Umfrage unter Forschern Meeresspiegel könnte bis 2100 um mehr als einen Meter steigen

Der Meeresspiegel könnte in den kommenden Jahren deutlich stärker anwachsen als bislang vom Weltklimarat vorhergesagt. Das berichten Forscher in einer weltweiten Expertenumfrage.
Ein Mann auf einem Boot in Papua Neuguinea. An den Küsten des Inselstaats steigt der Meeresspiegel besonders stark

Ein Mann auf einem Boot in Papua Neuguinea. An den Küsten des Inselstaats steigt der Meeresspiegel besonders stark

Foto: Reinhard Dirscherl/ OceanPhoto/ imago images

Der Weltklimarat (IPCC) rechnet derzeit damit, dass der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 im schlimmsten Fall um bis zu einen Meter ansteigen könnte - nämlich dann, wenn es nicht gelingt, den globalen CO2-Ausstoß zu reduzieren. Doch nun zeigt eine Umfrage unter fast hundert Wissenschaftlern weltweit, dass die IPCC-Bewertung noch zu zurückhaltend sein könnte.

Demnach rechnen zahlreiche Forscher mittlerweile damit, dass der Meeresspiegel bei unvermindertem Treibhausgasausstoß die Ein-Meter-Marke bis zum Jahr 2100 überschreiten könnte. Bis 2300 sei sogar mit einem Anstieg von fünf Metern zu rechnen, wenn nicht gegengesteuert werde, teilte das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) am Freitag mit.

Durch die schiere Menge wissenschaftlicher Veröffentlichungen sei es für die Öffentlichkeit und Politiker mitunter schwierig, einen Überblick über den Forschungsstand zu gewinnen, sagte Studienleiter Benjamin Horton von der Nanyang Technological University in Singapur. Daher habe er führende Experten befragt, welchen Anstieg des Meeresspiegels sie erwarten. "Das bietet ein breiteres Bild der Zukunftsszenarien."

Anstieg zwischen 0,6 und 1,3 Metern

Bei unvermindertem Treibhausgasausstoß gehen Forscher davon aus, dass die weltweiten Temperaturen im Schnitt um viereinhalb Grad steigen werden. Der Anstieg des Meeresspiegels bis 2100 könnte dann zwischen 0,6 und 1,3 Meter erreichen, so die befragten Experten.

Bis zum Jahr 2300 liegen die Schätzungen zwischen 1,7 und 5,6 Metern. Je weiter die Prognosen in die Zukunft reichen, desto größer wird die Spanne zwischen den möglichen Werten, weil die Unsicherheiten in den Projektionen wachsen.

Für ein Szenario, in dem gemäß den Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommens die Erwärmung auf zwei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau begrenzt wird, sagen die Experten einen Anstieg der Ozeane von etwa einem halben Meter im globalen Mittel bis 2100 voraus.

Bis 2030 rechnen sie unter diesen Voraussetzungen mit einem halben bis zwei Metern. Erschienen ist die Umfrage im Fachmagazin "Journal Climate and Atmospheric Science" .

Auch der IPCC hob Projektionen an

Die Eisschilde in Grönland und der Antarktis verlieren derzeit immer schneller Masse, die dann ins Meer gelangt und dieses ansteigen lässt.

Dass sich die Szenarien zum Meeresspiegelanstieg mit der Zeit leicht verändern, liege daran, dass niemand genau wisse, wie sich das weitere Abschmelzen in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten im Detail abspielen wird, berichtet das PIK. Es werde aber zunehmend klarer, wie Meeresströmungen, Eismassen und Wasserkreisläufe auf den globalen Temperaturanstieg reagierten.

Auch der IPCC hatte seine Projektionen zum Meeresspiegel kürzlich auf Basis neuer Erkenntnisse um knapp zwei Drittel angehoben. Nun sehe es so aus, als seien die Herausforderungen noch größer als bislang befürchtet und Gegenmaßnahmen daher noch dringlicher, hieß es vom PIK.

Durch den Anstieg der globalen Meeresspiegel könnten Millionen Menschen ihre Heimat verlieren, wenn es nicht gelingt, die Küsten zu sichern. Das wird umso schwerer, je stärker die Meeresspiegel anwachsen. Forscher rechnen selbst bei einem Anstieg von maximal einem Meter mit großen Flüchtlingsbewegungen.

jme/AFP
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