Uno-Klimagipfel in Katowice Uns geht die Zeit aus

In Katowice in Polen wollen Diplomaten die strengeren Regeln des Klimavertrags von Paris beschließen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken. Doch was nützt das, wenn der CO2-Ausstoß weiter steigt?
Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde (Archivbild)

Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde (Archivbild)

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Die Euphorie von vor drei Jahren ist längst verflogen. Damals hatte sich die Weltgemeinschaft auf der Uno-Klimakonferenz in Paris überraschend darauf verständigt, die Erderwärmung auf möglichst 1,5 Grad zu beschränken. Doch dann wurde Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt und verkündete den Ausstieg aus dem Vertrag. Brasilien könnte den USA bald folgen, denn der neue Präsident Jair Bolsonaro hält wenig von Umweltschutz.

Schlechte Nachrichten kamen auch immer wieder von den Klimaforschern, die an der Machbarkeit des 1,5-Gradziels von Paris zweifeln. Bereits jetzt sei die Erde um ein Grad wärmer, heißt es im IPCC-Sonderbericht vom Oktober. Nur mit radikalen, schnell einsetzenden Veränderungen sei die Zielmarke noch zu erreichen. Spätestens bis zum Jahr 2050 müsse der Kohlendioxidausstoß auf null gebracht werden.

Anfang Dezember treffen sich die Diplomaten nun zum nächsten Uno-Klimagipfel im polnischen Katowice. Dort soll ein detailliertes Regelwerk zur Umsetzung des Pariser Klimavertrags ab 2020 beschlossen werden. Es geht um juristische und technische Fragen - etwa: Wie wird der CO2-Ausstoß eines Landes gemessen? Wer setzt welche Maßnahmen um?

"Es wird harte Verhandlungen geben", sagt Lidia Wojtal, die als polnische Diplomatin auf mehreren Klimakonferenzen dabei war und nun als Beraterin arbeitet. "Es könnte sogar noch schwieriger werden als in Paris." Ein Erfolg des Gipfels sei keinesfalls sicher. Streit drohe zum Beispiel, wenn es um die Transparenz von Daten gehe.

Klimaforscher blicken mit großer Sorge auf den Klimagipfel. Wird er den von vielen erhofften Schub bringen? Die in Paris abgegebenen Selbstverpflichtungen zum CO2-Ausstoß der Länder reichen trotz der damals festgelegten 1,5-Grad-Grenze nicht einmal aus, um das Minimalziel von 2,0 Grad zu erreichen. Die Temperaturen dürften bis zum Jahr 2100 eher um 3 bis 4 Grad steigen.

Update erst 2020

Beim CO2-Ausstoß ist keine Trendwende in Sicht - im Gegenteil: Die Emissionen der Menschheit würden 2018 vermutlich um zwei Prozent steigen, sagt Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Schuld an künftig weiter steigenden CO2-Werten seien Neubauprojekte von Kohlekraftwerken in Indonesien, Bangladesch, Japan, Ägypten, Pakistan und den Philippinen.

In Katowice werden die Klimadiplomaten natürlich auch über ihre nicht ausreichenden CO2-Minderungsziele sprechen - beim sogenannten Talanoa-Dialog. Das sind eher informelle Gesprächsrunden. Doch ob sich einzelne Länder wirklich dazu durchringen, sich ehrgeizigere Ziele zu setzen, ist ungewiss. Man muss eigentlich sogar sagen: Es ist unwahrscheinlich. Denn erst für das Jahr 2020 ist ein Update der Selbstverpflichtungen vorgesehen - und das ist obendrein freiwillig.

Dabei müsste die Weltgemeinschaft nach Meinung vieler Klimaforscher zügig handeln. In jedem Jahr, das die Länder mehr oder weniger tatenlos verstreichen lassen, gelangen um die 40 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre. Der Spielraum zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels wird so von Jahr zu Jahr kleiner.

Laut Berechnungen der Klimaforscher darf die Menschheit insgesamt nur noch etwa 800 Gigatonnen freisetzen. Dies entspricht 20 Jahren mit jeweils 40 Gigatonnen. Oder etwa 40 Jahren, wenn die Emissionen in diesem Zeitraum linear von 40 auf null sinken - siehe folgende Grafik.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Womöglich mahlen die Mühlen der Klimadiplomatie einfach zu langsam, um die nötige, radikale Wende beim CO2-Ausstoß hinzubekommen. Natürlich gibt es Unsicherheiten bei der Berechnung des noch verbleibenden CO2-Budgets für die Menschheit. Vielleicht ist der Spielraum noch etwas größer, vielleicht fällt die Erderwärmung auch etwas geringer aus als erwartet. Doch darauf sollte man sich nicht verlassen.

Eine gewisse Hoffnung machen innovative Technologien, die hoffentlich in den kommenden Jahren entwickelt werden und die Energiewende zum Selbstläufer machen, weil Ökostrom dann einfach der billigste Strom auf dem Markt ist.

"Noch nie so viele Belege für die Gefahren des Klimawandels"

Doch sauberer Strom und Elektroautos allein werden das Klima nicht retten können. Eine sehr wichtige Rolle wird auch die Landwirtschaft spielen - und eng damit verbunden die Ernährung. Es gehe unter anderem um neue Methoden der Bodenbearbeitung, sodass der Boden mehr CO2 binden könne, erklärt Johann Rockström, designierter Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK).

Auch müssen bisherige Flächen effizienter genutzt werden, um die weiter wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können. Auf keinen Fall dürften Waldflächen geopfert werden.

Die gegenwärtige Situation sei für ihn als Klimaforscher "frustrierend", sagt Rockström. "Wir hatten noch nie so viele Belege für die Gefahren des Klimawandels." Zugleich kenne man gangbare Wege, um die Erderwärmung zu begrenzen. Doch die Staatengemeinschaft habe diesen Weg bislang nicht eingeschlagen. "Wir sind in einer sehr ernsten Situation."

Video: Klimawandel - Ist die Welt noch zu retten?

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