

Lesen Sie hier den ersten Teil des Artikels: Forscher als "heimliche Advokaten"

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