Klimaunfreundlich Umweltbundesamt auf dem Abstellgleis

Ausgerechnet das Umweltbundesamt, die Fachbehörde für Umwelt- und Klimaschutz, die stets Billigflieger und Pkw verurteilt und die Bahn als ökologischstes Verkehrsmittel propagiert - sie selbst ist nun ein Verlierer der Umstrukturierung des Schienenverkehrsnetzes geworden.

Von Volker Mrasek


"Aus allen Himmelsrichtungen direkt ins Herz der Metropole": So hat die Deutsche Bahn (DB) den Kern ihres neuen Konzeptes für den Schienenverkehr in Berlin umrissen. Vieles rollt schneller seit der Neuordnung von Strecken und Verbindungen in der Hauptstadt, mit dem im Mai 2006 eröffneten mondänen Hauptbahnhof als Schnittpunkt von Nord-Süd- und Ost-West-Achse. Im Rahmen der Umstrukturierung wurden auch die traditionsreiche Dresdner und die Anhalter Bahn Richtung Süden kräftig aufgemöbelt. Jenseits der Stadtgrenze sausen Intercities (IC) und Intercity-Express-Züge (ICE) auf den beiden Trassen jetzt mit bis zu 200 Kilometern pro Stunde durchs Land.

ICE: Die Strecke über Dessau sei "zunehmend unattraktiv" geworden
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ICE: Die Strecke über Dessau sei "zunehmend unattraktiv" geworden

Die Fahrtzeit von Berlin via Bitterfeld nach Leipzig hat sich so um fast eine Stunde verkürzt. Und nicht nur im bundesweiten Fernverkehr, sondern auch regional frohlocken die Bahn-Verantwortlichen nun über "Zeitgewinne von bis zu 40 Prozent".

Beim Umweltbundesamt (UBA) im sachsen-anhaltinischen Dessau teilt man diese Freude allerdings nicht. Ausgerechnet die zentrale deutsche Fachbehörde für Umwelt- und Klimaschutz, die sich stets kritisch über Billigfliegerei und PS-protzende Pkw äußert und Bahnfahren als das ökologisch unbedenklichste Verkehrsmittel propagiert, ist ein Verlierer der Berliner DB-Reform.

"Viele Leute im Haus haben sich von der Bahn verabschiedet"

Mit dem Wechsel zum Winterfahrplan an diesem Wochenende hört Dessau auf, Fernverkehrsbahnhof zu sein. Die 77.000-Einwohner-Stadt rund 120 Kilometer südwestlich von Berlin wird vom Intercity-Netz abgekoppelt und dann nur noch von Regionalverkehrszügen angesteuert. Ihr Pech: Sie liegt nicht auf der flottgemachten, über Wittenberg führenden Anhalter/Leipziger Bahn, sondern weiter westlich, auf einer zweiten – nicht ausgebauten – Ausfallstrecke. Beide Trassen kreuzen den alten Chemie-Standort Bitterfeld. Die Bahn hat sich aber schon lange für die östliche Route über Wittenberg als ICE- und IC-Sprintparcours entschieden. Selbst die drei Intercity-Verbindungen, die es zuletzt in Dessau noch gab, fallen fortan weg: Kein Fernverkehrszug hält mehr am Standort der Fachbehörde von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD). Das Amt mit seinen rund 750 Mitarbeitern vor Ort wird aufs Nebengleis abgeschoben und schliddert in die verkehrsanbindungstechnische Diaspora.

Die Strecke über Dessau sei "zunehmend unattraktiv" geworden, beklagt Gerd Schablitzki, Leiter des UBA-Referates "Bau, Technik und Innerer Dienst". Mitte der neunziger Jahre habe die Fahrtzeit zwischen Berlin und Dessau noch rund 60 Minuten betragen. Heute muss man mindestens anderthalb Stunden einkalkulieren. So lange sind Mitarbeiter und Besucher des Amtes unterwegs, wenn sie einen Intercity ab Berlin-Mitte nehmen, in Bitterfeld umsteigen und von dort mit einer Regionalbahn bis Dessau weiterfahren – mit allen Unwägbarkeiten des Umsteigens bei Verspätungen. Alternativ kann man auch Regionalexpress-Züge benutzen, die direkt zwischen Berlin und Dessau verkehren, und sich so das Umsteigen ersparen. Doch mit ihnen dauert die Fahrt auf der teilweise nur eingleisigen Strecke noch länger: knapp eine Stunde und 50 Minuten.

