Klimaschutz-Debatte Indien plant Solar-Initiative mit Deutschland

Klimaschutz hat keine Chance ohne die Mega-Staaten der Welt - deshalb verhandelt die Bundesregierung jetzt mit Indien. Die Asiaten haben klare Vorstellungen, sagt Chefunterhändler Shyam Saran im SPIEGEL-ONLINE-Interview: Sie wollen mehr deutsche Solartechnik - und vor allem mehr Atomstrom.

SPIEGEL ONLINE: Herr Saran, wann wird Indien sich dazu verpflichten, seinen Ausstoß an Kohlendioxid zu begrenzen?

Saran: Wir haben das doch schon getan - wenn auch nicht im rechtlichen Sinn. Premierminister Singh hat zugesagt, dass der indische Ausstoß von Kohlendioxid pro Einwohner nie größer werden wird als der von Industriestaaten. Das setzt unserem Zuwachs eine klare Grenze und ist zugleich ein Anreiz für die Industriestaaten. Je schneller sie ihre Emissionen senken, desto niedriger liegt auch der Grenzwert für uns.

SPIEGEL ONLINE: Von Indien wird aber erwartet, dass es sich als aufstrebende Wirtschaftsmacht im Rahmen der Uno-Klimaverhandlungen juristisch verpflichtet - zumal nach Barack Obamas Wahlsieg nun auch die Amerikaner wieder Klimaschutz betreiben dürften.

Saran: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen uns und den Verpflichtungen der Amerikaner, die 20 Prozent aller Emissionen und jährlich 20 Tonnen pro Einwohner verursachen. Trotz seiner größeren Bevölkerung bringt Indien es nur auf vier Prozent der Emissionen, auf 1,1 Tonnen pro Kopf. Natürlich würden wir es begrüßen, wenn ein Präsident Obama sein Versprechen einlöst und die US-Emissionen reduziert. Aber auch das wird nicht dazu führen, dass Indien einer Regelung zustimmt, die über den geltenden Uno-Klimavertrag hinausgeht. Der sieht für Entwicklungsländer keine juristisch bindenden Reduktionspflichten vor.

SPIEGEL ONLINE: Was wird das für die indischen CO2-Emissionen bedeuten?

Saran: Wir haben ein Wirtschaftswachstum von acht bis neun Prozent geschafft, bei dem der Energieverbrauch nur um 3,7 Prozent gestiegen ist. Unser nationales Ziel ist es, den Einsatz fossiler Energieträger pro Dollar Wirtschaftsleistung möglichst bald um ein Viertel zu senken. Wenn wir die Kernkraft so ausbauen wie geplant, können wir jährlich 140 Millionen Tonnen CO2 einsparen – so viel, wie die ganze EU im Rahmen des Kyoto-Protokolls reduzieren will.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie es, dass die Staats- und Regierungschefs der EU derzeit so große Probleme haben, sich über das europäische Klimaschutzpaket zu einigen?

Saran: Wir hoffen sehr, dass die EU ihre bisherige Führungsrolle in der Klimapolitik nicht nur erhält, sondern ausbaut. Natürlich machen wir uns Sorgen, dass die Finanzkrise nun dazu führt, dass das Reduktionsziel von drei mal 20 Prozent verwässert wird. 20 Prozent weniger Emissionen, 20 Prozent erneuerbare Energien, 20 Prozent mehr Energieeffizienz - damit würde Europa wirklich Vorbild sein. Jetzt hören wir Stimmen, dass die Finanzkrise es unmöglich macht, das Ziel zu erreichen. Besser als so zu denken wäre es, wenn Europa Investitionen in den Klimaschutz als Teil der Lösung der Wirtschaftskrise betrachten würde, statt sie jetzt zu opfern. Da kommt Deutschland eine entscheidende Rolle zu.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie vom Besuch des deutschen Außenministers und des deutschen Umweltminister in dieser Woche?

Saran: Wir werden den Stand der internationalen Klimaverhandlungen vor der Uno-Konferenz in Polen besprechen, aber vor allem wollen wir mit Deutschland noch stärker zusammenarbeiten, um klimafreundliche Technologien zu entwickeln. Wir wollen vom deutschen Know-how in der Solartechnologie lernen und werden Deutschland vorschlagen, mit uns eine Solar-Initiative zu starten, um den Weg für eine kohlenstofffreie Wirtschaft zu ebnen. In Indien gibt es noch 400 bis 500 Millionen Menschen ohne Zugang zu kommerzieller Stromversorgung, für die Solarenergie eine hervorragende Lösung wäre. Das deutsche Know-how in der Solartechnologie wäre für Indien eine echte Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: Hat der indische Vorschlag, in der Weltklimapolitik künftig auf der Grundlage von Pro-Kopf-Emissionen zu verhandeln, überhaupt eine Chance?

Saran: Es ist unsere feste Überzeugung, dass die Atmosphäre ein Gemeinschaftsgut der gesamten Menschheit ist und dass deshalb jeder Erdenbürger das gleiche Anrecht darauf hat, diese Ressource zu nutzen. Aus diesem Prinzip folgt, dass sich die Pro-Kopf-Emissionen reicher und armer Länder schrittweise annähern müssen, von oben und unten. Wir versuchen gemeinsam mit Deutschland und anderen Partnern, dieses Prinzip in praktische Richtwerte für die Politik zu verwandeln.

SPIEGEL ONLINE: Kanzlerin Merkel hat den Vorschlag von Premierminister Singh weiterentwickelt und gefordert, dass 2050 jeder Erdenbürger nur noch zwei Tonnen CO2-Emissionen verursachen darf. Ist das realistisch?

Saran: Die Klimaforschung ist noch nicht so weit, dass wir die verträglichen CO2-Emissionen für das Jahr 2050 genau bestimmen könnten. Aber als Richtwert sollte der Vorschlag von Kanzlerin Merkel genau untersucht werden. Eins ist klar: Um dahin zu kommen, müssten die Industrieländer ihre Emissionen drastisch reduzieren und den Entwicklungsländern trotz Finanzkrise Geld und Technologien in gewaltigem Maßstab transferieren.

Das Interview führte Christian Schwägerl