Prognose bei Weltklimakonferenz in Madrid Wir erleben gerade das heißeste Jahrzehnt seit Beginn der Wetteraufzeichnungen

Um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten, müssten die Treibhausgasemissionen jährlich um 7,6 Prozent sinken. Doch sie steigen kontinuierlich, und mit ihnen die Temperaturen. Das zeigt ein aktueller Uno-Bericht.

Das Jahr ist zwar noch nicht vorbei, aber es deutet alles darauf hin, dass die Menschheit gerade das heißeste Jahrzehnt seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt
Martin Moxter/ Westend61/ Getty Images

Das Jahr ist zwar noch nicht vorbei, aber es deutet alles darauf hin, dass die Menschheit gerade das heißeste Jahrzehnt seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt


Die Jahre 2010 bis 2019 sind nach Einschätzung der Uno wohl das heißeste Jahrzehnt seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Allein im Jahr 2019 habe die Temperatur um 1,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau gelegen, heißt es in einem Bericht der Weltorganisation für Meteorologie (WMO), der während der Klimakonferenz in Madrid vorgestellt wurde.

2019 beende ein Jahrzehnt außergewöhnlicher, globaler Hitze, zurückgehender Eismassen und steigender Meeresspiegel - angetrieben durch menschengemachte Treibhausgasemissionen. "CO2 bleibt über Jahrhunderte in der Atmosphäre und noch länger in den Ozeanen", warnen die Forscher.

So viel CO2 in der Atmosphäre wie vor 15 Millionen Jahren

Laut WMO sind die CO2-Konzentrationen auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Sie liegen inzwischen so hoch wie seit 15 Millionen Jahren nicht mehr. Die Menge des ebenfalls klimaschädlichen Methans stieg demnach ebenfalls auf Rekordhöhen und liegt nun 259 Prozent über dem Niveau der vorindustriellen Zeit.

Laut Schätzungen müssten die Treibhausgasemissionen jährlich um 7,6 Prozent gesenkt werden, um das Pariser Ziel von einer Erwärmung um maximal zwei Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts zu erreichen.

Die Forscher veröffentlichten eine Grafik, die die jährlichen Abweichungen zur Durchschnittstemperatur im vorindustriellen Zeitalter zeigt und eine Prognose für das Jahr 2025 abgibt.

2019 sei auf dem Weg, zum dritten beziehungsweise zweitheißesten Jahr zu werden. Besonders in der Arktis und in Alaska war es in diesem Jahr ungewöhnlich warm. Auch die Temperaturen in Südamerika, Europa, Afrika, Asien und Ozeanien lagen über dem Durchschnitt. Kälter als sonst war es nur in weiten Teilen Nordamerikas.

Weitere Ergebnisse im Überblick:

  • Der Meeresspiegel ist seit Beginn der Satellitenmessung im Jahr 1993 wegen der schmelzenden Eismassen in Grönland und der Antarktis gestiegen und erreichte im Oktober einen Höchstwert.
  • Die arktische Meereisfläche erreichte im September den zweitniedrigsten Stand seit Beginn der Satellitenmessungen. Im Oktober folgten weitere Rekordtiefstände.
  • Die Ozeane, die durch die Aufnahme von CO2 und Hitze als Puffer fungieren, geraten zunehmend unter Druck. 2019 erreichte der Wärmegehalt in den oberen 700 Metern einen neuen Rekord seit Beginn der Messungen in den Fünfzigerjahren. Zudem ist das Meerwasser im Schnitt 26 Prozent saurer als noch zu Beginn des Industriezeitalters, eine Belastung für marine Ökosysteme.
  • Der Bericht ist auch ein Rückblick auf das weltweite Wetter. In den USA regnete es zwischen Juli 2018 und Juni 2019 so viel wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, Europa erlebte im Sommer dafür eine Rekordhitzewelle, in Sibirien und Alaska kam es zu außergewöhnlich häufigen Buschbränden.

Durch den Klimawandel würden Extremwetterereignisse wahrscheinlicher, warnen die Forscher. "Wenn wir jetzt keine dringenden Klimaschutzmaßnahmen ergreifen, werden die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts um mehr als drei Grad Celsius steigen", sagte WMO-Generalsekretär Petteri Taalas.

196 Staaten und die EU verhandeln in den kommenden zwei Wochen darüber, wie das Pariser Klimaabkommen verwirklicht und der Klimawandel eingedämmt werden kann. Bis 2020 sollen alle Staaten ehrgeizigere Pläne zur Reduzierung ihres Treibhausgasausstoßes vorlegen, dafür sollen in Madrid die notwendigen Richtlinien festgelegt werden. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

"Nicht mal ansatzweise dabei, den Klimawandel zu bekämpfen"

"Wenn wir nicht schnell unseren Lebensstil ändern, gefährden wir das Leben an sich", warnte Uno-Generalsekretär António Guterres zum Auftakt des Klimagipfels in Madrid. Die Menschheit zerstöre wissentlich die Ökosysteme, die sie am Leben erhalte. Vor allem die Länder mit dem größten Treibhausgasausstoß müssten mehr tun. Trotz gegenteiliger Versprechen sei während der vergangenen zehn Jahre der Ausstoß von Treibhausgasen jährlich im Schnitt um 1,5 Prozent gestiegen.

Der koreanische Klimaökonom Hoesung Lee, Vorsitzender des Weltklimarats IPCC, sagte, die fatalen Folgen der Erderwärmung kämen schneller und massiver als angenommen, etwa beim Anstieg der Meeresspiegel und der Erwärmung der Ozeane. Es seien Veränderungen der Lebens- und Wirtschaftsweise ungekannten Ausmaßes nötig. "Wir sind nicht einmal ansatzweise dabei, den Klimawandel zu bekämpfen."

