Streit über Erderwärmung Angesehener Meteorologe wechselt zu den Klimaskeptikern

Eine heikle Personalie erschüttert die Umweltforschung: Einer der angesehensten Klimatologen, der emeritierte Max-Planck-Direktor Lennart Bengtsson, wechselt ins Lager der Skeptiker. Im Interview erläutert er seinen überraschenden Schritt.
Lennart Bengtsson: "Ich habe meine Auffassung nicht grundsätzlich geändert"

Lennart Bengtsson: "Ich habe meine Auffassung nicht grundsätzlich geändert"

Hamburg - Einer der renommiertesten Klimaforscher wechselt die Seiten. Lennart Bengtsson, ehemaliger Direktor am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, einem weltweit führenden Klimaforschungszentrum, tritt dem Akademischen Beirat der Global Warming Policy Foundation (GWPF) bei.

Die GWPF, also die "Klimawandel-Politik-Stiftung", ist eine gemeinnützige Organisation aus Großbritannien, die sich als "Denkfabrik" bezeichnet. Sie wurde 2009 von dem konservativen Politiker Nigel Lawson gegründet, um angebliche Überreaktionen gegen die globale Erwärmung zu verhindern. Ihr Ziel verfolgt sie mit kämpferischen Informationskampagnen. Der Tenor: Der Klimawandel werde als Problem überschätzt.

Die Lobbygruppe steht in krassem Gegensatz zu den Ergebnissen des Uno-Klimarats IPCC, für den Hunderte Wissenschaftler in jahrelanger Arbeit das Klimawissen bewerten und einordnen. Dem aktuellen Stand des IPCC zufolge droht aufgrund des menschengemachten Treibhausgas-Ausstoßes eine erhebliche weltweite Erwärmung mit schweren Umweltfolgen.

Bengtsson hingegen stand gerade in den heißen Klimadebatten der neunziger Jahre stets für gemäßigte Standpunkte. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erläutert er seinen Wechsel ins Lager der Skeptiker:

Zur Person

Der Meteorologe Lennart Bengtsson, Jahrgang 1935, war von 1981 bis 1990 Direktor des European Centre for Medium-Range Weather Forecasts in England, danach Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, einem der weltweit führenden Klimaforschungszentren. Seit seiner Emeritierung im Jahr 2000 arbeitet er als Professor an der Universität Reading in England. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler, unter anderem mit dem Deutschen Umweltpreis der Bundesstiftung Umwelt, hat sich vor allem mit der Modellierung von Klima und Wetter beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bengtsson, warum sind Sie der Klimaskeptiker-Vereinigung The Global Warming Policy Foundation beitreten?

Bengtsson: Ich glaube, es ist wichtig, eine breite Debatte über Energie und Klima zu ermöglichen. Wir müssen dringend realistische Möglichkeiten erkunden, um die wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Herausforderungen bei der Lösung der Energieprobleme der Welt und die damit verbundenen Umweltprobleme anzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum halten Sie ausgerechnet die Lobbygruppe GWPF für geeignet?

Bengtsson: Die meisten Mitglieder der GWPF sind Ökonomen, und dies ist eine Chance für mich, von einigen dieser hoch qualifizierten Mitglieder in Bereichen außerhalb meiner eigenen Expertise zu lernen. Ich möchte dort durch meine meteorologische Kenntnisse dazu beitragen, die Debatte zu öffnen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Leute bei GWPF stehen ja nicht gerade im Ruf, gerne ihre Meinung zu überdenken. Sind Sie auch zu einem sogenannten Klimaskeptiker geworden?

Bengtsson: Ich bin immer ein Skeptiker gewesen, und ich glaube, das ist es, was die meisten Wissenschaftler wirklich sind.

SPIEGEL ONLINE: Standen Sie vor 20 Jahren nicht auch eher auf Seiten der Warner? Halten Sie Ihre damalige Position für falsch?

Bengtsson: Ich habe meine Auffassung nicht grundsätzlich geändert. Und ich habe mich nie als Alarmist, sondern als Wissenschaftler mit einem kritischen Blick gesehen. In diesem Sinne war ich immer ein Skeptiker. Ich habe die meiste Zeit meiner Karriere darauf verwendet, Modelle für die Vorhersage des Wetters zu entwickeln. Und dabei habe ich die Bedeutung der Prognose-Validierung kennengelernt, also der Überprüfung von Vorhersagen gegenüber dem, was dann wirklich passiert ist. Ich bin also ein Freund von Klimaprognosen. Aber die Überprüfung der Modellergebnisse ist wichtig, um ihre Glaubwürdigkeit zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Und hier sehen Sie Nachholbedarf in der Klimaforschung?

Bengtsson: Es ist frustrierend, dass die Klimawissenschaft nicht in der Lage ist, ihre Simulationen richtig zu validieren. Die Erwärmung der Erde verlief seit dem Ende des 20. Jahrhunderts deutlich schwächer, als es Klimamodelle anzeigen.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Uno-Klimabericht diskutiert diese Probleme doch im Detail.

Bengtsson: Ja, aber er tut es nicht ausreichend kritisch. Ich habe großen Respekt für die wissenschaftliche Arbeit hinter den IPCC-Berichten. Aber ich sehe keine Notwendigkeit für das Bestreben des IPCC, einen Konsens herbeizuführen. Ich halte es für essentiell, dass es Gesellschaftsbereiche gibt, wo kein Konsens erzwungen wird. Gerade in einem Gebiet, das so unvollständig verstanden ist wie das Klimasystem, ist ein Konsens sinnlos.

SPIEGEL ONLINE: Sie beklagen die starken Tendenzen zur Politisierung in der Klimaforschung. Warum treten Sie denn nun ausgerechnet einer politischen Organisation bei?

Bengtsson: Ich war mein Leben lang fasziniert von Vorhersagen und frustriert von unserer Unfähigkeit, Prognosen zu treffen. Ich glaube nicht, dass es Sinn ergibt für unsere Generation zu glauben, dass wir die Probleme für die Zukunft lösen - aus dem Grund, dass wir die Probleme nicht kennen. Machen wir ein Gedankenexperiment und bewegen uns zurück in den Mai 1914: Versuchen wir aus der Sicht von früher einen Aktionsplan für die nächsten hundert Jahre - es wäre sinnlos!

SPIEGEL ONLINE: Rufen Sie etwa zum unreflektierten Weitermachen auf, nur weil Prognosen kompliziert sind?

Bengtsson: Nein, aber ich glaube, die beste und vielleicht einzige vernünftige Politik für die Zukunft ist, die Gesellschaft mit Anpassung auf einen Wandel vorzubereiten. In einer Welt von neun bis zehn Milliarden Menschen in den kommenden 25 Jahren, die doppelt so viel Primärenergie wie heute erfordern wird, müssen wir neue Wissenschaft und Technologie fördern. Wir brauchen gerade in Europa dafür einen offeneren Zugang, einschließlich der Themen Kernenergie und Gentechnologie, um die wachsende Weltbevölkerung mit Energie und Nahrung versorgen zu können.

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