Klimagipfel USA und China bremsen

Es geht um den heikelsten Teil des Weltklimaberichts - und schon wieder droht Streit. Die USA und China wiegeln in der heute begonnenen Sitzung des Weltklimarats ab und wollen sich nicht festlegen lassen. Teilnehmer fürchten neue Spannungen zwischen Arm und Reich.

Bangkok - Störende Stimmen ignorieren, so lange es nur geht. Wenn die Kritik zum Weghören zu laut wird, dann Nebelkerzen zünden oder die Störenfriede mundtot machen. - Auch der dritte Teil dieses Rezepts ist allgemein bekannt: Die Vertreter ungemütlicher Meinungen diskreditieren. Dazu gehen offenbar auch jene Staaten über, die sich einer verbindlichen globalen Regelung zum Klimaschutz entziehen wollen.

Verdorrtes Reisfeld (in Indien): Beim Klimagipfel im thailändischen Bangkok erwarten Teilnehmer, dass die Konflikte zwischen reichem Norden und armem Süden sich verschärfen

Verdorrtes Reisfeld (in Indien): Beim Klimagipfel im thailändischen Bangkok erwarten Teilnehmer, dass die Konflikte zwischen reichem Norden und armem Süden sich verschärfen

Foto: DPA

Die Möglichkeiten zur Reduzierung von Treibhausgasen seien teurer und zeitaufwendiger als von den Wissenschaftlern des Weltklimarats angegeben: Diese Botschaft versuchen China und die USA offenbar zum Beginn der einwöchigen Beratungen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) in Bangkok zu verbreiten. Der Nachrichtenagentur AP liegen nach eigenen Angaben Dokumente aus Washington und Peking vor, in welchen diese Argumentation vertreten wird.

In den Unterlagen der USA und Chinas heißt es, die möglichen Auswirkungen einer Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen seien nicht so positiv wie angenommen. Die chinesische und US-amerikanische Regierung kritisieren außerdem die Annahme, dass bei raschem Handeln die klimaschädlichen Gase in der Atmosphäre bis 2030 stabilisiert werden können. Diese Aussage könnte am Freitag in der Zusammenfassung - der summary for policy makers - des dritten Teils des Weltklimaberichts stehen, um deren endgültige Formulierungen in dieser Woche in der thailändischen Hauptstadt gerungen wird.

Dabei wollen Peking und Washington das Ergebnis offenbar so weit wie möglich verwässern. Bereits in der Woche vor Ostern, als IPCC-Vertreter und Diplomaten in Brüssel über die Zusammenfassung von Teil zwei berieten, hatten die USA ähnlichen Einfluss genommen. Selbst um die Farben einzelner Landkarten wurde gerungen. So arg, dass der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) den USA "wissenschaftlichen Vandalismus" vorwarf. Erfolgreich war diese Taktik offenbar durchaus: Der zweite Teilbericht, der erst mit Verspätung der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, enthielt einige Peking und Washington missfallende Passagen nicht mehr in der ursprünglichen Fassung. Ein Absatz über die Folgen des Klimawandels in Nordamerika fiel ganz heraus.

Konkrete Empfehlungen, harte Bandagen

Erst vergangene Woche hatten die Chinesen in einer eigenen Studie auf ihrer ganz besonderen Position beharrt: Zwar drohten dem Land gewaltige Verheerungen, doch habe noch das wirtschaftliche Wachstum Vorrang vor dem Klimaschutz. Entsprechende Technologie könne man sich schlicht noch nicht leiten, oder habe sie nicht. Das Wirtschaftswachstum habe Vorrang vor dem Klimaschutz.

Washington hingegen sandte zu Beginn der Bangkoker Verhandlungswoche versöhnliche Signale in den klimabewussteren Rest der Welt: Ein "Bekenntnis zur jüngsten Arbeit des (Weltklimarates) IPCC" soll in der Abschlusserklärung des EU-USA-Gipfels enthalten sein, wie die "Frankfurter Rundschau" berichtet.

Dass aber gerade jetzt, während des Treffens in Thailand, mit harten Bandagen um klimadiplomatische Details gekämpft wird, liegt in der Struktur des IPCC-Berichts:

  • Der im Februar in Paris vorgestellte erste Teil behandelte die wissenschaftlichen Grundlagen der Klimaforschung: Was weiß der Mensch über das komplexe System Atmosphäre und wie sicher und präzise sind Voraussagen? Das war noch eher theoretisch.
  • Im zweite Teil, den der Weltklimarat vor Ostern in Brüssel veröffentlichte, ging es um die zu erwartenden Folgen: Keine Region bleibt verschont, schon heute haben die Folgen der globalen Erwärmung die Welt im Griff. Dies, in vielen schaurigen Details, war der Inhalt von Teil zwei.
  • Politisch richtig haarig wird es nun mit Teil drei, denn der sagt, was nach Ansicht der IPCC-Gutachter unternommen werden muss, um das Schlimmste zu verhindern. Es geht also um konkrete Politikberatung, um Handlungsanweisungen mit großer Tragweite - und dickem Preisschild.

IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen

Bereits im Februar war ein weit fortgeschrittener Entwurf des dritten Teilberichts bekanntgeworden. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wollen die Klimaforscher ihren Erkenntnisstand etwa so zusammenfassen: Nur gigantische Investitionen und ein radikaler Politikwechsel können den Klimakollaps noch abwenden. Bis 2020 muss die Trendwende geschafft sein. 16 Billionen US-Dollar müssten bis zum Jahr 2030 in CO2-arme Technologien gesteckt werden.

Weniger CO2 - und eine Strategie, die Rinderfürze und Reisfeld-Ausdünstungen mit einbezieht: Der Nord-gegen-Süd-Gegensatz birgt in Bangkok ganz neues Konfliktpotenzial.

Frühzeitiges (also sofortiges) Handeln würde da noch "relativ niedrige Kosten" verursachen. Unter anderem werden in dem Entwurf als Gegenmittel empfohlen:

  • Verstärkte Verwendung von Biokraftstoffen
  • Anbau von Trockenreissorten
  • Hybridfahrzeuge
  • Neue Atomkraftwerke
  • CO2-Abscheidung bei konventionellen Kraftwerken
  • Hausmodernisierung und besseres Gebäudemanagement

"Es ist jetzt Zeit zum Handeln", mahnte der thailändische Delegierte Chartree Chueyprasit in Bangkok. Der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri erklärte, es gebe "eine Menge zwingender Gründe zum Handeln". Ziel sei es, am Ende der Woche sagen zu können, dass "wir Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sind", schrieb IPCC-Kopräsident Ogunlade Davidson den Delegierten zum Auftakt ins Stammbuch.

Die Delegierten erwarteten harte Verhandlungen. "Wir alle wissen, dass der Rat politisiert worden ist. Es ist manchmal wie eine Schlacht", sagte ein Gesandter einer afrikanischen Nation. Tatsächlich gehört der moralische Hinweis auf die besondere Verwundbarkeit der ärmste - und am wenigstens industrialisierten - Gesellschaften zum rhetorischen Standard solcher Veranstaltungen.

Beim Ringen um Teil drei aber werden aber auch neue Widersprüche zwischen Süden und Norden erwartet. Aus dem bekanntgewordenen Entwurfstext geht hervor, dass die IPCC-Gutachter unter anderem feststellen:

  • Nicht nur die Industrie-, auch die Schwellenländer stecken längst im großen Umfang hinter dem Anstieg des Treibhausgas-Ausstoßes.
  • Verkehrs- und Energiesektor haben diese Entwicklung im ganz besonderen Maße vorangetrieben.
  • Die Weltgemeinschaft dürfe sich nicht mehr nur auf klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) konzentrieren. Stattdessen müsse eine "Multi-Gas-Strategie" auch die Zunahme von Methan, Lachgas und anderer Treibhausgase in der Atmosphäre eindämmen.

Methan wird von pupsenden Rindern, Lachgas von feuchten Reisfeldern freigesetzt. Wer nach mehr als nur CO2-Verminderung ruft, spricht automatisch die Landwirtschaft an - und damit auch die Entwicklungsländer.

Im Mittelpunkt der Gespräche sollen nach Angaben von Teilnehmern vor Verhandlungsbeginn die Kosten für die Reduzierung der Treibhausgase stehen. Entwicklungs- und Schwellenländer würden vermutlich um Unterstützung im Kampf gegen die Folgen der globalen Erwärmung bitten. Die Forderung nach einer Multigasstrategie ist da politischer Sprengstoff.

Es wird erwartet, dass kommenden Freitag als wichtigste Maßnahmen Energiesparen und eine Abkehr von Kohlendioxid-lastigen Methoden der Energiegewinnung empfohlen werden - sofern die nationalen Delegationen keine maßgeblichen Änderungen durchsetzen können. Neben einer Umstellung von Kohle auf Gas oder erneuerbare Energien sowie einer Steigerung der Energieeffizienz von Gebäuden wird wohl auch die Kernenergie als mögliche Option empfohlen werden - was auf großen Widerstand bei Umweltschützern, einigen eher kernkraftskeptischen Staaten und vielen Ökonomen stoßen dürfte.

Empfehlungen zur Aufforstung von Wäldern und dem Schutz noch vorhandener Bestände, dürften weniger kontrovers diskutiert werden.

Zwar sind alle Empfehlungen des IPCC-Berichtes unverbindlich. Doch dürfte der Text von Bangkok als Ausgangspunkt für das politische Ringen um eine Nachfolgevereinbarung zum Kyoto-Protokoll dienen. Über die wird im Dezember auf der indonesischen Insel Bali verhandelt.

stx/AFP/AP

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