Klimaforschung Wetterdaten erklären Geheimnisse der Geschichte

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3. Teil: Von reißenden Bestien zur Blüte des Deutschen Reiches


Die Erkenntnisse und Errungenschaften früherer Kulturen gerieten in Vergessenheit. Unwissenheit, Angst und Aberglaube machten sich breit. Zwar setzte der Regen im Laufe des vierten Jahrhunderts wieder ein, aber es blieb kalt, und die Gletscher wuchsen.

Die größte Krise erlebte Europa von 536 bis 546, als die Sommertemperaturen auf ein Rekordtief stürzten. "Unsere Daten zeigen in dieser Zeit eine außergewöhnliche zehnjährige Depression", berichtet Ulf Büntgen. Frostige Winde und Dunkelheit ließen die Ernte verderben. Kürzlich meinten Geologen, einen Meteoriteneinschlag vor Australien als Ursache ausgemacht zu haben.

Im sechsten Jahrhundert setzte sich die Krise fort, die Einwohnerzahl Europas sank "auf einen nie wieder erreichten Tiefstand", berichtet der Historiker Wolfgang Behringer von der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Archäologen fanden in Mitteleuropa zahlreiche aufgegebene Siedlungen. Pollenanalysen belegen einen deutlichen Rückgang der Landwirtschaft, die Wälder drangen vor.

Es waren frostige Zeiten, wie die neuen Klimadaten zeigen. Die Folgen waren schrecklich: Im Hungerjahr 784 soll ein Drittel der Bevölkerung Europas gestorben sein. "Es war ein eher kühler Sommer", lautet Büntgens nüchterne Diagnose nach dem Blick auf die neuen Daten. "Mit der Klimaverschlechterung gingen in Europa nicht nur die Ernten zurück, auch das Vieh verkümmerte", berichtet Historiker Berninger. Jede Missernte löste Hungersnot aus. Zur Kälte kam im neunten Jahrhundert dann die Feuchte: Andauernder Regen bot Nährboden für Seuchen. Lepra breitete sich aus.

Es durfte wieder frei gesprochen werden

Die Zeit der Wölfe war angebrochen. Hunger hatte sie nach Mitteleuropa getrieben, denn auch in ihrer Heimat Russland hatte sich das Klima dramatisch verschlechtert. Gierig schlichen die Tiere um die Dörfer. "Der Kampf gegen die reißenden Bestien wurde mit aller Gewalt geführt, mit Fallen, Giftködern und Treibjagden", erläutert Behringer. Karl der Große ordnete die Anstellung von Wolfsjägern in allen Grafschaften an. Doch immer wieder kam es zu Überfällen: Im Hungerjahr 843 platzte ein Wolf in die Kirche im Städtchen Sénonais im heutigen Frankreich in die sonntägliche Messe. Klimaforscher Büntgen bestätigt nun die Kälte jenes Jahres: "843 war kühler als die Jahre davor und danach".

Mitte des zehnten Jahrhunderts jedoch wendete sich das Klima zum Guten, das Mittelalterliche Klimaoptimum brach an. Die neuen Daten zeigen, dass die Temperaturen in Europa in etwa so hoch stiegen wie später wieder im 20. Jahrhundert. Die Baumgrenze in den Alpen lag mancherorts sogar höher als heute, und Wein wurde weiter nördlich angebaut als zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Zeit der Entdecker begann: Die Wikinger fuhren über Grönland bis Amerika.

Die Landwirtschaft erholte sich, Hungersnöte wurden seltener. In 150 Jahren wuchs Europas Bevölkerung um ein Drittel. Das Deutsche Reich erlebte unter den Stauferkaisern seine Blüte: Friedrich II. residierte in Sizilien. An seinem Hof trafen sich Philosophen, Wissenschaftler und Künstler; es durfte freier gedacht und gesprochen werden. Auch aus Arabien kamen die Gelehrten, sie hatten wertvolle Erkenntnisse aus der Antike bewahrt und weiterentwickelt. Auch die Architektur änderte sich: Gotische Kathedralen mit großen Fenstern ließen das Sonnenlicht hinein.

