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Rätselhafte Kurven: Pause der Erderwärmung

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Uno-Verhandlungen Der Klimabasar ist eröffnet

In Schweden haben die Verhandlungen über den Welt-Klimareport begonnen. Wissenschaftler geraten unter Druck: Industrie-Lobbyisten torpedieren den Uno-Bericht. Auch Regierungen versuchen, den Wortlaut zu ändern.

Es ist der Auftakt zum großen Geschacher: In der schwedischen Hauptstadt Stockholm beginnen am Montag die Gespräche über die Zusammenfassung des fünften Welt-Klimareports, der das Wissen über den Klimawandel bündeln soll. In den kommenden vier Tagen stimmen politische Delegierte der Staatengemeinschaft und Wissenschaftler in geheimen Verhandlungen über jedes Wort des etwa 30-seitigen Dokuments ab; am Freitag soll es vorgestellt werden. Die sogenannte Zusammenfassung für Politiker bildet die Basis der globalen Umwelt- und Energiepolitik - entsprechend umstritten sind die Daten.

Bereits vor der Konferenz in Stockholm kämpfen Interessenverbände und Regierungsvertreter um die Deutung der Klimadaten, sowohl öffentlich als auch vertraulich. Industrienahe Verbände haben eigene Papiere herausgegeben, die den erwarteten Deutungen des Uno-Klimarates IPCC widersprechen.

Man wolle die Öffentlichkeit informieren, dass die Daten des IPCC zu unsicher seien, um fundierte Schlüsse zu ziehen, teilt etwa das Heartland Institute in Chicago mit, ein industrienahes Lobbyinstitut, das nun den 1200-seitigen "NIPCC-Bericht" ("Nongovernmental IPCC") herausgegeben hat. Während dem Uno-Klimabericht Hunderte Wissenschaftler zuarbeiten, die begutachtete Studien auswerten, publizieren die Lobbyisten lediglich Kritiken.

In der Defensive

Weder gebe es einen beschleunigten Klimawandel, noch bestehe größeres Risiko für Extremwetter, heißt es darin. Und: Klimamodelle seien mangelhaft, sie überschätzten den Einfluss von Treibhausgasen bei weitem. Zusammen mit dem Cato-Institut und der Heritage Foundation, die ebenfalls wesentlich von Firmen finanziert werden, machen Heartland-Mitglieder mit öffentlichen Auftritten und in Medienbeiträgen nun verstärkt Stimmung gegen den Uno-Klimarat.

Wissenschaftler sollten die Attacken kontern, sagt ein Sprecher des IPCC. "Sie müssen vorbereitet sein." Vor drei Jahren haben Klimaforscher zu diesem Zweck das "Climate Science Rapid Response Team" geründet, dem 160 etablierte Experten angehören. Sie sollen grobe Unwahrheiten richtigstellen.

Die Forscher sind allerdings gerade in der Defensive, weil das Klima in den vergangenen Jahren anders als von den Prognosen erwartet nicht mehr wärmer geworden ist. Die meisten Experten zweifeln zwar nicht daran, dass die zunehmenden Treibhausgase die Luft bald wieder aufheizen werden. Doch Fragen nach den Unsicherheiten und der Zuverlässigkeit der Prognosen sind lauter geworden.

Verschärfen oder mildern?

Der Präsident des Uno-Klimarates, Rajendra Pachauri, tritt den Skeptikern entgegen. "Wir werden genügend Informationen liefern, die vernünftige Menschen in aller Welt überzeugen werden, dass gegen den Klimawandel gehandelt werden muss", sagte er vor Beginn der IPCC-Verhandlungen in Stockholm.

Bei den Uno-Verhandlungen geraten die Forscher auch von politischer Seite unter Druck. Alle Regierungsvertreter haben Formulierungsvorschläge für den Klimabericht vorbereitet. "Die Delegationen wollen die Statements verschärfen oder mildern, je nach ihrer Position zum Thema", erläutert der Klimatologe Mike Hulme vom King's College in London, ein langjähriger Kenner des IPCC . Es gehe darum, sowohl Ton, Inhalt und Wortlaut der IPCC-Zusammenfassung zu beeinflussen.

Die deutschen Regierungsvertreter kommen nach SPIEGEL-Informationen mit dem Auftrag nach Stockholm, die Pause der Erderwärmung aus dem IPCC-Bericht herauszuhalten. Stattdessen soll nur eine "Verlangsamung des Temperaturanstiegs" konstatiert werden. Mehrere andere europäische Länder wollen sich dem Vernehmen nach der Forderung anschließen, obgleich die Klimaforschung längst vom "Hiatus" der Erderwärmung spricht , also von Pause oder Lücke.

Das letzte Wort

"Das Temperatur-Plateau wird uns beschäftigen; das ist ein sehr komplexes Thema", sagt der Klimaforscher Thomas Stocker von der Universität Bern, der die IPCC-Verhandlungen in Stockholm leiten wird. Es gehe darum, "Klarheit in die Aussagen der Wissenschaft zu bringen". Einfache Formulierungen würden gesucht, damit "Politiker die Ergebnisse verstehen könnten". Wissenschaftler hätten das letzte Wort bei den IPCC-Verhandlungen.

Als Gegenspieler der Deutschen und anderer europäischer Länder fungieren auf IPCC-Verhandlungen traditionell die Erdölstaaten. Sie versuchen gewöhnlich, die Unsicherheiten des Klimawissens hervorzuheben und mögliche Risiken herunterzuspielen. Der IPCC-Bericht ergebe deshalb nur den "kleinsten gemeinsamen Nenner", klagt der Klimaforscher Michael Mann von der Penn State University in den USA. Der Weltklimarat sei eine "konservative Organisation", die vor drastischen Aussagen zurückschrecke.

Anderer Meinung ist seine Kollegin Judith Curry von der University of Chicago. Die Konsenspolitik des IPCC verfälsche die Ergebnisse, indem sie wissenschaftliche Unsicherheiten zudecke. Und politisch engagierte IPCC-Wissenschaftler würden die Verhandlungen bisweilen in eine Richtung drängen. "Die Entscheidung der Gruppe", sagt Curry, "kann dann von einem einzigen selbstsicheren Mitglied bestimmt werden".

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