Klimawandel Forscher finden natürlichen Einfluss auf Arktis-Tauwetter

Die dramatische Erwärmung der Arktis basiert offenbar zum Teil auf einem bisher unterschätzten Faktor: der Natur selbst. Forscher sprechen von einer zyklischen Veränderung des Wärmetransports in der Atmosphäre - betonen aber zugleich die Bedeutung des menschlichen Einflusses.

Seit Jahrzehnten geht das Eis in der Arktis immer weiter zurück, und im Sommer 2007 erreichte die Schmelze ihren vorläufigen Höhepunkt: Im September wurden im arktischen Meer 23 Prozent weniger Treibeis registriert als beim letzten Rekordtief. Grönland hat im vergangenen Jahr doppelt so viel Eis verloren, wie es in den gesamten Alpen gibt. Sollte die weiße Pracht in diesem Tempo weiter schwinden, könnte die Arktis einer Schätzung zufolge schon im Sommer 2012 komplett eisfrei sein - und nicht erst, wie andere Prognosen ergaben, 2030 oder gar 2080.

Das Zusammenspiel der Faktoren, die bei der arktischen Erwärmung eine Rolle spielen, ist bisher noch kaum durchschaut. Über eines aber sind sich die Wissenschaftler weitgehend einig: Die Arktis taut schneller ab, als es die bisherigen Klimamodelle vorausgesagt haben.

Jetzt haben Forscher möglicherweise einen Grund für die Diskrepanz gefunden: Neben dem vom Menschen verursachten Klimawandel könnte ein natürlicher, periodischer Anstieg des atmosphärischen Wärmetransports in den hohen Norden verantwortlich sein, heißt es in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature". Die Autoren um Rune Graversen von der Universität Stockholm haben errechnet, dass sich die Luft in großen Höhen deutlich stärker erwärmt als in Computermodellen berechnet. Sie führen das auf Luftströmungen zurück, die ihrerseits von Ozeanströmungen beeinflusst werden.

Die gängigen Klimamodelle beschäftigen sich vor allem mit Temperaturänderungen in Bodennähe. Die Arktis ist in diesen Modellen und auch in der Realität der Hotspot des Klimawandels, weil hier ein Rückkopplungseffekt wirkt: Je wärmer es wird, desto weniger Eis ist vorhanden, weshalb weniger Sonnenenergie ins All zurückgeworfen wird. Das Ergebnis ist eine noch schnellere Erwärmung.

Doch die Rekordschmelze des vergangenen Jahres übertraf selbst die Prognosen auf dieser Basis. Graversen und seine Kollegen argumentieren nun, dass die von ihnen entdeckte verstärkte Erwärmung in großen Höhen helfen könnte, das unerwartet schnelle Abtauen der Arktis zu erklären - ohne der Annahme des vom Menschen verursachten Klimawandels zu widersprechen.

Denn der ist nach wie vor ein wichtiger Faktor, wie nicht nur Graversens Team betont. Der US-Ozeanograf James Overland, der die Studie rezensiert hat, erklärte, sie stehe im Einklang mit einem von ihm geplanten Fachartikel, wonach die Erwärmung der Arktis sowohl auf den anthropogenen Klimawandel als auch auf natürliche Ursachen zurückgehe. Ohne die globale Erwärmung aber wäre der Schwellenwert für die Veränderungen beim Treibeis nie überschritten worden, meint Overland.

Kritik an veralteten Daten

Die Daten in Graversens Studie sprechen eine deutliche Sprache: Von Juni bis August, der Jahreszeit mit kleiner Eisdecke, haben die Forscher nicht etwa am Boden, sondern in einigen Kilometern Höhe das stärkste Wärmesignal errechnet. Auch zwischen September und Februar ergaben die Berechnungen noch große Wärme in mehreren Kilometern Höhe.

Allerdings ist die Untersuchung von Graversen und seinen Kollegen nicht über jeden Zweifel erhaben. "Es handelt sich hier nicht um reine Messdaten", sagte Mojib Latif, Klimaforscher am Kieler Leibniz-Institut für Meeresforschung (IFM-Geomar). Graversens Team habe lediglich ein Computermodell benutzt, das Beobachtungsdaten zeitlich und räumlich interpoliert habe. "Das ist sicherlich ein Kritikpunkt", so Latif. Zudem reichen die Messdaten nur bis zum Jahr 2001; von den Jahren danach sind keine Messdaten in die Berechnungen eingeflossen. "Damit fehlt eine Reihe von wichtigen Jahren, in denen es eine drastische Erwärmung gegeben hat", so Latif.

Dennoch biete die Studie einen "interessanten Befund": Die Erwärmung hoher Luftschichten sei "ein Punkt, den man bisher so noch nicht berücksichtigt hat". Manfred Stock vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung findet die Ergebnisse der Studie weniger überraschend: "Die Transporteffekte der Energie in der Atmosphäre passen gut ins bisherige Bild."

Offen bleibt, wie stark der atmosphärische Energietransport im Vergleich zur globalen Erwärmung am arktischen Tauwetter beteiligt ist. Latif gibt zu bedenken, dass auch die Veränderung der Luft- und Ozeanströmungen letztlich auf den vom Menschen verursachten Klimawandel zurückgehen könnte. Auch Graversen und seine Kollegen wagen keine Festlegung.

Ihre Studie entwerte keinesfalls die bisherigen Modelle, die auf künftigen Kohlendioxid-Konzentrationen in der Luft und der Eisdecken-Rückkopplung basieren, schreiben die Forscher in "Nature": "Es ist wahrscheinlich, dass ein weiterer substantieller Rückgang der Sommereisdecke diese Rückkopplungen verstärkt und sie zum dominanten Mechanismus der künftigen Arktis-Erwärmung macht." Doch der derzeitige Temperaturanstieg im hohen Norden "scheint mit anderen Prozessen, wie etwa atmosphärischen Energietransporten, zusammenzuhängen".

Mit Material von AP

Mehr lesen über Verwandte Artikel