Die Bundesregierung war am Montag noch nicht in Madrid vertreten, Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) ist erst in der zweiten Verhandlungswoche dabei. Entwicklungshilfeminister Gerd Müller wird in diesem Jahr nicht anreisen. (Warum, erzählt er im SPIEGEL-Interview.)

Auch die USA nehmen an der Klimakonferenz teil, obwohl US-Präsident Donald Trump den Ausstieg aus dem Pariser Abkommen eingeleitet hat.

koe/afp

insgesamt 289 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hausfeen 03.12.2019
1. Ha, da steht es ja: "seit Beginn der Wetteraufzeichnungen", ...
... also ist dann die Aussage auch aussagekräftig oder ist es nicht doch ein Erhebungsfehler?
Ein_denkender_Querulant 03.12.2019
2. Wir kommen aus der Falle nicht heraus
Den meisten Menschen ist überhaupt nicht klar, wo denn überall wieviel Energie drin steckt. Ich bin schon lange für einen Entfall der Mehrwehrsteuer und Einrichtung eines genauso aufwendigen Systems auf Basis vom Verbrauch fossiler Energie. Im Kapitalismus lenkt man Verkaufsströme mit dem Preis. EWenn etwas nachweißlich hohe Folgekosten erzeugt, muss es besteuert werden. Wenn dafür im Gegenzug die Besteuerung von Arbeit reduziert wird, haben alle gewonnen.
der_nachtarbeiter 03.12.2019
3. Daran wird sich nichts ändern...
...weil kein Verbraucher dafür zahlen will und Politiker von eben diesen gewählt werden wollen. Man bräuchte grundsätzlich höhere Einkommen und echte Förderungen in Technik, Entwicklungen etc. die nicht den Endverbraucher ausschließlich belasten. Bspw. Biokraftstoffe, Brennstofftechnik, Wärmedämmung (die dann nicht als getarnte Umlage den Mieter das Geld in Form ewigen Mietanstiegs aus der Tasche zieht) usw.
Gluehweintrinker 03.12.2019
4. Zaghafte Regierungen und Verantwortung beim "Verbraucher"
Das sind die Hauptgründe dafür, dass wir es vermasseln. Tag für Tag wird unser Handlungsspielraum geringer. Selbst das noch verfügbare "CO2-Budget", welches wir bis zum Jahr XYX noch ausstoßen "dürfen", ist mir sehr großen Fragezeichen garniert. Es ist gut möglich, dass die angestoßenen Prozesse nicht mehr aufzuhalten sind und ein Kipppunkt nach dem anderen erreicht wird. Permafrost-Auflösung mit massiver Ausgasung von CO2 und Methan, Verlust von Meer- und Landeis, mit Reduzierung der IR-Reflektion usw. - und gar nichts hört man von den gigantischen Kohlenstoffspeichern des Methanhydrat in den Kontinentalschlelfen. Und was hört man aus der Politik? Man müsse die Mensche "mitnehmen" und dürfte ihnen nicht zu viel "zumuten"... soso. Der böse Infraschall durch Windkraftanlagen und der Trennungsschmerz, wenn man statt SUV die Straßenbahn benutzen soll. Und dann erst die 20.000 Arbeitsplätze der Braunkohleindustrie, für die man auch gern mal 200.000 Arbeitsplätze bei Erneuerbaren zu opfern bereit ist. Was für ein elendes Schmierentheater. Man ist also bereit, den Menschen den Verlust der Lebensgrundlagen "zuzumuten". Ich bin gespannt, wohin man den in 100 Jahren die Menschen "mitnehmen" will. Nach Nordnorwegen und Grönland? Fridays For Future ist der Hoffnungsschimmer, der den Silberstreif am Horizont darstellen könnte, doch ich fürchte, dass er zu spät kommt. Tröstlich ist, dass all diese Jugendlichen bald volljährig werden und wählen dürfen. Entweder gelingt uns unter einer gigantischen gesellschaftlichen Kraftanstrengung national, europäisch und global der Schwenk hin zu einer Nachhaltigkeit, die diesen Namen verdient, oder wir läuten das Ende der Zivilisation ein wie wir sie kennen. Nein, das ist keine Unkerei oder eine Klimakirche, es ist die vernünftige Interpretation von Fakten, z.B. Messwerten. Das Zaudern der Politik und das Zuschieben der persönlichen Verantwortung auf den Verbraucher, er könnte ja selbst entscheiden, Bahn statt PKW zu fahren, Gemüse statt Fleisch zu essen, das wird nicht reichen. Wer das meint, der kennt den Begriff des Allmende-Dilemmas nicht. Umfragen zeigen deutlich, dass mutige Entscheidungen gefragt sind und dass das Klima-Minipäckchen der Bundesregierung für unzureichend gehalten wird. Also, worauf wartet man - dass man endgültig abgewählt wird?
der.tommy 03.12.2019
5.
Es nützt alles nix. Die große Masse der Menschen gefällt sich augenscheinlich darin nichts dagegen zu tun obwohl wir es besser wissen. Sämtliche Messungen deuten in genau eine Richtung. Sogar EXXON wusste intern bereits vor 40 Jahren wohin die Reise geht, wie SPON erst kürzlich wieder gut aufbereitet gezeigt hat. Den ewig-gestrigen ist all das egal. Augen und Ohren werden zugehalten und es wird laut gesummt und die Wahrheit nicht wahrzunehmen und dann wird immer wieder so getan, als müsse man "erst mal abwarten" und man müsse noch "weiter forschen"....nichts weiter als eine Taktik des Hinhaltens in der Hoffnung dass die Auswirkungen in der eigenen Lebenszeit nicht zu gravierend sind.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.