Verlust der Widerstandskraft Der Amazonas-Regenwald könnte zur Savanne werden

Der größte Regenwald der Welt steuert auf einen kritischen Kipppunkt zu – und könnte das globale Klimasystem weiter ins Wanken bringen, warnen deutsche und britische Forscher. Schuld sei vor allem die Landnutzung.
Der Regenwald im Amazonasbecken gilt als grüne Lunge des Planeten – noch

Der Regenwald im Amazonasbecken gilt als grüne Lunge des Planeten – noch

Foto: Victor Moriyama / Getty Images

Der Regenwald im Amazonasgebiet ist eines der Kipp-Elemente im Klimasystem der Erde. Wenn er abstirbt, gerät das globale Gefüge weiter aus dem Gleichgewicht. Diese Situation steht womöglich kurz bevor. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung von Forschern der britischen Universität Exeter, der Technischen Universität München und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Veröffentlicht wurde die Studie  in der Fachzeitschrift »Nature Climate Change«.

Ein solcher Resilienzverlust sei »besorgniserregend«

Für die Arbeit untersuchten die Wissenschaftler Satellitenaufnahmen seit Beginn der Nullerjahre, sie überprüften die Veränderung Monat für Monat. Die Bilder zeigten: Der Regenwald im Amazonasgebiet hat durch Rodungen kontinuierlich an Widerstandsfähigkeit eingebüßt. Auf mehr als drei Vierteln der Fläche habe die Fähigkeit des Waldes nachgelassen, sich von Störungen wie Dürren oder Bränden zu erholen. »Dass wir in den Beobachtungen einen solchen Resilienzverlust feststellen, ist besorgniserregend«, sagte Niklas Boers, einer der Autoren der Studie, der in Potsdam und München arbeitet. Mit einer sinkenden Widerstandsfähigkeit gehe ein erhöhtes Risiko einher, dass der Amazonas-Regenwald absterben könnte.

Die Widerstandsfähigkeit des Waldes sei nicht mit seinem durchschnittlichen Zustand gleichzusetzen. »Der Regenwald kann mehr oder weniger gleich aussehen, aber er kann an Widerstandsfähigkeit verlieren, sodass er sich von einem großen Ereignis wie einer Dürre langsamer erholt«, sagte Tim Lenton vom Global Systems Institute in Exeter dazu. Die Ergebnisse der Studie bezeichnete er als »neue, überzeugende Beweise, die die Bemühungen unterstützen, die Abholzung und Degradierung des Amazonas rückgängig zu machen, um ihm eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen den fortschreitenden Klimawandel zurückzugeben«.

Der Amazonas-Regenwald macht mehr als die Hälfte des tropischen Regenwaldes der Welt aus. Er beherbergt eine unvergleichliche Artenvielfalt. Und er spielt für das Klimasystem der Erde eine wichtige Rolle als Kohlenstoffsenke. Was würde geschehen, wenn das Regenwaldsystem kippt, also seine Zerstörung unwiderruflich wird? Die Forscher warnen, dass sich ein Großteil des Amazonasgebiets in eine Savanne verwandeln könnte, wenn der Kipppunkt überschritten würde.

Der Zeitpunkt eines Kipppunkts lässt sich kaum bestimmen

Ein Problem dabei ist allerdings: Es ist kaum möglich, den Zeitpunkt eines solchen Kipppunkts vorherzubestimmen. »Wann ein solcher möglicher Übergang stattfinden könnte, können wir nicht sagen«, sagte Boers. »Wenn er dann zu beobachten ist, wäre es wahrscheinlich zu spät, ihn aufzuhalten.« Es gibt Schätzungen, die bereits einen Verlust von 20 bis 25 Prozent der Walddecke im Amazonasbecken für ausreichend halten, um diesen Kipppunkt zu erreichen.

Die Analyse der Satellitenaufnahmen zeigte auch, in welchen Gegenden die Veränderung besonders drastisch ausfiel: Zum einen seien trockene Gebiete für den Verlust der Widerstandsfähigkeit sehr gefährdet. Das sei auch deshalb alarmierend, weil die IPCC-Modelle eine allgemeine Austrocknung des Amazonasgebiets als Reaktion auf die vom Menschen verursachte globale Erwärmung vorhersagen, erklärte Boers. Zum anderen seien die Verluste auch in solchen Regionen besonders ausgeprägt ausgefallen, die sich in einem Umkreis von etwa 200 Kilometern von großen Farmen und Siedlungen befinden.

Die Ergebnisse verdeutlichten die Notwendigkeit, die menschliche Landnutzung in der Amazonasregion zu minimieren und die Treibhausgasemissionen weltweit zu begrenzen. Denn zu spät ist es – vermutlich – noch nicht: »Unsere Studie zeigt, dass sich der Amazonas einem Kipppunkt nähert, aber auch, dass er ihn wahrscheinlich noch nicht überschritten hat«, sagte der Forscher Boers.

vki/dpa