Klimawandel Forscher warnen vor Horrorszenarien beim Meeresspiegelanstieg

Drei Millimeter pro Jahr - so stark steigt derzeit im Schnitt der Meeresspiegel. Doch wie wird die Entwicklung weitergehen? Forscher haben nun ein neues Modell vorgestellt. Ihr Fazit: Der Anstieg des Wassers könnte etwas weniger dramatisch verlaufen als von einigen Kollegen vorhergesagt.


Die Frage nach den Auswirkungen des Klimawandels beschäftigt den Wissenschaftler genauso wie den Durchschnittsbürger. Auf regionaler Ebene ist interessant, wie sich Durchschnittstemperaturen und Niederschlagsmengen in einzelnen Regionen verändern könnten, auf globaler Ebene geht es unter anderem um die Frage, wie sich die Wassermenge in den Weltmeeren verändert.

Klar ist: Die Pegel steigen, momentan im Schnitt um etwa drei Millimeter pro Jahr. Steigende Meeresspiegel könnten weltweit Millionen von Menschen in Küstengebieten gefährden. Doch um die Prognosen für die Zukunft gibt es Streit; immer wieder veröffentlichen Forscher neue Arbeiten zum Thema. Eine aktuelle Studie im Fachmagazin "Science" tritt bei der Dramatik etwas auf die Bremse. US-Forscher um Tad Pfeffer von der University of Colorado in Boulder schreiben darin, dass sie nicht an einen Meeresspiegelanstieg von zwei Metern bis zum Ende des Jahrhunderts glauben, wie ihn manche Modelle vorhersehen.

Die Forscher hatten folgendes Gedankenexperiment durchgeführt: Wie viel Eis aus Grönland und der Antarktis müsste in die Weltmeere abgegeben werden und dort schmelzen, um für einen bestimmten Meeresspiegel zu sorgen? Auf diese Weise rechneten sie mehrere Varianten durch. Anschließend beurteilten sie, für wie wahrscheinlich sie eine Eisabgabe in der jeweiligen Größenordnung halten.

Entscheidend ist dabei die Fließgeschwindigkeit der Gletscher. Die Forscher um Pfeffer erklären, dass bisher auf längere Sicht beobachtet wurde, dass die Gletscher maximal um 10 Kilometer im Jahr zum Meer hin fließen. Für einen Meeresspiegelanstieg um zwei Meter bis zum Ende des Jahrhunderts müsse aber jeder Gletscher auf Grönland mit bisher nie beobachteten 27 Kilometern pro Jahr fließen - bis zum Ende des Jahrhunderts.

Das halten die Forscher für höchst unplausibel - und gehen deswegen von einem deutlich niedrigeren Meeresspiegelanstieg aus. Etwa 0,8 Meter bis zum Ende des Jahrhunderts halten sie für realistisch, auch mehr sei durchaus möglich. Doch eines wollen die Wissenschaftler trotzdem nicht: Dass ihre Arbeit in irgendeiner Weise als skeptisch gegenüber dem Klimawandel angesehen wird. "Selbst ein Meeresspiegelanstieg von 20 Zentimetern innerhalb eines Jahrhunderts wird dramatische Folgen haben", warnte Shad O'Neel vom Geologischen Dienst der USA (USGS).

Der Weltklimarat (IPCC) schätzt, dass der Anstieg zwischen 28 und 43 Zentimeter betragen dürfte (siehe Fotostrecke). Auch bis zu 59 Zentimeter, so die Uno-Experten, seien möglich. Noch weit höher würden die Werte liegen, wenn sich das Abschmelzen der Gletscher in Grönland und der Antarktis beschleunigen würde.

Immer wieder werden diese Werte aber als zu niedrig kritisiert. Erst vor wenigen Tagen hatten Wissenschaftler um Anders Carlson von der University of Wisconsin-Madison in "Nature Geoscience" eine Studie veröffentlicht, nach dem auch bis zu 1,3 Meter pro Jahrhundert möglich sein könnte. Die Forscher hatten die Auflösung des Laurentidischen Eisschilds genauer unter die Lupe genommen, das große Teile Nordamerikas vor 95.000 bis 7000 Jahren bedeckt hatte.

Aus der Menge von Berylliumisotopen in Felsproben hatten die Forscher geschlussfolgert, dass der Eisschild in zwei Phasen, insgesamt aber sehr schnell abgeschmolzen sein muss. Daraus hatten sie den Meeresspiegelanstieg errechnet, der sich damals durch das Schmelzwasser ergeben haben muss. Die Wissenschaftler kamen dabei auf die bereits erwähnten Werte bis zu 1,3 Meter pro Jahrhundert.

Die Temperaturen zur Hochzeit der Auflösung des Nordamerikanischen Eisschildes, so schreiben die Forscher, seien mit denen vergleichbar gewesen, die zum Ende dieses Jahrhunderts in Grönland herrschen sollen.

chs

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