Globale Studie Klimawandel bedroht seltene Pflanzen

Die gute Nachricht: Auf der Erde gibt es viel mehr Pflanzen als vermutet, so Forscher in einer neuen Studie. Die schlechte Nachricht: Klimawandel, Landwirtschaft und Städtebau könnten viele von ihnen verschwinden lassen.

Die Karte zeigt die Verteilung von seltenen Pflanzen weltweit
Patrick R. Roehrdanz/ Moore Center for Science/ Conservation International Data from Enqist et al.

Die Karte zeigt die Verteilung von seltenen Pflanzen weltweit


Es steht nicht gut um die Pflanzenwelt: Erst 2016 haben Forscher Alarm geschlagen und einen umfassenden Bericht vorgelegt. Das Ergebnis: Laut dem "State of the World's Plants report" ist ein Fünftel aller bekannten Pflanzenarten vom Aussterben bedroht.

Nun hat sich ein Team von 35 Wissenschaftlern seltenen Pflanzen noch genauer gewidmet. Im ersten Schritt erstellten sie zehn Jahre lang eine Datenbank, die Landpflanzen erfasst. Es sei die größte Datenbank dieser Art, heißt es. Aus den Millionen Datensätzen konnten die Forscher um Brian Enquist von der University of Arizona in den USA eine Karte erstellen, die die globale Verteilung von seltenen Pflanzen zeigt. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher nun in der Fachzeitschrift "Science Advances".

Die Datenbank zählt etwa 435.000 unterschiedliche Arten. Das ist etwas mehr als beim "State of the World's Plants report", er erfasste nur etwa 390.000 Arten von Gefäßpflanzen.

Denn beim Thema Biodiversität von Pflanzen bestand bisher ein Problem: Forscher hatten nur eine grobe Idee davon, wie viele Landpflanzen es überhaupt gibt. Genauere Angaben sind aber wichtig, um Einschätzungen über Vorkommen und zukünftige Bedrohungen treffen zu können.

Die aktuelle Studie differenzierte in einem zweiten Schritt ihre Daten und stufte etwa 37 Prozent der Pflanzen als außerordentlich selten ein. Die hohe Zahl solcher Funde überraschte die Ökologen. "Es gibt viel mehr seltene Arten, als wir erwartet hatten", so Enquist. Dann warfen die Forscher einen Blick auf die räumliche Verteilung der Pflanzen. Global gesehen zeigte sich auf der Karte: Viele seltene Pflanzen kommen in bekannten Naturparadiesen wie Costa Rica oder Madagaskar vor. Sie gelten als Hotspots des Lebens und sind für ihre große Biodiversität mit vielen endemischen Pflanzen bekannt - also Arten, die nur dort vorkommen.

Weitere Standorte befinden sich nahe dem Äquator: In Süd- und Mittelamerika, in Südostasien, aber auch im südlichen Teil Afrikas. Dass das Amazonasbecken auf der Karte nur eine geringe Rolle spielt, erklären die Forscher mit den günstigen Bedingungen, die dort herrschten: Etliche Pflanzenarten seien in den Regenwäldern der Region häufiger anzutreffen, weil sie dort noch genügend Lebensraum finden würden.

An den Hotspots für seltene Pflanzen sei das Klima in den vergangenen Jahrtausenden relativ stabil gewesen. Aber die Forscher blicken pessimistisch in die Zukunft: Durch den Klimawandel sind gerade dort starke Veränderungen zu erwarten, die sich negativ auf seltene Pflanzen auswirken könnten. Schon kleine Temperaturveränderungen können Einfluss auf den Wachstumszyklus von Pflanzen haben, wissen Forscher.

"Außerdem steigt in diesen Regionen der Einfluss des Menschen. Es werden immer mehr Flächen für die Landwirtschaft benötigt, die Städte dehnen sich aus. Das sind keine guten Nachrichten", so Enquist. Wenn nichts geschehe, könnten gerade seltene Pflanzen sehr schnell aussterben, da es hiervon nur wenige Exemplare gebe. Für die Wissenschaft ist das eine dramatische Entwicklung. Denn gerade über diese Pflanzen wissen Forscher nur sehr wenig.

