Gletscher Sermeq Kujalleq bei Ilulissat

Gletscher Sermeq Kujalleq bei Ilulissat

Foto: Michael Kappeler/ AP

Auswertung von Satellitendaten So stark trägt Grönland zum Anstieg der Meere bei

Was ist fünfmal so groß wie Deutschland, bis zu drei Kilometer dick – und wird seit 25 Jahren beständig weniger? Richtig, das Eis in Grönland. Die Folgen sind schon bemerkbar und werden sehr, sehr lange anhalten.

Der 14. August 2021 war ein symbolischer Tag auf der »Summit«-Station am höchsten Punkt des grönländischen Eisschilds. Laut Wetteraufzeichnungen erreichen Temperaturen an dem 3200 Meter über dem Meer gelegenen Forschungsstützpunkt selbst im Sommer sonst nur Tagesmittelwerte von -13 Grad. Doch an diesem Tag lagen die Temperaturen nun ganze neun Stunden lang über dem Gefrierpunkt – auch Regen wurde registriert . Bereits einige Wochen zuvor, am 28. Juli, hatte es ein anderes Extrem gegeben: Während 60 Prozent der Eisfläche an diesem Tag tauten, wurde am ostgrönländischen Flughafen Nerlerit bei Ittoqqortoormiit ein Temperaturrekord von 23,4 Grad Celsius aufgestellt.

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Als einzelnes Ereignis sagt die neue Hitzemarke ebenso wenig aus wie der Regentag an der »Summit«-Station, natürlich nicht. Und doch lenken solche bemerkenswerten Ereignisse den Blick auf einen beunruhigenden Trend, an den in dieser Woche die dänische Website »Polar Portal« noch einmal erinnert hat , auf der Dänemarks Arktisforscher von ihren Erkenntnissen berichten: Das Eis Grönlands – seine Fläche ist etwa fünfmal so groß wie die Deutschlands – ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv geschmolzen – und das trägt schon heute merklich zum globalen Meeresspiegelanstieg bei.

An der »Summit«-Forschungstation

An der »Summit«-Forschungstation

Foto: Brennan Linsley/ AP

Dabei war die Schmelzsaison 2020/2021 noch nicht einmal besonders extrem: »Im gegenwärtigen Klima kann man von einem ziemlich durchschnittlichen Jahr sprechen. In den späten Neunzigerjahren wäre es jedoch als ein sehr schlechtes Jahr anzusehen gewesen«, bilanziert  ein Team von Forscherinnen und Forschern um Ruth Mottram vom Meteorologischen Dienst Dänemarks.

Konkret sind rund 4700 Gigatonnen Eis innerhalb von 20 Jahren verschwunden. Das belegen Daten der deutsch-amerikanischen Satelliten »Grace« und »Grace-FO«. Und weil sich unter einer Gigatonne eigentlich niemand etwas vorstellen kann: Das ist ein riesiger Eiswürfel mit einer Kantenlänge von einem Kilometer. Das heißt, selbst wenn man zweieinhalb Mal den Berliner Fernsehturm übereinanderstellt, hat man die Höhe noch immer nicht erreicht. Das Schmelzwasser eines einzigen solchen Würfels kann 400.000 olympische Schwimmbecken  füllen.

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Negativserie von 25 Jahren in Folge

Über zwei Jahrzehnte sind in Grönland nun aber sogar 4700 dieser Mega-Eiswürfel verschwunden. Beim arktischen Meereis rund um den Nordpol steigt der Meeresspiegel nicht, wenn es schmilzt – weil die Schollen bereits zuvor auf dem Wasser schwammen. Im Fall des grönländischen Eisschilds, der an Land liegt, ist das aber anders. Wenn er taut, steigen die Pegelstände, weil zusätzliches Wasser in die Ozeane gelangt. Innerhalb von nur 20 Jahren kam so ein Plus von durchschnittlich 1,2 Zentimetern auf den Weltmeeren zusammen.

Eisschild mit Auslassgletschern und Schmelzwasserseen

Eisschild mit Auslassgletschern und Schmelzwasserseen

Foto: Jesse Allen/Robert Simmon/ AFP

Legt man einen Stapel Skatkarten auf den Tisch, kann man sich das gut vorstellen. Man kann es aber auch deutlich eindrücklicher haben: Würde man das entstandene Wasser allein auf der Fläche von Deutschland verteilen, wäre es 13 Meter hoch. (Und weil Statistiken ja gern auf die Fläche des Saarlandes umgerechnet werden: Hier würden sich die Fluten 1,8 Kilometer auftürmen.)