Die Folge: "Viele Leute im Haus haben sich von der Bahn verabschiedet", wie Schablitzki sagt, sprich: Sie sind wohl oder übel auf das Auto umgestiegen. Ein anderes Problem: "Für Fachbesucher aus dem Bundesgebiet ist es praktisch unmöglich, für einen Tagestermin nach Dessau zu kommen", moniert Bernhard Specht, der sich um das betriebliche Mobilitätsmanagement im UBA kümmert. Und wenn sie doch anreisen, nehmen auch sie lieber einen Mietwagen – was zusätzlichen Individualverkehr produziert. Schablitzki geht sogar davon aus, dass das Umweltbundesamt in Zukunft Probleme bekommen wird, qualifiziertes Fachpersonal zu finden. Die Situation für Anfänger im Öffentlichen Dienst habe sich "durch tarifliche Neuregelungen dramatisch verschlechtert", klagt der Geograf, "und wenn der Standort dann noch so schlecht erreichbar ist, erhöht das nicht gerade die Attraktivität einer Behörde wie der unseren."

Nach der Wiedervereinigung wurde das UBA nach Sachsen-Anhalt verlegt

In Dessau steht zugleich eine "Ikone der Moderne", das berühmte Bauhaus. Vor elf Jahren in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen, hat das historische Gebäude inzwischen etwa 90.000 Besucher im Jahr. Auch dort fürchtet man Nachteile nach dem Fahrplanwechsel: "Wenn die Bahnverbindung immer schlechter wird, wird natürlich auch die Hemmschwelle, zu uns zu kommen, immer größer", so Bauhaus-Pressesprecherin Annette Zehnter zu SPIEGEL ONLINE.

UBA und DB sind seit Jahren im Gespräch über die Anbindung von Dessau, "doch letztlich entscheiden die Reisenden selbst", wie Jörg Bönisch betont, stellvertretender Sprecher der Deutschen Bahn für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Schon die drei bisher zu Berufspendler-Zeiten via Dessau verkehrenden Intercity seien "ein Zugeständnis an das Umweltbundesamt und seine Mitarbeiter" gewesen, erklärte Bönisch. In den IC-Zügen hätten aber nicht einmal hundert Reisende gesessen. Auch Jobst Paul, Konzernbevollmächtigter für Sachsen-Anhalt, spricht von einer zu geringen Resonanz, um das IC-Angebot aufrechtzuerhalten: "Deshalb wird diese Verbindung zum Fahrplanwechsel eingestellt." Da nutzt es auch nichts, dass UBA-Präsident Andreas Troge seit Jahren im Beirat der Bahn sitzt, der den Konzern "bei der Fortführung der Bahn-Reform" beraten soll.

Das 1974 gegründete Umweltbundesamt hatte seinen Dienstsitz ursprünglich in Berlin. Nach der Wiedervereinigung beschloss die Föderalismus-Kommission aber, Bundesbehörden in die neuen Länder zu verlegen. Für das UBA bedeutete das den Umzug nach Sachsen-Anhalt. Tragisch aus heutiger Sicht: Der seinerzeit eingerichtete "Arbeitsstab zur Verlagerung des Umweltbundesamtes" erwog zunächst auch Wittenberg als möglichen neuen Hauptstandort. Die Wahl fiel dann aber auf Dessau.

Die DB-Konzernführung hatte damals noch nicht durchblicken lassen, welche der beiden Strecken von Berlin nach Leipzig sie alsbald in ihr Hochgeschwindigkeitsnetz integrieren würde. Die Route über Dessau galt auf jeden Fall als aussichtsreich, da sie durch Potsdam führt, immerhin Landeshauptstadt Brandenburgs. In seinen Gesprächen mit der Bahn drang das UBA zu dieser Zeit noch auf eine Fahrzeit von 60 Minuten nach Berlin-Mitte und eine "stündliche Anbindung in Spitzenzeiten". In Zukunft tuckern durch Dessau nun nur noch langsame Regionalbahnen und Güterzüge.

Auch DB-Konzernlenker Hartmut Mehdorn kennt übrigens die Sorgen der obersten deutschen Umweltbehörde. Er war sogar schon mal dort, im neuen baubiologischen Refugium des UBA. Das war am 10. Oktober 2005, bei einem öffentlichen Kolloquium. Kurz vorher fragte der Veranstalter an, wann Mehdorn denn am Dessauer Bahnhof abgeholt werden könne. Es war nicht nötig: Der Bahn-Chef reiste lieber mit dem Auto aus Berlin an.



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