In früheren Untersuchungen hatten Forscher auch weitere Gründe für den Artenschwund ausgemacht. Krankheiten und invasive Spezies, die sich in fremder Umgebung ausbreiten und einheimische Pflanzen verdrängen, tragen auch zum Rückgang bei. Doch auch die Ausbreitung von invasiven Arten geht zum Teil auf klimatische Veränderungen zurück.

Neues Gewächs bei Facebook

Zudem gibt es regionale Unterschiede bei der Verbreitung von Pflanzen. Einige Alpenpflanzen dehnen ihren Verbreitungsraum durch den Klimawandel eher aus, hatte eine Studie gezeigt. Durch höhere Temperaturen können sie im Gebirgen in immer höheren Lagen wachsen und seien häufiger zu finden. Knapp 20 Prozent sind in den Alpen dagegen seltener geworden.

Forscher entdecken ständig weitere bisher unbekannte Arten. Dazu zählen manchmal auch solche, die eigentlich kaum zu übersehen sind. 2015 entdeckten Wissenschaftler im Regenwald von Gabun eine hundert Tonnen schwere und 45 Meter hohe Baumart, die nur in dieser Region Afrikas wächst.

Und manchmal hilft den Forschern auch die globale Vernetzung bei der Arbeit: Eine fleischfressende Sonnentauart, die nur im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais vorkommt, fanden Biologen, nachdem sie ein Foto der Pflanze bei Facebook gesehen hatten. Dort hatte es ein Orchideenfan hochgeladen.

joe



insgesamt 18 Beiträge
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meenix 28.11.2019
1. Dinosaurier sind auch weg
scheint keinen groß zu stören. Keine Ahnung warum die das Autofahren nicht vorher eingestellt haben. Wie kam nochmal die Kohle in die Erde ? Wie sah es bei uns vor Millionen Jahren aus ? Und ob wir überleben ist der Natur und dem Klima sowas von egal.
aspi01 28.11.2019
2. "Natürlich ist, wenn sich nichts ändert"
Diese Denke in Teilen der Wissenschaft ist meiner Meinung nach geradezu absurd. Natürlich ist Geburt und Tod. Von Individuen und auch von Gruppen und Arten. Artensterben und Entstehung neuer Arten, Verdrängung und Änderung, fressen und gefressen werden ist das Grundprinzip der Natur. Wer das nicht sieht und jede Änderung in der Natur als Folge "unnatürlichem" menschlichem Einwirkens sieht, ist auf eine Art "religiösem Ursünden-Trip".
Sendungsverfolger 28.11.2019
3. Klimawandel bedroht seltene Pflanzen
Natürlich. Klimawandel bedroht prinzipiell eigentlich alle Pflanzen. Dass darunter auch "seltene" Pflanzen sind, ist eine logisch folgende Tatsache. Wo ist jetzt der Nachrichtenwert dieser "Studie"? Und beim Satz "Wenn nichts geschehe, könnten gerade seltene Pflanzen sehr schnell aussterben, da es hiervon nur weniger Exemplare gebe." bekomme ich einen Lachanfall. Dass Erkennen von inhärenter Logik scheint nicht im Naturell dieser Pflanzenforscher zu liegen. Ist da jetzt gerade jemand auf den Klimawandelzug augfgesprungen?
vercingetorix1 28.11.2019
4. Wenn es nur das wäre...
Steven Hawking prognostizierte als mögliche Endtemperaur ca 250 Grad Celsius. Das wars dann. Das geht schneller als gedacht... Jetzt ist Geoenigineering gefragt
Haarfoen 28.11.2019
5. Sterbende Pflanzen?
Diese Meldung wird die Fossil- Fraktion in der Leserschaft wenig beeindrucken. Die in hiesigen Gefilden sterbenden Wälder und der damit verbundene immense Verlust an "CO2- Biokatalysatoren" werden doch auch nur achselzuckend hingenommen. Pflanzen haben keine Lobby, so wie der zerstörerische Kapitalismus.
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