Neue Bilanz Das Eis in Grönland schmilzt sechsmal schneller als 1980

Der Masseverlust der Gletscher in Grönland ist mittlerweile größer als in der Antarktis. In fast 50 Jahren ist der Meeresspiegel dadurch um 1,4 Zentimeter gestiegen.
Schwimmender Eisberg im Fjord vor der grönländischen Hauptstadt Nuuk (im August 2017)

Schwimmender Eisberg im Fjord vor der grönländischen Hauptstadt Nuuk (im August 2017)

Foto: David Goldman/ AP

Der grönländische Eisschild bildet nach der Antarktis die zweitgrößte Eismasse der Erde - und die wird rapide kleiner. Der Verlust in Grönland habe sich seit den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts etwa versechsfacht, warnt nun ein internationales Forscherteam, das Daten der Jahre von 1972 bis 2018 ausgewertet hat.

Demnach legte die Eismasse auf der Insel noch in den Siebzigerjahren zu. Doch seit 2010 verlor der Eisschild im Mittel rund 290 Gigatonnen - also Milliarden Tonnen - an Masse pro Jahr, wie die Forscher um Eric Rignot und Jérémie Mouginot von der University of California in Irvine im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences"  berichtet.

Das Team hat für 260 Gletscherregionen in Grönland unter anderem Messungen zu Eisdicke, Masse und Fließgeschwindigkeit kombiniert. Durch die neue Studie liege nun eine Bilanz der Eisschildentwicklung für die vergangenen 46 Jahre vor, so die Autoren. Die bisher zur Verfügung stehenden Datenreihen waren je nach verwendeter Technik um 20 bis 30 Jahre kürzer.

Die neuen Daten zeigen, dass die Eismasse auf der Insel im ersten untersuchten Jahrzehnt von 1972 bis 1980 um 47 Gigatonnen pro Jahr stieg. Zum Vergleich: Der Bodensee enthält knapp 50 Gigatonnen Wasser.

In der Zeit zwischen 1980 bis 1990 lag der jährliche Eisverlust in Grönland bei 51 Gigatonnen. Im Folgejahrzehnt, 1990 bis 2000, fiel der Jahresverlust mit 41 Gigatonnen etwas geringer aus, bevor er rapide zulegte: auf 187 Gigatonnen pro Jahr zwischen 2000 und 2010 und dann, von 2010 bis 2018, auf 286 Gigatonnen pro Jahr. Der jährliche Eisverlust ist damit aktuell größer als in der Antarktis.

Ein Team um Eric Rignot hatte erst im Januar den Eisverlust dort berechnet. Demnach verlor die Antarktis in den Jahren von 2009 bis 2017 etwa 252 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr. Betroffen ist den Forschern zufolge dabei nicht nur die Westantarktis, sondern überraschenderweise auch der bislang als vergleichsweise stabil geltende Osten des Kontinents.

Starker Meeresspiegelanstieg in den vergangenen acht Jahren

Während das Abschmelzen der Schollen des arktischen Meereises keine Folgen für den Meeresspiegel hat, trägt das Tauen in Grönland und der Antarktis zu einen Anstieg der Pegelstände bei. Allein der Masseverlust der Gletscher in Grönland seit 1972 entspreche einem Anstieg des Meeresspiegels um 13,7 Millimeter, schreiben Rignot und Kollegen. Etwa die Hälfte davon entfalle auf die vergangenen acht Jahre.

Allerdings ist die Entwicklung bei einzelnen Gletscherregionen sehr unterschiedlich: So verloren etwa die Gebiete Jakobshavn-Isbrae, Steenstrup-Dietrichson und Humboldt besonders viel Eis, während andere an Masse zulegten oder ähnlich blieben. "Dieses Resultat veranschaulicht, wie riskant es ist, den Eisverlust anhand des Trends von wenigen Gletschern hochzurechnen", mahnen die Forscher.

Letztlich hängt die Entwicklung der Gletscher von verschiedenen Faktoren ab: Dazu zählen neben dem Abschmelzen des Eises insbesondere auch die sich immer wieder verändernde Fließgeschwindigkeit der Eisströme, die vom Inneren der Insel ins Meer führen. So hatten Forscher kürzlich berichtet, dass der Jakobshavn-Isbrae zuletzt sogar wieder gewachsen ist. Das hat mit einer veränderten Meeresströmung im Atlantik zu tun. Gerettet ist der Gletscher damit jedoch nicht, langfristig dürfte er wieder schrumpfen.

Walter Willems, dpa/chs