Konferenz in Katowice Der letzte Erfolg der Klimaschützer

Die Weltgemeinschaft hat in Polen gemeinsam ein Regelwerk beschlossen, das die Erderwärmung bremsen soll. Doch es könnte ihr letzter Erfolg gewesen sein. Das zeigen Vergleiche zwischen 2015 und heute.
Leuchtenden Nachtwolken über schattiger Landschaft

Leuchtenden Nachtwolken über schattiger Landschaft

Foto: Patrick Pleul/ dpa

2015 schufen die Staaten der Erde den Weltklimavertrag, dieses Jahr ein Regelwerk dafür. Dabei schien die Chance auf eine Einigung erheblich schlechter als vor drei Jahren. Denn seitdem war in der Weltgemeinschaft eine Gegenbewegung entstanden, sie drohte den Plan von Paris zu zersetzen. Sämtliche Staaten der Erde hatten sich 2015 auf ein Abkommen geeinigt, die globale Erwärmung zu begrenzen, auf möglichst 1,5 Grad. Emotionale Reden der Staatenvertreter befeuerten einen Einigkeitsrausch, wie ihn die Welt selten erlebt hat.

Doch auf der Uno-Klimakonferenz im polnischen Katowice in den vergangenen zwei Wochen war der Rausch verflogen. Die Reden auf der Tagung wirkten wie Durchhalteparolen. Und die Gegner strikter CO2-Politik wagten sich aus der Deckung.

Der Vergleich mit 2015 zeigt, wie die Klimapolitik sich in den vergangenen drei Jahren verändert hat:

USA und China

2015: USA und China machten gleichzeitig Druck auf ihre Verbündeten. Dass beide Großmächte den Vertrag gemeinsam wollten, überzeugte kleine Staaten, mitzumachen.

2018: US-Präsident Donald Trump hatte den Austritt der USA aus dem Klimavertrag angekündigt, seine Delegierten verhandelten in Katowice sehr engagiert - in Trumps Sinn. "Sie haben vieles bekämpft, das beschlossen werden sollte; sie waren die Aktivsten in den Verhandlungen", beschreibt eine Delegierte des Inselstaates Dominika dem SPIEGEL das Verhalten der USA-Abordnung. Ergebnis: China sah sich gezwungen, gelegentlich mit den USA zu votieren - ohne die andere Weltmacht im Verbund sah es sich seiner Grundlage zur Zustimmung des Klimavertrags beraubt.


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Obama und Trump

2015: US-Präsident Barack Obama wollte unbedingt einen Klimavertrag, er entwickelte eine "Rollout Strategie": Er gewann viele Verbündete, indem er sich zunächst gezielt kleine Gruppen sicherte - die er später miteinander verband. So gelang es ihm, selbst hartnäckige Gegner eines Klimavertrags zu gewinnen, etwa die Ölstaaten Saudi-Arabien und Kuwait.

2018: US-Präsident Trump bezweifelt einen gefährlichen Klimawandel, hält das Pariser Klimaabkommen für schädlich. Delegierte der USA in Katowice forderten, der Klimavertrag müsste umgeschrieben werden. Die Haltung zeigte Wirkung: Saudi-Arabien und Kuwait stellten sich wieder offen gegen ambitionierte CO2-Politik.


Brasilien und Deutschland

2015: Große Schwellenländer konnten überzeugt werden, einem Klimavertrag beizutreten - obwohl sie den Klimawandel als Vermächtnis der reichen Länder ansahen. Deutschlands Diplomatie war dabei entscheidend: Nach einem Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel im Spätsommer 2015 lenkte Brasiliens damalige Präsidentin Dilma Rousseff ein.

2018: Brasilien hat mit Jair Bolsonaro einen Präsidenten gewählt, der den Klimavertrag ablehnt, er hat großflächige Urwaldrodungen angekündigt. Auf der Tagung in Katowice verhandelten noch die Gesandten der alten Regierung, sie verkündeten Durchhalteparolen. Am Ende der Tagung stellte Brasilien sich quer, verzögerte so die Verhandlungen um 24 Stunden, um Sonderrechte zu ergattern. Ein erstes Zeichen der neuen Regierung, vermuteten Beobachter. Doch letztlich stimmte Brasilien zu - was im kommenden Jahr unter Bolsonaro wohl nicht mehr möglich wäre. Fraglich erscheint zumal, ob Deutschland Brasilien noch einmal so beeinflussen könnte wie 2015. Deutschland verfehlt seine eigenen Klimaziele, hat seinen Klima-Heiligenschein eingebüßt.

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Indien und China

2015: Der große Streit der Klimaverhandlungen war stets, ob abgasreiche Schwellenländer wie China und Indien den gleichen CO2-Regeln unterworfen werden sollen wie Industriestaaten, die historisch das meiste CO2 erzeugt haben. In Paris gelang eine Einigung: "Abhängig von ihren Möglichkeiten" sollten auch Schwellenländer in die Pflicht genommen werden. Damit überwanden die Vereinten Nationen ihre scharfe Trennung in Industriestaaten und Entwicklungsländer.

2018: Bei den Verhandlungen der Regeln des Klimavertrags in Katowice zeigte sich die alte Spaltung. Entmutigt vom Verhalten der USA machten China und Indien keine weiteren Zugeständnisse. Die alten Gräben rissen wieder auf.

Russland und Australien

2015: Länder, die CO2-Regeln kritisch sehen, weil sie ihrer Industrie schaden, unterwarfen sich in Paris der Aufbruchstimmung; niemand wollte als Außenseiter dastehen. Neben den bis dahin offen oppositionellen Ölstaaten hielten in Paris zur Überraschung aller selbst Vertreter Irans, Russlands, Australiens und der Türkei glühende Reden auf den Klimaschutz.

2018: Die Skeptiker melden sich zurück, noch eher verdruckst. Russland etwa verhindert mit sieben Wörtern die Begrüßung des Uno-Klimareports - und Australien schweigt dazu im Plenum, meidet eine Wortmeldung. "Die Länder der Anti-Koalition bilden noch keine strategische Interessengemeinschaft", bilanziert der Politikforscher Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. "Langfristig aber gefährden die Missklänge und Verhärtungen der internationalen Beziehungen, die gewachsen sind, den Erfolg der Klimakonferenzen."

Trotz dieser Entwicklungen gelang in Katowice ein erstaunlicher Coup: Einstimmig hat die Klimakonferenz das Regelwerk für den Weltklimavertrag beschlossen. Alle Länder machen mit. Das Regelwerk wird erheblichen Druck zu stringenter CO2-Politik entfalten (mehr dazu lesen Sie hier).

Misstöne waren dennoch prägend für die Verhandlungen in Katowice. Das Regelwerk wurde womöglich im letzten Moment festgezurrt, als es noch möglich war.