Alpen Forscher fürchten Halbierung des Pflanzen-Lebensraums

Die Erderwärmung bedroht die Artenvielfalt in den Alpen - und das auf besonders tückische Art. Modellrechnungen zeigen, dass die Lebensräume vieler Pflanzen anfangs nur langsam schrumpfen werden, um dann mit rasantem Tempo zu verschwinden.
Wanderer bei Stötten im Allgäu: Veränderungen erst nach Jahrzehnten erkennbar

Wanderer bei Stötten im Allgäu: Veränderungen erst nach Jahrzehnten erkennbar

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ picture-alliance / dpa/dpaweb

London - Der Klimawandel könnte den aktuellen Lebensraum von Alpenpflanzen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts in etwa halbieren - zu diesem Ergebnis kommen Forscher in einer neuen Klimasimulation. "Alarmierend" sei, dass besonders die Lebensräume jener Pflanzen bedroht seien, die ausschließlich in den Alpen vorkommen.

Der Analyse des Teams um Stefan Dullinger vom Vienna Institute for Nature Conservation and Analyses liegt eines der Zukunftsszenarien des Weltklimarates IPCC zugrunde. Es trägt den Namen A1B und geht davon aus, dass sich der Mensch wie bisher auf die wirtschaftliche Entwicklung konzentriert. Damit verbunden ist Wirtschaftswachstum - und ein Anstieg der Treibhausgas-Freisetzung. Die Gruppe der A1-Szenarien sagt, je nach Stärke des Wachstums, einen Anstieg der Temperaturen von 2,4 bis 6,4 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 vorher. Szenario A1B geht von einem ausgewogenen Mix aus fossilen und regenerativen Energien aus.

Dullingers Team unterteilte die europäischen Alpen in einem Computermodell in 20 Millionen kleine Teilstücke auf und berücksichtigte darin für 150 Arten deren Zusammensetzung, die Höhe ihres Vorkommens und viele Informationen mehr. Der Rechner simulierte dann, wie sich die Lebensbedingungen für die Arten mit der steigenden Temperatur ändern. Die durchschnittliche Verkleinerung des Lebensraumes liegt zwischen 44 und 50 Prozent, schreiben Dullinger und seine Kollegen im Fachblatt "Nature Climate Change" .

Zumeist werden die Pflanzen in größere Höhen und damit kühlere Standorte ausweichen, erklären die Forscher. Dies habe sich in der Vergangenheit bereits mehrfach gezeigt. Die nach oben kegelförmig zulaufenden Gipfel bieten aber naturgemäß weniger Lebensraum.

Aussterbe-Prozess verzögert

Das Team unterschied unter anderem zwischen solchen Arten, die nur in den Alpen vorkommen und anderen, die ein größeres Verbreitungsgebiet haben. In der ersten Gruppe verlieren zwischen 72 und 76 Prozent der Pflanzen bis 2100 mehr als 80 Prozent des Lebensraums. In der zweiten Gruppe ist dieser Anteil zwischen 39 und 48 Prozent.

Der neue Modellierungsansatz belegt nach Meinung der Wissenschaftler zugleich die Hypothese, dass Alpenpflanzen nicht unmittelbar auf klimatische Veränderungen reagieren. In der näheren Zukunft werde ein wesentlicher Teil der Bestände noch in ihren aktuellen Gebieten durchhalten, doch dauerhaft könnten sie dort nicht mehr überleben. Nur ihre lange Lebenszeit und ihre Fähigkeit, sich über Wurzelausläufer zu vermehren, ermögliche es den Arten, den Prozess des Aussterbens zu verzögern.

In den kommenden Jahrzehnten rechnen die Wissenschaftler daher zunächst nur mit moderaten Verluste an Pflanzenarten in den Alpen. "Unsere Ergebnisse zeigen jedoch klar, dass das gesamte Ausmaß der aktuellen Klimaerwärmung erst mit jahrzehnte-, wenn nicht jahrhundertelanger Verzögerung erkennbar sein wird", sagt Dullinger.

hda/dpa
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