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13. Oktober 2014, 14:56 Uhr

Klimawandel

Forscher warnen vor Hitzekatastrophen in China

China drohen massive Probleme durch den Klimawandel: Laut einer neuen Studie steigt die Gefahr von Hitzewellen in dem Land in den kommenden Jahren massiv. Der Rekordsommer von 2013 wäre demnach nur ein Vorgeschmack.

Der Sommer 2013 war der heißeste, der jemals in Ostchina gemessen wurde: Der bevölkerungsreichste und wirtschaftlich wichtigste Landesteil wurde von mehreren Hitzewellen heimgesucht, die 35-Grad-Marke wurde an 31 Tagen überschritten - mehr als doppelt so oft wie im langjährigen Durschnitt. Neun Provinzen mit rund einer halben Milliarde Bewohnern waren betroffen. Allein die wirtschaftlichen Verluste in Folge der Dürren hätten fast zehn Milliarden Dollar betragen, wie es in einer Studie im Fachblatt "Nature Geoscience" heißt.

Doch was das Team um Xuebin Zhang von Environment Canada in Toronto in dem Beitrag schreibt, verheißt China noch weit größeres Ungemach. Der menschliche Einfluss auf das Klima habe die Wahrscheinlichkeit für Extremsommer wie den von 2013 seit den frühen Fünfzigerjahren um das 60-Fache gesteigert, so die Forscher. Schon ab dem Jahr 2024 sei damit zu rechnen, dass jeder zweite Sommer in Ostchina so heiß werde wie der von 2013.

Besonders besorgniserregend ist, dass die Wissenschaftler aus Kanada, den USA und China dafür nicht einmal extreme Szenarien bemühen mussten: Ihr Ergebnis kam bereits unter der Annahme zustande, dass die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre nur moderat steigt.

Das Resultat bezieht sich auf das sogenannte RCP4.5-Szenario. Es nimmt an, dass die internationale Politik wirksame Klimaschutzmaßnahmen ergreift, die Emissionen schon im kommenden Jahrzehnt gebremst werden und dann ab 2040 immer schneller sinken. Die Realität deutet derzeit aber eher darauf hin, dass das pessimistischste Szenario namens RCP8.5 wahr wird: In der internationalen Klimapolitik geschieht rein gar nichts, der CO2-Ausstoß steigt weiterhin ungebremst.

Für die Hitze in Ostchina würde das überraschenderweise kaum einen Unterschied machen, sollten die Autoren der "Nature"-Studie recht behalten: Die Wahrscheinlichkeiten für extrem heiße Sommer unterscheiden sich unter den beiden Szenarien kaum voneinander. Für die kommenden 30 Jahren steigen die Kurven nahezu parallel zueinander rapide an.

Langer Bremsweg bei Klimaschutzmaßnahmen

Ein Grund ist, dass Klimaschutzmaßnahmen derartig kurzfristig ohnehin kaum eine Effekt hätten. Erst Ende August besagte eine Studie, dass allein die neu gebauten Kohlemeiler in den kommenden 40 Jahren mindestens 300 Milliarden Tonnen Kohlendioxid ausstoßen werden. Angesichts dieser bereits eingeplanten Emissionen würden Hitzewellen wie die in China von 2013 laut den Berechnungen "in naher Zukunft wesentlich häufiger vorkommen, ganz egal, welche Emissionsszenarien man für die Zukunft annimmt", betonen Zhang und seine Kollegen.

Ein weiterer Grund ist, dass zur Situation in China nicht nur der globale Klimawandel beiträgt, sondern auch lokale Faktoren hinzukommen - insbesondere das rasante Wachstum der ostchinesischen Metropolen. Diese sogenannten urbanen Hitzeinseln mit ihren Betonbauten, dunklen Dächern und schwarz geteerten Straßen treiben die Temperaturen zusätzlich in die Höhe - ein Effekt, der sich überall in der Welt beobachten lässt.

Und auch an dieser Stelle haben die Wissenschaftler konservativ gerechnet: Sie sind bei ihren Projektionen davon ausgegangen, dass die weitere Urbanisierung keinen weiteren Beitrag mehr zu den Temperaturveränderungen leisten wird.

Risiken für Gesundheit, Energieproduktion und Landwirtschaft

Dennoch ist die Entwicklung bemerkenswert: Extreme Hitzesommer seien zwischen 1955 und 2013 statistisch einmal alle 29 Jahre vorgekommen, schreiben die Forscher, mit einem starken Anstieg zum Ende dieser Periode. 2013 habe die Wahrscheinlichkeit bereits eins zu 4,3 betragen, 2024 werde sie eins zu eins erreichen. Zum Vergleich: Vor der Industrialisierung sei ein Sommer wie 2013 im Durchschnitt alle 270 Jahre in Ostchina vorgekommen.

Laut den Projektionen werde es "unausweichlich zu großflächigeren, lang anhaltenden und heftigen Hitzewellen in der Region kommen", heißt es in der Studie. Gemeinsam mit dem absehbaren Wachstum von Bevölkerung und Wohlstand sei von "höheren Risiken für die Gesundheit, die Landwirtschaft und die Energieproduktion auszugehen", falls keine schnellen Anpassungsmaßnahmen ergriffen würden.

In dieser Hinsicht zumindest ging es in China, das seit Jahren mit den Umweltfolgen seines rasanten wirtschaftlichen Aufstiegs kämpft, ein wenig voran: Radikale Maßnahmen sollen der massiven Luftverschmutzung in den Metropolen entgegenwirken, und im Juni erklärte Peking erstmals, den Treibhausgasausstoß begrenzen zu wollen.

mbe

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