In lauen Sommernächten lauschten sie den Minnesängern

Manche historischen Angaben jedoch gehören den neuen Daten zufolge auf den Prüfstand. In einem Bericht aus Nürnberg etwa klagte ein Bürger im Jahre 1022, dass Menschen "auf Straßen vor großer Hitze verschmachten und ersticken". Historiker wissen zwar um die Neigung zur übertreibenden Erzählung aus dieser Zeit. Indes: "Der Sommer 1022 war nicht besonders warm", sagt Klimaforscher Büntgen. Möglicherweise war die Hitzewelle des Jahres so kurz, dass sie sich nicht im Wachstum der analysierten Jahresringe niederschlug - oder die Erzählung von der großen Hitze jenes Jahres ist eine Legende.

Andere Ereignisse jedoch werden durch die neue Studie untermauert: 1135 zum Beispiel fiel auffällig wenig Regen. Damit bestätigen die Daten historische Berichte, wonach die Donau in jenem Jahr fast trocken gefallen war. Die Regensburger nutzten das Niedrigwasser für den Bau der Steinernen Brücke, dem noch heute bedeutenden Wahrzeichen der Stadt. Ansonsten genossen die Leute des zwölften Jahrhunderts das milde Wetter: Bei Hofe lauschten sie in lauen Sommernächten auf fröhlichen Festen den Minnesängern.

Doch unerbittlich wendete sich das Klima abermals: Am 9. September 1302 erfroren die Weinstöcke im Elsass. Und nach einem strengen Winter standen in Deutschland die Bauern am 2. Mai 1303 vor ihrem erfrorenen Saatgut. Noch ahnten sie nicht, wie hart die Zeiten werden sollten.

insgesamt 395 Beiträge
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Seite 1
anrheiner111 14.01.2011
1. Klima ändert sich ständig
... womit die Protagonisten der Klima-Hysterie sich selbst ein Bein stellen. Klimaveränderungen - hier z.B. "rauhes" Klima genannt - gab's schon immer und hatten - sollte man ihnen in diesem Fall glauben - immer schon die Menschheitsgeschichte beeinflusst. So wie es auch in den nächsten Jahrhunderten sein wird... so what?
Geometretos 14.01.2011
2. .
Ooops, Spon - Nicht aufgepaßt? Der Artikel ist doch ein Superargument gegen die Lügen vom MENSCHENgemachten Klimawandel. Danke.
henningr 14.01.2011
3. ?
Zitat von sysopWissenschaftler haben in einem einzigartigen Projekt die Klimageschichte der vergangenen 2500 Jahre erforscht - und bieten überraschende Einblicke in die Kulturgeschichte Deutschlands und Europas. Warum überlebten Hannibals Elefanten in den Alpen, wie gelang der Bau der Regensburger Donaubrücke? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,739422,00.html
"Mitteleuropa erlebte in der Römerzeit und im Hochmittelalter ähnliche Warmzeiten wie heute." Das passt nicht zur sonstigen Klimaerwämungspanik, lieber SPON. Bitte zensieren.
Tengoinfo 14.01.2011
4. Wissenschaft die Skeptiker mögen
Last mich raten liebe Skeptiker des anthropogenen Einflusses auf das Klima, diese Forschung beweist das ihr recht habt, oder?
Peddersen, 14.01.2011
5. .............
Zitat: ".....Berichte, wonach die Donau in jenem Jahr fast trocken gefallen war. Die Regensburger nutzten das Niedrigwasser für den Bau der Steinernen Brücke.....Zitatende Was für eine Zeit - EIN trockenes Jahr wird zum Bau einer wichtigen Brücke ausgenutzt - merkt jemand was? Aber die konnten ja auch noch einen Dom bauen ohne Computer-und wahrscheinlich auch ohne einen Wasserkopf von Dampfplauderern, Medienbeauftragten und anderen Telefondesinfizierern.
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