Klimawandel Ein Fünkchen Hoffnung für die Eisbären

Den Eisbären der Arktis schmilzt der Lebensraum buchstäblich unter den Tatzen weg. Eine neue Studie zeigt nun, unter welchen Bedingungen die Tiere noch überleben könnten. Doch problematische Mischehen gefährden die Bären und andere Arten zusätzlich.

Steven C. Amstrup / Polar Bears International

Von Magdalena Hamm und


Der Klimawandel macht den Tieren in der Arktis dramatisch zu schaffen. Das Gebiet heizt sich schließlich zwei- bis dreimal stärker auf als den Rest der Welt. Die sich ändernden Umweltbedingungen führen dabei auch bisher isolierte Tiere unterschiedlicher Arten zueinander, wie Forscher nun berichten. Doch wenn sich nah verwandte Spezies paaren, dann besteht die Gefahr, dass sie unfruchtbaren Nachwuchs hervorbringen. Dieser beansprucht dann die Pflege der Eltern - ohne selbst zur Arterhaltung beizutragen. Bei gefährdeten Arten mit geringen Populationsstärken wäre das ein massives Problem.

Wissenschaftler vom National Marine Mammal Laboratory in Juneau (US-Bundesstaat Alaska) beschreiben im Fachmagazin "Nature" problematische Einzelbeobachtungen: So sei im vergangenen Jahr eine Kreuzung aus dem Grönlandwal und dem Pazifischen Nordkaper fotografiert worden. Die Pazifischen Nordkaper, von denen es nur noch wenige hundert Exemplare geben dürfte, könnten den Forschern zufolge durch Kreuzungen mit dem viel häufiger vorkommenden Grönlandwal gänzlich verdrängt werden. Auch bei Schweinswalen und Seehunden sei Nachwuchs mit veränderten Chromosomen entdeckt worden.

Auch beim Eisbär, sozusagen dem Symbol des Klimawandels, gibt es problematische Vermischungen. So erschossen Jäger im Jahr 2006 einen Hybriden aus Polar- und Grizzlybär. In diesem Jahr wurde ein weiterer sogenannter Pizzley gesichtet. Und während der Eisbär für das Jagen von Seehunden seine guten Fähigkeiten als Schwimmer nutzen kann, kann der Grizzly aufgrund seines Körperbaus nur schlecht schwimmen. Die Forscher sprachen sich dafür aus, solche Bären-Kreuzungen zu töten, so wie es bei Kreuzungen aus Wölfen und Kojoten in den USA getan wurde.

Für die Rettung der Eisbären ist es noch nicht zu spät

Der Eisbär wird um sein Überleben kämpfen müssen. Seit drei Jahren steht das Tier in den USA auf der Liste der bedrohten Arten. Damals warnten Forscher des Geologischen Dienstens des Landes (USGS), die Art drohe bis zum Ende des Jahrhunderts auszusterben - weil der Lebensraum auf dem arktischen Meereis immer mehr schrumpft.

In einem weiteren Artikel in der aktuellen Ausgabe von "Nature" zeigen sich USGS-Wissenschaftler nun etwas optimistischer.Ihre These: Würde der Ausstoß von Treibhausgasen weltweit verringert, gäbe es eine echte Chance, den Polarbärbestand zu sichern. Nur deutet freilich wenig darauf hin.

"In unserer Arbeit von 2007 haben wir ausschließlich das Klimaszenario berücksichtigt, in dem die Treibhausgasemission weiter läuft wie bis her", sagt USGS-Forscher Steven Amstrup. "Das war ein ziemlich düsterer Ausblick." Die neue Studie hingegen berechnet die Auswirkungen von fünf verschiedenen Klimaszenarien auf die Meereisbedeckung in der Arktis. In zwei der Modellrechnungen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Emissionen sinken.

