Klimawandel "Eis der Arktis schmilzt in dramatischem Tempo"

Nirgendwo zeitigt die globale Erwärmung so dramatische Folgen wie in der Arktis. Der deutsche Abenteurer Arved Fuchs hat zahlreiche Expeditionen in den eisigen Norden geleitet. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Fuchs über seinen Versuch, die Klima-Gefahr für die Öffentlichkeit anschaulich zu machen.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Fuchs, seit 1979 haben sie zahlreiche Expeditionen in die Arktis geleitet. In Ihren Vorträgen betonen Sie, wie sehr sich die Arktis in den letzten Jahren verändert hat und führen das auf den Klimawandel zurück. Viele Wissenschaftler nennen das unseriös - nicht zu Recht?

Fuchs: Nein. Wir dokumentieren das, was alle Klimamodelle und Satellitendaten übereinstimmend zeigen. Die Arktis erwärmt sich rapide, das Eis schmilzt in dramatischem Tempo. Wir sind auf unseren Expeditionen drei Mal in Folge an der Nordost-Passage gescheitert, weil sie zugefroren war. 2002 aber konnten wir problemlos vom Nordkap an der sibirischen Küste entlang bis nach Alaska segeln.

SPIEGEL ONLINE: Und das halten Sie für eine zweifelsfreie Folge der globalen Erwärmung?

Fuchs: Im Jahr 2002 sprachen Experten angesichts der eisfreien Nordost-Passage von einem natürlichen Wetterextrem. Heute wissen wir, dass das kein Ausreißer war. Wir haben auf unseren Reisen überall auftauenden Permafrostboden gesehen. Es ist ein erschreckendes Gefühl zu sehen, wie schnell sich die Arktis verändert.

SPIEGEL ONLINE: Manche Wissenschaftler zögern nach wie vor, einzelne Beobachtungen über klimatische Veränderungen mit der globalen Erwärmung in Verbindung zu bringen. Arbeiten Sie mit Wissenschaftlern zusammen?

Fuchs: Wir wurden etwa schon von einem Ozeanografen begleitet, um Tiefseetemperatur-Profilmessungen für das Bundesamt für Seeschifffahrt durchzuführen. In anderen Fällen geht es einfach nur darum, Daten zu erfassen und zu speichern. Ich biete das immer an, denn es ist interessant und sinnvoll, die Möglichkeiten unserer Projekte auf diese Art zu nutzen. Allerdings haben manche Wissenschaftler gewisse Berührungsängste.

SPIEGEL ONLINE:
Wie äußern sich die?

Fuchs: Ich werde oft als Abenteurer bezeichnet und gelte deshalb bei einigen Wissenschaftlern als nicht kompetent genug. Aber das ist nicht überall so, gerade junge Wissenschaftler sind meist frei von Dünkel.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie tun, was Hightech-Forschungsschiffe nicht ohnehin leisten?

Fuchs: Forschungsschiffe wie etwa die "Polarstern" kosten viel Geld und müssen auf ihren Fahrten ein straffes Programm in möglichst kurzer Zeit absolvieren. Bei uns spielt das kaum eine Rolle. Wir sind in der Arktis zu Hause und können die Dinge dort anders und über längere Zeiträume beobachten. Deshalb glaube ich schon, dass wir einen sinnvollen Beitrag leisten können. Aber wissenschaftliche Forschung ist natürlich nicht das einzige Ziel unserer Expeditionen.

SPIEGEL ONLINE: Was treibt Sie immer wieder in das Eis?

Fuchs: Ich bin immer neugierig gewesen und hatte immer Spaß am Leben in der Natur. Darüber hinaus wollen wir dokumentieren. Die Dokumentation gibt den Veränderungen in der Arktis eine menschliche Dimension. Wir zeigen nicht nur Zahlenkolonnen, so wichtig sie auch sind. Menschen kann man nur erreichen, wenn man in ihnen eine Saite zum Klingen bringt. Auf diese Art kann man die Folgen des Klimawandels gut vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, dass Ihnen etwa Roland Emmerichs Hollywood-Film "The Day After Tomorrow" überhaupt nicht gefallen hat, auch weil er Ihnen zu reißerisch war. Tun Sie nicht etwas Ähnliches, wenn Sie das Thema Klimawandel emotionalisieren?

Fuchs: Das würde ich nicht sagen. Wir dokumentieren und machen keine Spielfilme. Wir kreieren keine Szenarien oder bauen etwas auf, was es in der Natur so nicht gibt. Wir versuchen, der Komplexität des Themas gerecht zu werden - natürlich auf allgemein verständliche Art, denn sonst könnte man gleich die wissenschaftlichen Daten zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Viele westliche Industrieländer, allen voran die USA, unternehmen nur wenig, um ihre Treibhausgas-Emissionen zu senken. Andere Staaten mit riesigen Einwohnerzahlen, etwa China, werden künftig erst richtig mit dem Kohlendioxid-Ausstoß beginnen. Glauben sie, dass der Klimawandel noch gestoppt werden kann, ehe es zur Katastrophe kommt?

Fuchs: Ich sehe das sehr pessimistisch. Viele Wissenschaftler haben ihre Prognosen zuletzt revidiert - in Richtung noch bedrohlicherer Szenarien. Wenn man sich dann vor Augen hält, dass die USA mit fünf Prozent der Weltbevölkerung für 25 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich sind, muss man sagen: Solche Relationen sind einfach krank. Und ich glaube nicht, dass in den USA so schnell ein Umdenken stattfinden wird - schon gar nicht unter der jetzigen Regierung.

SPIEGEL ONLINE: 1989 sind Sie als erster Deutscher zu Fuß über das Eis zum Nordpol gegangen. In einigen Jahren wird man dafür vielleicht eher ein Boot als gutes Schuhwerk brauchen. Sind Sie froh, nicht 30 Jahre später geboren zu sein?

Fuchs: Mir wird auch die umgekehrte Frage oft gestellt - ob ich nicht lieber zu Zeiten eines Amundsen gelebt hätte, als es noch wirkliches Neuland zu entdecken gab. Ich finde, dass wir in einer ungeheuer spannenden Zeit leben. Allerdings haben Sie Recht: Die Nordpol-Touren, so wie ich sie bisher gemacht habe, werden wahrscheinlich in einigen Jahren nicht mehr möglich sein.

Das Interview führte Markus Becker



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