Klimagipfel in Paris Der Sinn des Irrsinns

Der Klimagipfel von Paris wird die Welt nicht retten. Es wird hier keinen Vertrag geben, der das Problem der Erderwärmung löst. Und trotzdem braucht es dieses Treffen.
Klimakonferenz im Blick: Warum geben sich Zehntausende Menschen diesen Stress?

Klimakonferenz im Blick: Warum geben sich Zehntausende Menschen diesen Stress?

Foto: JEAN-SEBASTIEN EVRARD/ AFP

Seien wir ehrlich: Klimagipfel nerven. Tierisch. Uns als Journalisten. Und Sie als Leser oft leider auch. Das wissen wir aus den internen Klickstatistiken hier bei SPIEGEL ONLINE. Längst ist nicht mehr zu verstehen, worüber da im Detail gestritten wird. In knochentrockenen Sitzungen - gegen Ende der zwei Gipfelwochen gern rund um die Uhr - arbeiten sich die Delegierten an technischen Details ab. Selbst Fachleute sind oft überfordert. Und überhaupt: Die Dinge, über die da gesprochen wird, betreffen frühestens das nächste Jahrzehnt.

Es ist ein Irrsinn.

Zwei Wochen lang wird trotzdem ab heute in Paris wieder über das Weltklima verhandelt. Und alle, die schon mal bei so einer Veranstaltung dabei waren, wissen: Mit dem Wort Irrsinn ist das eigentlich sogar noch freundlich beschrieben. Die große Erfolgsmeldung wird es am Ende nicht geben. Es wird kein Vertrag auf dem Tisch liegen, der die Welt rettet. Auch wenn das mehr als wünschenswert wäre. Es wird höchstens ein kleiner Schritt auf einem langen Weg.

Warum also geben sich Zehntausende Menschen diesen Stress? Warum befassen sie sich mit einem Thema, das alle scheinbar nur nervt? Weil die Welt handeln muss. Und weil die vermaledeiten Gipfel zumindest nach aktuellem Stand wichtig dafür sind, dabei voranzukommen.

Immer wieder wenden Kritiker ein, der Klimawandel sei doch gar nicht wissenschaftlich erwiesen. Doch, das ist er. Und zwar in beeindruckender Detailtiefe. Immer wieder ist zu hören, die Temperaturen seien doch zuletzt gar nicht mehr gestiegen. Doch, das sind sie. Das zeigen aktuelle Auswertungen.

Selbst in Europa werden die Menschen wandern

Wenn Sie sich um die aktuelle Flüchtlingskrise sorgen, wenn Sie sich um Terrorismus sorgen, wenn Sie sich um die Sicherheit und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sorgen, dann sollten Sie sich auch um den Klimawandel sorgen. Die aktuellen Wanderungsbewegungen, ausgelöst durch Kriege in Europas unmittelbarer Nachbarschaft, dürften nur ein kleiner Vorgeschmack sein. Auf das, was da noch kommen wird - wenn alles so weiter geht wie bisher.

Wenn höhere und höhere Temperaturen etwa die Region am Persischen Golf praktisch unbewohnbar machen, dann wird das auch für uns nicht ohne Folgen bleiben. Wenn steigende Meere den Lebensraum von Hunderten Millionen Menschen bedrohen, wenn die Armut in Afrika und Südasien durch den Klimawandel zunimmt, dann wird uns auch das betreffen. Und zwar direkter als uns lieb ist - egal wie hoch wir unsere Deiche und Grenzzäune ziehen.

Und auch in Europa selbst werden die Menschen wandern - aus dem Süden Frankreichs oder Italiens, aus Spanien. Irgendwohin, wo es nicht so verdammt trocken ist, wie bei ihnen zu Hause. "Der Klimawandel ist an jedem Ort eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz", schreibt Uno-Chef Ban Ki Moon in einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE.

Was also tun?

Wenn man etwas Gutes über die bisherigen Klimagipfel sagen will, dann vielleicht dies: Sie haben dafür gesorgt, dass die Menschheit nicht so schlimm weitermacht wie bisher. Sie haben dafür gesorgt, dass sich regenerative Energien mit einem kaum für möglich gehaltenen Tempo in Richtung Marktreife entwickelt haben. Sie haben dafür gesorgt, dass Umweltschutz nicht mehr nur ein Luxusspielzeug derjenigen ist, die ihn sich scheinbar leisten können. Und sie haben dafür gesorgt, dass auch Schwellenländer wie Indien und China bereit sind, ihr Wachstum nicht rücksichtslos auf Kosten des Klimas voranzutreiben.

Details sind anstrengend

Das alles reicht nicht, aber es ist ein Anfang. Das Problem des Klimawandels wird nicht auf Gipfeln gelöst werden. Jedenfalls nicht vollständig. Aber darum geht es auch nicht. Diese Treffen spielen eine wichtige Rolle: Vor fünf Jahren in Cancun haben sich die Staaten geeinigt, dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde um höchstens zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter steigen soll - um zumindest die schlimmsten Folgen des Klimawandels abzuwenden.

Seitdem ist zu Recht über die praktische Machbarkeit dieses Ziels gestritten worden. Das sind aber vor allem akademische Debatten. Bezogen auf das Jahr 1880 haben wir nämlich schon ein Grad Temperaturerhöhung, für die wir Menschen verantwortlich sind. Die CO2-Werte liegen längst weit über allem, was die Erde in den letzten Hunderttausenden Jahren erlebt hat.

Die Alternative kann nicht ernsthaft sein, nichts zu tun. Und Meinungsumfragen belegen: Die Bevölkerungen rund um die Erde haben das begriffen. In 40 untersuchten Staaten haben sich im Schnitt 78 Prozent der Befragten dafür ausgesprochen, dass ihr Land als Teil einer Einigung in Paris weniger CO2 ausstoßen soll .

Die Details dafür - und die sind nun mal anstrengend - müssen ab jetzt auf Klimagipfeln ausgehandelt werden. Auf diesem. Und auf den vielen, die noch folgen werden.

Genau das ist der Sinn des Irrsinns.

Wer will was beim Klimagipfel?