Umstrittene Studie Schwächelt der Golfstrom?

Droht Europa eine Abkühlung? Der Golfstrom hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich an Kraft verloren, behaupten Forscher. Die Ursache sei der Klimawandel. Andere Experten geben sich skeptisch.
Golfstrom: Die Strömung führt warmes Wasser aus den Tropen nach Europa

Golfstrom: Die Strömung führt warmes Wasser aus den Tropen nach Europa

Foto: NASA/ GSFC Scientific Visualization Studio

Der Golfstrom stand einst im Mittelpunkt der Klimadebatte. 2004 ließ Hollywood-Regisseur Roland Emmerich in "The Day After Tomorrow" die Meeresströmung abrupt zum Erliegen kommen - und die komplette Nordhalbkugel im Eiltempo vereisen. Doch seitdem haben Erkenntnisse der Klimaforschung dem Golfstrom seinen Schrecken genommen: Die Meeresströmung, die maßgeblich für die milden Temperaturen und West- und Mitteleuropa verantwortlich ist, stellte sich als weniger sensibel heraus als befürchtet.

Jetzt warnt eine Studie erneut vor einem Erlahmen des Golfstroms. Er habe sich im Laufe des 20. Jahrhunderts so stark verlangsamt wie anscheinend seit 1000 Jahren nicht, berichtet ein internationales Forscherteam um Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Besonders in den letzten Jahrzehnten habe sich die warme Meeresströmung deutlich abgeschwächt, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Nature Climate Change" . Mögliche Ursache sei der Klimawandel.

Die Wissenschaftler haben die Temperaturen an der Wasseroberfläche im Nordatlantik untersucht. Da diese entscheidend von Meeresströmungen abhängen, erlauben sie Rückschlüsse auf die Stärke solcher Ströme. Die Temperaturen vergangener Jahrhunderte ermittelten die Forscher indirekt, aus der Analyse etwa von Ablagerungen am Meeresboden, Korallen, Baumringen oder Eisbohrkernen.

"Starke Belege" für Verlangsamung des Förderbandes

"Verblüffenderweise hat sich trotz fortschreitender globaler Erwärmung ein Teil des nördlichen Atlantiks in den letzten hundert Jahren abgekühlt", wird Rahmstorf in einer PIK-Mitteilung zitiert. Diese Abkühlung sei stärker als von den meisten Computermodellen errechnet.

Der Grund sei, dass die große Umwälzströmung im Atlantik - die sogenannte Atlantic Meridional Overturning Circulation (Amoc), zu der auch der Golfstrom gehört - im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts deutlich schwächer geworden sei. Man habe "starke Belege dafür gefunden, dass dieses atlantische Förderband sich in den vergangenen hundert Jahren tatsächlich verlangsamt hat, besonders seit 1970", sagt Rahmstorf.

Als Ursache haben die Forscher den Klimawandel im Verdacht. Der Golfstrom etwa führt warmes Wasser aus den Tropen nach Norden bis nach Europa und wärmt dadurch den Kontinent. Im Nordmeer sinkt das inzwischen abgekühlte Wasser dann in die Tiefe und strömt zurück nach Süden.

Doch durch die Erwärmung schmelze immer mehr Eis auf Grönland, das als Süßwasser ins Meer fließe. Das verändere die Dichte des Meerwassers und dadurch auch das Strömungsverhalten, schreiben Rahmstorf und seine Kollegen. Der Golfstrom werde langsamer. "Dieser Effekt könnte noch zunehmen, wenn die weltweiten Temperaturen weiter ansteigen", sagt Mitautor Jason Box von der Geologischen Forschungsanstalt für Dänemark und Grönland.

Widerspruch von Kollegen

Allerdings zeigen die Daten aus der Studie von Rahmstorf und seinen Kollegen auch, dass es offenbar keinen einfachen Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und schwächer werdender Amoc gibt. Denn seit 1990 hat die Zirkulation wieder einen Teil ihrer Kraft zurückerlangt - obwohl die Eisschmelze in der Arktis im gleichen Zeitraum ungebremst vorangeschritten ist.

Klimaforscher Martin Visbeck vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar) zieht gleich Rahmstorfs gesamte Deutung der Ergebnisse in Zweifel: "Die Konzentration der Studie auf den subpolaren Teil des Atlantiks und die spektrale Analyse sind interessant", sagt er. Die Arbeit aber biete keine starken Hinweise auf die Entwicklung der Amoc während der vergangenen 50 Jahre. Die meisten Studien gingen gar von einem Erstarken der Strömung aus.

Auch Michael Hofstätter von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien bewertet die Rahmstorf-Studie skeptisch. Die Temperaturschwankungen könnten auch eine "vorübergehende natürliche Variation" sein, sagte Hofstätter dem Onlinedienst des ORF. Die Messungen deckten einen zu kurzen Zeitraum ab, um konkrete Vorhersagen zu treffen.

Von Katastrophenszenarien wie aus "The Day after Tomorrow" distanzieren sich Rahmstorf und seine Kollegen übrigens ausdrücklich. Eine neue Eiszeit sei selbst bei einer Abschwächung der Amoc "wirklichkeitsfern". Die Landmassen der Kontinente würden sich trotzdem in kaum gebremstem Tempo weiter erwärmen.

mbe/dpa