Folgen des Klimawandels Gletscherschmelze trägt wohl weniger zum Meeresspiegelanstieg bei

Global enthalten Gletscher wohl weniger Eis als bisher angenommen, zeigt eine neue Studie. Deshalb könnte ihr Abschmelzen weniger zum Meeresspiegelanstieg beitragen. Doch unabhängige Wissenschaftler sind skeptisch.
Helheim-Gletscher auf Grönland

Helheim-Gletscher auf Grönland

Foto: Felipe Dana / dpa

Gletscher sind komplexe Gebilde, deren Eismassen einen Großteil der Süßwasservorräte der Erde speichern. Gleichzeitig sind viele der rund 217.000 Gletscher weltweit bedroht. Der Klimawandel versetzt sie in Stress – das Eis schmilzt. Dadurch sind Menschen im Einzugsgebiet der mächtigen Eiszungen in ihrer Trinkwasserversorgung bedroht. Aber global gesehen sind die Folgen dieser Entwicklung noch dramatischer. Denn die Meeresspiegel steigen durch die Schmelze der gigantischen Eismassen und bedrohen die Lebensräume von Menschen in flachen Küstenregionen.

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Rund 25 bis 30 Prozent tragen schmelzende Gletscher zum derzeitigen Anstieg des Meeresspiegels bei. Aber weil Daten zur Gletschergröße und der Verteilung der Eisdicke rar und mit Unsicherheiten behaftet sind, war bisher unklar, wie viel Wasser in den Eisriesen eigentlich insgesamt gespeichert ist. Eine neue Analyse zeigt nun: Es könnte weniger sein als bisher gedacht.

Für ihre Studie haben Romain Millan von der Universität Grenoble Alpes und seine Kollegen Tausende von hochauflösenden Satellitenbildern ausgewertet, berichten sie im Fachjournal »Nature Geoscience« . So entstand einer Karte von fast der gesamten globalen Gletscherfläche – 98 Prozent wurden erfasst. Zudem wurden die Fließgeschwindigkeiten der Gletscher für die Jahren 2017 und 2018 ermittelt und daraus die Eisdicken berechnet sowie die Volumina geschätzt. Anschließend verglichen die Glaziologen ihre Daten mit den bisher vorliegenden. Dabei zeigte sich: Wenn alle Gletscher schmelzen würden, könnten sie rund 257 Millimeter zum globalen Meeresspiegelanstieg beitragen – das sind rund 20 Prozent weniger als bisher angenommen.

Allerdings erkannten die Forscher auch deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Gletscherregionen: Während es im Himalaja 37 Prozent mehr Eis in den Gletschern gibt als bisher angenommen, sind es in den Anden in Südamerika 27 Prozent weniger. In diesen Regionen könnte die Bevölkerung langfristig vor Problemen bei der Trinkwasserversorgung stehen, da die dortigen Gletscher weniger Wasser speichern als bislang prognostiziert.

Auch wenn die Studie ein besseres Verständnis für eine genauere Gletschergeometrie und -dynamik liefert und so in Zukunft genauere Gletschermodellierungen möglich machen könnte, seien zusätzlich auch Vor-Ort-Beobachtungen der Eisdicke notwendig, schreiben die Wissenschaftler. Außerdem sollen die Auswirkungen schmelzender Gletscher nicht mit den Prognosen für den allgemeinen Anstieg des Meeresspiegels verwechselt werden. Hierbei spielt das Phänomen der thermischen Expansion, also der Wärmeausdehnung des Wassers in den Meeren, die größte Rolle. Es macht rund 50 Prozent des Meeresspiegelanstiegs aus. Auch der Rückgang der Eisschilde an den Polen, also auf Grönland und in der Antarktis, spielt eine Rolle.

Satellitenbilddaten weniger zuverlässig

Unabhängige Experten schätzen die neue Studie als wichtigen Baustein zum Verständnis der Gletscher ein. Allerdings verwundert sie die Abweichungen zu den bisher bekannten Schätzungen nicht. »Es ist bekannt, dass es große Unsicherheiten bei der Menge des in Gletschern gespeicherten Eises gibt. Das liegt daran, dass Eisdickenmessungen nicht per Fernerkundung durchgeführt werden können, sondern nur lokal – man muss auf dem Eis stehen. Entsprechend aufwendig und selten sind solche Messungen gerade in den Regionen der Welt, die abgelegen sind und in denen es viel Eis gibt«, sagt der Klimaforscher Ben Marzeion von der Universität Bremen dem Science Media Center.

Der um 20 Prozent verringerte Beitrag zum Meeresspiegel der Gletscher stamme daher, dass die aktuelle Studie größere Teile des Eises in der Antarktis dem Eisschild zuschlägt – statt den vom Eisschild unabhängigen Gletschern. »Ich halte daher die Angabe eines um 20 Prozent verringerten Potentials des Meeresspiegelanstiegs für grob irreführend«, sagt er.

Die Umbuchung des Eises von der einen Kategorie in die andere habe keinerlei Auswirkungen auf den tatsächlich zu erwartenden Anstieg des Meeresspiegels, heißt es. Tatsächlich sei die Abweichung der Gletscher-Eismengen nicht so hoch.

Regine Hock von der University of Oslo in Norwegen sieht es ähnlich. »Leider lassen sich mit Satelliten sehr schlecht die Eisdicken der Gletscher ermitteln.« Im Gegensatz zu den Eischilden sind die Gletscher wesentlich kleiner und liegen oft in tiefen Tälern. Präzise Messungen basieren auf direkten Beobachtungen, und werden mit Radargeräten oder Tiefbohrungen durchgeführt. Sie seien sehr zeitaufwendig und kostspielig, sodass direkte Eisdickeninformationen nur von einem Bruchteil der Gletscher vorhanden sind.

Wichtig seien aber die Daten zu den Wasserreserven einzelner Regionen. »Wenn die Eisvolumen wesentlich geringer sind als bisher angenommen, kann das erhebliche Auswirkungen auf die Frischwasserressourcen haben. Diese Studie verbessert signifikant die bisherigen Ergebnisse«, sagt sie.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Meeresspiegel um etwa 20 Zentimeter gestiegen. Zuletzt lag der Anstieg bei einem Wert von rund 3,7 Millimeter pro Jahr. In einem Bericht des Weltklimarats IPCC wurde prognostiziert, dass die Gletscher bis zum Ende des Jahrhunderts weitere 18 bis 36 Prozent ihrer aktuellen Eismasse verlieren werden.

joe

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