Globale Erwärmung Weg mit dem Klimaziel!

Die globale Erwärmung muss auf zwei Grad begrenzt werden, sonst droht die Katastrophe - diesem Mantra folgen die internationalen Klimaverhandlungen seit Jahren. Politikexperte Oliver Geden fordert: Das Ziel muss aufgegeben werden, um die Klimaschutz-Blockade zu lösen.
Braunkohlekraftwerk Jänschwalde: Soll das Zwei-Grad-Ziel gestrichen werden?

Braunkohlekraftwerk Jänschwalde: Soll das Zwei-Grad-Ziel gestrichen werden?

Foto: dapd

Die Euphorie war groß, als die Vereinten Nationen vor 20 Jahren in Rio de Janeiro weitreichende Maßnahmen zum Schutz der Natur vereinbarten. In wenigen Tagen beginnt "Rio+20", die Neuauflage des Gipfeltreffens - doch von der Aufbruchstimmung von 1992 ist heute nichts mehr übrig. Insbesondere die Bilanz der internationalen Klimapolitik fällt bescheiden aus. Zwar ist das Bewusstsein für die Gefahren des Klimawandels seit 1992 gewachsen. Doch das ist letztlich irrelevant, entscheidend sind allein die globalen Stoffströme. Und hier ist die Rechnung ganz einfach: 1990 lagen die jährlichen Treibhausgasemissionen bei 37 Gigatonnen, inzwischen bei etwa 50 Gigatonnen. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf zwei Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Zeiten ist das zentrale Ziel der internationalen Klimapolitik. Um es noch erreichen zu können, müssten die globalen Emissionen nach Auffassung der Wissenschaft bis 2020 auf 44 Gigatonnen reduziert werden und danach jahrzehntelang rapide sinken. Das ist theoretisch möglich, politisch aber vollkommen unrealistisch. Der EU ist es beim Klimagipfel in Cancún 2010 zwar gelungen, einen förmlichen Beschluss des Zwei-Grad-Ziels zu erreichen. Aber Maßnahmen, die das Erreichen dieses Ziels realistisch erscheinen ließen, wurden von den Industrie- und Schwellenländern bislang nicht verabschiedet - nicht einmal von der EU selbst.

Im Gegenteil: Anstatt zu sinken, eilen die Treibhausgasemissionen von Rekord zu Rekord. Früher oder später wird es deshalb zu einer Neuverhandlung des globalen Klimaziels kommen müssen. Doch bislang gehen Politik und klimawissenschaftliche Politikberatung dieser Diskussion aus dem Weg - weil beide viel zu verlieren haben.

Angst vor den Vorwürfen der Umweltschützer

Die Europäer schreiben sich auf die Fahnen, das Zwei-Grad-Ziel gegen den jahrelangen Widerstand von China, Indien und den USA durchgesetzt zu haben. Die Abkehr von der Zielformel wäre nun gleichbedeutend mit dem Eingeständnis des politischen Scheiterns. Zudem fürchtet die EU zum einen den Vorwurf der klimapolitischen Beliebigkeit durch Medien und Umweltschützer, wenn sie für eine Erhöhung der Temperaturobergrenze auf 2,5 oder drei Grad plädieren würde. Zum anderen würde die Industrie sofort auf die Absenkung der innereuropäischen Reduktionsvorgaben drängen, sollte sich die EU auf ein schwächeres globales Klimaziel einlassen.

In der Wissenschaft können solche Gedankenspiele freier diskutiert werden.

Selbst in renommierten Fachjournalen stellen Klimaforscher in Frage, ob eine Orientierung am Zwei-Grad-Ziel sinnvoll ist. Aber der öffentlich sichtbarste Teil der Forschergemeinde, die klimawissenschaftliche Politikberatung, hält strikt an der Obergrenze fest und interpretiert sie als Leitplanke, bei deren Überschreitung der Klimawandel unkontrollierbar werden könnte. Bei einer Absage an das prominente Ziel wäre offenkundig auch der Versuch misslungen, der Politik "wissenschaftsbasierte" Handlungsbeschränkungen aufzuerlegen.

Die für Klimapolitik und Klimaforschung nächstliegende Variante wäre, mit dem drohenden Scheitern des Zwei-Grad-Ziels umzugehen, indem man es einfach lockerer interpretiert. Es würde nicht mehr als strikte Obergrenze definiert, sondern als eine erst langfristig erreichbare Orientierungsmarke. Dieses "Overshoot"-Prinzip kalkuliert ein zwischenzeitliches Überschreiten der Leitplanke mit ein, will aber die Temperaturentwicklung in einem berechenbaren Zeitraum wieder umkehren und langfristig unterhalb der Zwei-Grad-Marke stabilisieren.

Paradigmenwechsel: Verzicht auf quantifizierbares Ziel

Allerdings: Nimmt man die bisherigen Erfahrungen mit den Uno-Klimaverhandlungen zum Maßstab, darf man skeptisch sein, dass die Weltgemeinschaft mit dieser Option verantwortungsvoll umgehen würde. Vielmehr könnten ehrgeizige Maßnahmen zum Klimaschutz immer weiter verzögert werden, ohne das Zwei-Grad-Ziel formell aufzugeben. Das Ergebnis wäre im schlimmsten Fall, dass ein fortwährender politischer Stillstand kaschiert wird.

Um dieser Gefahr zu entgehen, wäre ein zunächst paradox erscheinender Paradigmenwechsel erforderlich: Der Verzicht auf ein exakt quantifiziertes Stabilisierungsziel.

Die Hoffnung der klimawissenschaftlichen Politikberatung, die politische Einigung auf ein globales Klimaziel werde ehrgeizige Maßnahmenpakete quasi automatisch nach sich ziehen, hat sich als trügerisch erwiesen. Zwar unterstützen alle großen Verschmutzerländer offiziell das Zwei-Grad-Ziel, für den großen Wurf aber sollen immer die anderen zuständig sein.

Politisch angemessener wäre es, sich auf realisierbare Emissionsminderungen zu konzentrieren. Dazu braucht es möglicherweise eine Langfristvision wie Klimaneutralität und den Anspruch des schrittweisen Ausstiegs aus der Kohlenstoff-Wirtschaft - aber nicht zwingend einen globalen Klimavertrag. Im Mittelpunkt stünde eine Fülle anreizorientierter Kooperationsvereinbarungen zwischen einzelnen Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern, oder auch innerhalb einzelner Industriezweige.

Selbstverständlich wird auch ein solcher pragmatischer Ansatz auf zahlreiche Hindernisse stoßen - aber er könnte, anders als die Uno-Verhandlungen, kaum in eine allumfassende Blockade geraten. Welche politische und ökonomische Dynamik mit einer Fülle spezifischer Abkommen mittelfristig ausgelöst werden kann, welchen Temperaturanstieg die Welt dabei langfristig in Kauf nehmen müsste, lässt sich kaum vorhersagen. Man kann das aber auch als weiteren Vorzug dieses Ansatzes interpretieren: Er wiegt die Welt nicht in falscher Sicherheit.

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