Klimakrise Höhere Temperaturen und weniger Eis führen zu Teufelskreis in der Arktis

Hitze und Brände in Sibirien und ein extremes Meereis-Minimum im Sommer – das Klima in der Arktis war im Jahr 2020 extrem. Forscher warnen vor sich zunehmend verstärkenden Effekten.
Eisberg vor Grönland: Höhere Temperaturen führen zu weniger Eis – und umgekehrt

Eisberg vor Grönland: Höhere Temperaturen führen zu weniger Eis – und umgekehrt

Foto: Ulrik Pedersen / NurPhoto / Getty Images

Von Oktober 2019 bis September 2020 waren die zwölf Monate die zweitwärmsten, die die Arktis seit Beginn der Messungen 1990 je erlebt hat. Brände, hohe Temperaturen und Eisverlust wirkten sich deutlich auf das Klima im hohen Norden aus, schreibt die amerikanische Wetter- und Ozeanografie­behörde Noaa.

In ihrem jährlichen Bericht über die Arktisregion  hat die Behörde untersucht, wie sich die einst über viele Monate eisige Welt verändert. »Insgesamt gesehen ist die Sache eindeutig. Die Umwandlung der Arktis in eine wärmere, weniger gefrorene und biologisch veränderte Region ist in vollem Gange«, sagte der in Alaska ansässige Klimaforscher Rick Thoman, einer der Herausgeber des Berichts.

Extrem wenig Sommer-Meereis

Zu den problematischen Beobachtungen gehört etwa, dass die Lufttemperaturen in neun der vergangenen zehn Jahre mindestens 1 Grad Celsius über dem Mittelwert von 1981-2010 lagen. In den vergangenen sechs Jahren hätten die arktischen Temperaturen alle vorangegangenen Rekorde übertroffen, so die Noaa. Das habe zu einer Kaskade an Veränderungen des Ökosystems und seines Klimas geführt.

Foto: NOAA

Unter anderem hat sich das Meereis in der Arktis über den Sommer 2020 extrem zurückgezogen. Im September erreichte das jährliche Minimum den zweitniedrigsten Wert seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen. Nur 2012 zog sich das Meereis noch weiter zurück, nachdem ein Zyklon die Meereisdecke beschädigt hatte.

Die durchschnittliche Ausdehnung des arktischen Meereises betrug über den gesamten September 2020 3,9 Millionen Quadratkilometer. Im Jahr 2005 waren es noch 5,6 Millionen Quadratkilometer. Laut der aktuellen Auswertung verringerte sich das jährliche Eisminimum im September in den vergangenen zehn Jahren um rund 13 Prozent gegenüber dem Mittel der Jahre 1981 bis 2010.

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»Als wir vor 15 Jahren den ersten Bericht veröffentlichten, schrieb ich darüber, wie niedrig die Meereisausdehnung damals war. Aber ich würde die Werte von damals jederzeit gegen das eintauschen, was wir heute sehen«, sagte Donald Perovich, Geophysiker an der Dartmouth University, der Nachrichtenagentur Reuters.

Gefährlicher Teufelskreis

Auch die Qualität der Eisdecke nimmt ab. In den vergangenen zehn Jahren habe sie sich von einer älteren, dickeren und insgesamt stärkeren in eine dünnere, jüngere und instabilere Eismasse verwandelt. Das führe auch dazu, dass sich die arktischen Gewässer aufwärmen, da Sonnenlicht nun vom Ozean aufgenommen wird, statt an der Eisoberfläche zu reflektieren.

In jeweils zehn Jahren erhöhten sich die Augusttemperaturen der arktischen Meere um etwa ein Grad, heißt es in dem Bericht. Besonders betroffen sei die Tschuktschensee im Nordwesten Alaskas. Die einzige Ausnahme bilde die nördliche Barentssee nördlich von Norwegen mit in der Tendenz sinkenden Meerwassertemperaturen.

Die Forscher warnen vor einem Teufelskreis: Höhere Temperaturen führten zu weniger Eis, was wiederum dazu führe, dass weniger Sonne reflektiert werde und die Meerestemperaturen stiegen, was sich wiederum auf das Klima der Luft auswirke und so weiter.

»Wir sehen allmählich mehr dieser Rückkopplungen«, sagte Perovich. Forschung über die Arktis sei inzwischen »mehr als eine intellektuelle Aufgabe zum Verständnis der Natur. Diese Veränderungen haben Konsequenzen für die Menschen, die heute leben.«

Hohe Temperaturen, Trockenheit, Feuer

Das wärmere Wasser und der Anstieg der Temperaturen in der Luft lassen auch Gletscher schrumpfen. Die Eisdecke Grönlands verlor von September 2019 bis Juni 2020 erneut mehr Eis als im Durchschnitt der Jahre 1981 bis 2010. »Gletscher und Eisschilde außerhalb Grönlands setzten ebenfalls den Trend eines signifikanten Eisverlusts fort«, so die Noaa. Das betreffe vor allem Alaska und das arktische Kanada.

Wasser, das von Gletschern, also von Landmassen ins Meer fließt, trägt zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Zur groben Einordnung: In der Schnee- und Eisdecke Grönlands lagert so viel Wasser, dass es den globalen Meeresspiegel um 7,4 Meter anwachsen lassen würde.

Auch in Eurasien führten die klimatischen Veränderungen im Juni zur niedrigsten Schneedecke seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1967. Insgesamt ist die jährliche Schneedecke an Land seit 1981 mit einer Rate von 3,7 Prozent pro Jahrzehnt zurückgegangen – mit einem noch stärkeren Rückgang von 15 Prozent pro Jahrzehnt für den Zeitraum von Mai bis Juni.

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Auffällig war in diesem Jahr auch die Rekordhitze und Trockenheit in Sibirien. Sie führte zu einer heftigen Brandsaison und verzögerte das Wiedergefrieren des Arktischen Ozeans.

jme