Schlechte Klimabilanz Forscher warnen vor Investitionen in Erdgas

Erdgas wird gern als klimafreundlicher Energieträger bezeichnet. Doch Umweltschützer und Wissenschaftler warnen: Der Ausbau der Erdgas-Infrastruktur in Deutschland verzögert die Energiewende.
Bau der Gaspipeline Nord Stream 2 in Russland

Bau der Gaspipeline Nord Stream 2 in Russland

Foto: ANTON VAGANOV / REUTERS

Erdgas kann beim Kampf gegen den Klimawandel zumindest eine wichtige Übergangslösung sein – so ist es zuletzt auch von deutschen Politikern häufiger zu hören gewesen. Der Energieträger stößt im Vergleich zu Kohle weniger CO2 aus und sei für den Übergang in ein künftiges, fossilfreies Energiesystem perfekt geeignet. Bekräftigt werden diese Aussagen durch große Erdgas-Projekte, die hierzulande umgesetzt werden. Die Ostseepipeline Nord Stream 2 vom russischen Energieunternehmen Gazprom ist trotz verschiedener Proteste fast fertig. Und in Norddeutschland sind drei Flüssiggas-Terminals geplant, die Erdgas für US-Firmen lagern sollen.

Doch Klimaexperten warnen schon länger: Erdgas, das in Deutschland rund ein Viertel der jährlich verbrauchten Energiemenge ausmacht, ist nicht so klimafreundlich, wie es oft dargestellt wird. Das unterstreicht nun ein Diskussionsbeitrag von Scientists for Future  (S4F), einer Umweltschutzorganisation, die von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen gegründet wurde.

In ihrem Papier stellen die Forscher klar: Der Ausbau der Erdgas-Infrastruktur in Deutschland verzögert die Energiewende und lässt sich nicht klimapolitisch begründen. Darüber hinaus bergen die Investitionen finanzielle Risiken.

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Erdgas besteht zu einem Großteil aus Methan, es schädigt das Klima weitaus mehr als Kohlendioxid. Der Diskussionsbeitrag verweist auf neuere Studien, nach denen Methan für die Umwelt lange viel zu positiv eingeschätzt wurde. Doch zeigen Untersuchen aufgrund von Satellitendaten inzwischen, dass Methan aus dem Erdgaskreislauf genauso klimaschädlich sein kann wie Kohlendioxid.

Klimaschaden durch Gaslecks

Direkte Methanemissionen entstehen bei Förderung, Lagerung, Transport und Verbrauch. »Neben der direkten Klimawirkung von Methan wurde auch die Gesamtmenge an Treibhausgasemissionen, die bei der Nutzung von Erdgas entstehen, lange unterschätzt«, so S4F-Mitglied Claudia Kemfert. Zunächst erscheine der Wert für die spezifischen CO2-Emissionen von Erdgas positiv. Aber das würde sich stark relativieren, wenn nicht nur die direkten Emissionen, sondern die Treibhausgasemissionen über den gesamten Lebenszyklus berücksichtigt werden.

Große Schäden verursachen beispielsweise Lecks in Gasleitungen. »Methanemissionen, die durch Leckagen, bewusstes Ablassen oder Abfackeln insbesondere bei der Erdgasförderung entstehen, wurden bisher nicht oder nicht vollständig in die Berechnung der Klimawirkung von Erdgas einbezogen«, sagt Hanna Brauers vom S4F. Doch inzwischen liegen auch hier bessere Daten vor, die zeigen, dass solche Lecks großen Klimaschaden anrichten.

Ein weiterer Punkt sind die Transporte von Erdgas als Flüssiggas. Dabei entstehen große Emissionsmengen, weil dafür Tanker über die Weltmeere fahren, die viel CO2 ausstoßen. Zudem muss das Gas energieintensiv auf minus 160 Grad Celsius gekühlt werden.

Auch auf die finanziellen Faktoren weisen die Forscher hin. Ein weiterer Ausbau der Erdgasstrukturen stelle ein erhebliches Risiko für die Finanzierung der Energiewende dar. In Europa ist Deutschland das Land mit den zweithöchsten Gasinvestitionsplänen. Rund 18,3 Milliarden Euro sind für Kraftwerke, Gasnetze und Flüssigerdgas-Terminals einkalkuliert. Aber laut den Forschern zeigten die meisten Zukunftsszenarien eine Abnahme des Erdgasverbrauchs. Es drohten vorzeitige Stilllegungen von Anlagen. Und am Ende fehlten die dort investierten Gelder für den Ausbau erneuerbarer Energien.

joe