Klimaschutz-Studie aus Potsdam Ohne CO2-Preis bleibt der Kohleausstieg wirkungslos

Durch den beschlossenen Kohleausstieg allein ist für den Klimaschutz noch nicht viel gewonnen. Wird CO2-Ausstoß nicht zusätzlich bepreist, könnten die Emissionen sogar steigen, zeigt eine neue Studie.

Kohlekraftwerk "Schwarze Pumpe" in Brandenburg.
Florian Gaertner/ Photothek/ Getty Images

Kohlekraftwerk "Schwarze Pumpe" in Brandenburg.


Ohne Einführung eines CO2-Preises könnte der beschlossene Kohleausstieg für den Klimaschutz wirkungslos blieben. Zu diesem Ergebnis kommen Experten des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung in einer am Dienstag vorgelegten Untersuchung.

Durch den Erdrutschsieg der Grünen bei der Europawahl, die Wirkung der Kritik des YouTubers Rezo und die Proteste der Bewegung "Fridays for Future" hatte der Druck auf die Bundesregierung, mehr für den Klimaschutz zu tun, zuletzt stark zugenommen. In den Diskussionen der vergangenen Tage hatten Regierungsvertreter immer wieder auch auf den Anfang des Jahres beschlossenen Kohleausstieg bis 2038 als Erfolg verwiesen.

Die von zahlreichen Instituten und Ökonomen geforderte zusätzliche Steuer auf Kohlendioxid wird in der Union jedoch weiterhin skeptisch gesehen.

Befürworter einer CO2-Bepreisung bekommen nun Rückenwind durch die neue Studie aus Potsdam. Diese rechnet vor, dass der Kohleausstieg allein nicht den erhofften Effekt für den Klimaschutz bringen und die Emissionen sogar ansteigen lassen könnte.

Wie ist das möglich? Die Forscher um Michael Pahle machen dafür die Marktmechanismen des Europäischen Emissionshandels verantwortlich. In ihrem Szenario erklären sie den Effekt so:

Werden Braunkohlekraftwerke nach und nach abgeschaltet, sinkt das Stromangebot auf dem Markt. In der Folge steigt der Strompreis. Nun könnten nicht ausgelastete Steinkohlekraftwerke die Stromproduktion hochfahren - und damit auch die CO2-Emissionen wachsen lassen. Die in der Stromproduktion besonders günstigen Braunkohlekraftwerke drücken derzeit den Preis, Steinkohlekraftwerke sind oft nicht konkurrenzfähig und bleiben vom Netz - dies würde sich beim sukzessiven Abschalten der Braunkohlemeiler ändern.

Hinzu komme, dass der Strombedarf ohnehin ansteige, was wiederum die Preise treibe, so die Forscher. Der zu erwartende größere Anteil an Elektroautos befeuere diese Entwicklung.

Zum Problem könnte auch der Handel mit Emissionen werden. Er funktioniert grundsätzlich nach einem einfachen Prinzip: Seit einigen Jahren müssen mehr als 10.000 Unternehmen und Stromproduzenten in der EU für jede von ihnen ausgestoßene Tonne CO2 ein Zertifikat vorweisen. Das klimaschädliche Gas wird so zum Kostenfaktor - was die Unternehmen dazu bewegen soll, ihren CO2-Ausstoß zu senken.

Aber durch den Kohleausstieg in Deutschland sinkt die Nachfrage nach Emissionszertifikaten im Europäischen Emissionshandel, weil schlicht weniger Zertifikate benötigt werden, wenn weniger Kraftwerke am Netz sind. Nach den Marktgesetzen werden die Emissionsrechte dadurch günstiger. Das könnte dazu führen, dass Kraftwerksbetreiber im europäischen Ausland weniger Anreize haben, auf regenerative Energien umzustellen und stattdessen fossile Kraftwerke stärker zur Stromproduktion heranziehen, was den CO2-Ausstoß im Ausland ansteigen ließe.

Wie der Kohleausstieg dennoch gelingen könnte, zeigen die Forscher in ihrer Untersuchung auch auf. Helfen würde ein CO2-Preis, über den schon länger diskutiert wird. Laut den Berechnungen der Forscher müsste der CO2-Preis zwischen 30 und 60 Euro je Tonne betragen, wenn er im Jahr 2030 eingeführt werde.