Grönlands Eis wächst und schrumpft im Takt der Jahreszeiten: In jedem Winter legt der frostige Panzer zu, so auch derzeit – und in jedem Sommer schmilzt er wieder ab. Problematisch wird es, wenn die Differenz negativ ist – und das ist seit 25 Jahren  der Fall.

»Wenn man sich nur die Daten für ein Jahr ansieht, kann man vielleicht sogar noch der Illusion unterliegen, dass man sich schon irgendwie anpassen kann«, hat der dänische Glaziologe Andreas Peter Ahlstrøm dem SPIEGEL im vergangenen Sommer gesagt . »Aber der Trend geht weiter und weiter. Der hört auch im Jahr 2100 nicht auf.« Forschende um Hu Yang vom Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven haben gerade auf Basis von Simulationen im Fachmagazin »PLoS One«  davor gewarnt, dass der Eisverlust selbst dann für Hunderte oder Tausende Jahre weitergehen wird, wenn die Menschheit das Problem der von ihr verursachten Erderwärmung in den Griff bekommt.

Der schnellste Gletscher der Welt ist schneller geworden

Vor allem an der grönländischen Westküste schmilzt das Eis. Besonders problematisch dabei ist, dass die Geschwindigkeit der Gletscherschmelze zuletzt massiv zugelegt hat. Sie läuft derzeit sechs- bis siebenmal schneller  ab als noch vor 25 Jahren.

Wobei zu sagen ist, dass Grönlands rund 220 Auslassgletscher traditionell ganz unterschiedlich fix unterwegs sind – und zwar auf gleich zwei verschiedene Arten: Die Geschwindigkeit unterscheidet sich untereinander massiv, aber auch von Jahr zu Jahr. Und zuletzt hat vor allem der Sermeq Kujalleq bei Illulissat, ohnehin bekannt als der schnellste Gletscher der Welt, nach einigen eher ruhigen Jahren wieder massiv zugelegt: Allein dort seien in der vergangenen Schmelzsaison 45 Gigatonnen Eis ins Meer gelangt, so die dänischen Forscher. Der Gesamtverlust der Insel habe bei 166 Gigatonnen gelegen.

Eisberg im Meer bei Ilulissat

Eisberg im Meer bei Ilulissat

Foto: HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS

Als entscheidend verantwortlich für den Eisverlust gilt neben geänderten Wetterkonstellationen eine Erwärmung des arktischen Ozeans, die offenbar bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts läuft. Weil die Auslassgletscher im Wasser enden, sind sie direkt von steigenden Temperaturen betroffen. Klimamodelle, die diesen Mechanismus nicht berücksichtigten, unterschätzten den Masseverlust Grönlands mindestens um den Faktor zwei, warnten Anfang des Monats Forschende um Michael Wood, der an der University of California in Irvine und dem Jet Propulsion Laboratory in Pasadena arbeitet, im Fachmagazin »Science Advances« .

Die Weltmeere sind insgesamt gesehen in immer stärkerem Ausmaß von steigenden Temperaturen betroffen, wie eine aktuelle Studie von Kisei Tanaka und Kyle Van Houtan vom Monterey Bay Aquarium im US-Bundesstaat Kalifornien zeigt, die gerade im Fachmagazin »PLoS Climate«  veröffentlicht wurde. Doch im hohen Norden ist die Lage noch einmal prekärer, hier steigen die Temperaturen noch einmal deutlich stärker als im weltweiten Durchschnitt. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch harte Winter geben kann, in denen auch das arktische Meereis wieder in Bereiche vorstößt, die zuletzt nur wenig Eisbedeckung hatten. Entscheidend ist aber der Trend. Und der macht wenig Hoffnung.

Grönlands Eisschild enthält genug Wasser, um die globalen Pegel um etwa sieben Meter steigen zu lassen. Das Abschmelzen würde allerdings über einen langen Zeitraum passieren, über viele Hundert Jahre. Doch dass der Prozess bereits begonnen hat und dass er innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit einen merklichen Beitrag zum Anstieg des aktuellen Meeresspiegels leistet, daran erinnert nun noch einmal die Warnung der Forschenden aus Dänemark.