Dabei zeigt sich: Auch in diesen Fällen würde es zunächst zum Abschmelzen großer Eisflächen kommen. Doch danach könnte sich die durchschnittliche Meereisbedeckung stabilisieren - zum Teil sagen die Computermodelle gegen Ende des Jahrhunderts sogar die Entstehung neuen Eises voraus.

"Diese Nachricht macht Hoffnung"

Eine weitere These von Amstrup und seinen Kollegen dürfte unter Polarforschern in den kommenden Monaten für Diskussionen sorgen. Die Wissenschaftler schreiben nämlich, dass sie in ihren Modellen keinen Hinweis auf einen sogenannten Tipping Point gefunden haben. Das würde bedeuten, dass es - anders als bisher vielfach prognostiziert - keine bestimmte Temperaturzunahme gibt, ab der die Eisschmelze unumkehrbar einsetzt und keine Schutzmaßnahmen mehr greifen würden. Vielmehr wollen sie einen linearen Zusammenhang zwischen dem Temperaturanstieg und dem Verlust von Meereises erkennen. Längst nicht alle Kollegen dürften das auch so sehen.

"Diese Nachricht macht Hoffnung. Sie enthält aber auch eine Aufforderung, nämlich die Treibhausgas Emissionen schnellstmöglich zu reduzieren", sagt Cecilia Bitz, Co-Autorin der Studie. Auch Amstrup hofft, mit den Ergebnissen Bewegung in die Klimadebatte zu bringen. "Solange die Menschen glauben, dass sie nichts mehr tun können, machen sie auch nichts", sagte er auf einer Pressekonferenz. "Wir konnten zeigen, dass es im Fall der Eisbären noch nicht zu spät ist, zu handeln." Ob der Appell die lahmende US-Klimaschutzpolitik auf Trab bringen kann, ist mehr als Zweifelhaft.

Denn die Emissionsreduktionen müssten drastisch ausfallen, um positive Wirkung zu zeigen: Bliebe der Anstieg der durchschnittlichen globalen Oberflächentemperatur unter 1,25 Grad Celsius, würde die Zahl der derzeit etwa 22.000 wildlebenden Eisbären zwar trotzdem sinken. Sie könnte sich aber auf ein nachhaltiges Niveau einpendeln, schreiben die Forscher.

Weil aber längst noch nicht alles bisher produzierte CO2 überhaupt beim Anstieg der Temperaturen wirksam geworden ist, würde dieses Ziel radikale Schritte der Staaten erfordern. Die aktuellen CO2-Reduktionszusagen nach dem Gipfel von Cancún würden die Temperatur nach Ansicht von Klimawissenschaftlern nämlich um mehr als drei Grad steigen lassen.

Das Meereis in der Arktis unterliegt im Laufe des Jahres einer natürlichen Schwankung. In den Sommermonaten schmilzt es immer mehr ab, bis es im September schließlich seine niedrigste Ausdehnung erreicht. Im Jahr 2007 registrierten Forscher ein Rekordminimum von knapp 4,3 Quadratkilometern Eisfläche, die durchschnittliche Ausdehnung im September lag zwischen 1979 und 2000 bei etwa 7 Millionen Quadratkilometern. Diese Werte dürften auch in den kommenden Jahren nicht wieder erreicht werden.

Die Sommermonate kommen für den Eisbären einer Fastenkur gleich, da er seiner bevorzugten Beute - Robben und junge Walrosse - im Wasser kaum nachstellen kann. Zwar kommen die weißen Räuber mehrere Monate ohne Nahrung aus, aber nur wenn sie sich zuvor genug Reserven anfressen haben. Sie sind also von den winterlichen Eisflächen abhängig, um ihr Futter zu jagen. "Wenn das Eis verschwindet - das zeigen alle bisherigen Forschungsarbeiten - können die Tiere nicht einfach auf landlebende Beutetiere umsteigen", sagt Amstrup. Das wichtigste sei es nun, den Temperaturanstieg so gering wie möglich zu halten.

Mit Material von AFP



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