Darüber hinaus schlagen die Wissenschaftler vor, Emissions-Zertifikate zu löschen, um eine Verlagerung des Kohlestroms in deutsche Nachbarländer wie etwa Polen zu verhindern. Das würde Deutschland bis zum Jahr 2050 etwa 19 Milliarden Euro kosten.

Zudem brauche es einen Mindestpreis auf CO2-Zertifikate. Er könnte verhindern, dass sie zu günstig werden und ähnlich funktionieren wie beispielsweise ein Mindestgebotspreis auf Ebay: Liegt der Marktpreis unter dem Mindestpreis der Zertifikate, werden automatisch Zertifikate zurückgehalten und können gelöscht werden. Der Mindestpreis sei eine Versicherung gegen die Unsicherheiten auf den Märkten, heißt es in der Studie.

Deutschland, Frankreich und die Niederlande sollten bei CO2-Gebühr vorangehen

PIK-Direktor und Co-Autor Ottmar Edenhofer hofft, dass die Kosten für die Löschungen von Zertifikaten auf mehreren Schultern verteilt werden und Deutschland Unterstützung von weiteren Ländern bekommt.

"Bereits wenn eine Pioniergruppe aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und wenigen anderen einen solchen Mindestpreis einführen würde, könnte das ein wichtiger Schritt zu einem EU-weiten Mindestpreis sein", so Edenhofer. Der Wirtschaftsforscher gilt schon länger als Befürworter einer CO2-Abgabe. Er ist sich sicher: So könnte Deutschland die nationalen Klimaziele im Stromsektor noch erreichen.

joe

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richey_edwards 04.06.2019
1. "Deutschland muss vorangehen"
Ganz genau. Klimaschutz hat höchste Priorität. Alles muss diesem Ziel untergordnet werden. Auch Youtuber und Schulkinder meinen das. Also muss es stimmen.
bruderlaurentius 04.06.2019
2. 2 Optionen
es gibt doch nur zwei Optionen 1) es gibt Energie und Produkte, wo alle Nebenwirkungen wie CO2, Atommüll, Stickstoff etc eingepreist sind 2) wir machen weiter wie bisher und fahren den Karren vor die Wand; 420 ppm CO2-Konzentration sind heute schon absoluter Rekordwert und jedes Jahr kommen > 3 ppm dazu.
Susi64 04.06.2019
3. Der Bürger zahlt egal, was passiert.
Unterm Strich heißt das, dass Energie teuerer werden muss. Zahlen muss der Endkunde, alles andere wird halt eingepreist. Warum sollte dann der CO2-Ausstoß sinken? Man könnte ja neben der Braunkohle auch aus der Steinkohle aussteigen, nur wird das eben auch nichts, wenn es nur Deutschland tut. Am Ende schaden wir uns selbst, weil wir Strom aus Polen kaufen werden und die dortige Steinkohlenindustrie wird es freuen. Die Steuereinnahmen könnten für grüne Stromerzeugung ausgegeben werden, nur bleibt die Frage ob solche Subventionen zulässig sind und was sie letzlich bringen. Man könnte z.B. die Anschaffung von Solarpanälen subventionieren, allerdings könnten die Kunden sich dann auch für die billigen aus China entscheiden. Bei den Windrädern und Leitungen sehe ich das Problem, dass sich hier Umschützer gegen Klimaschützer stellen, die die "Verspargelung" der Landschaft beklagen. Am Ende wird die CO2-Steuer genauso wie der Emmisionshandel scheitern und der Bürger zahlt fröhlich weiter drauf.
dont_think 04.06.2019
4.
brillante idee! jeglicher CO2 ausstoss wird besteuert (Alkoholproduktion, Mineralwässer, Menschen, Tiere Verbrennungsprozesse, (schlafende) Vulkane - und danach wird umverteilt: wer am wenigsten ausstößt, bekommt am meisten zurück - abzüglich 50% Verwaltungskosten ...
urbanism 04.06.2019
5.
durch die CO2 Bepreisung werden die Energiekosten der Endverbraucher unter dem Strich steigen. Dadurch dass der Verbraucher Energien einspart umso die CO2 Bepreisung aufzufangen, werden die Energiekonzerne die Preise erhöhen um ihre Gewinne konstant zu halten.
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