Klimawandel Patagoniens Gletscher schmelzen dahin

Die Eismassen rund um den Südpol bergen die größte Gefahr für ein Ansteigen des Meeresspiegels, sollten sie in Folge der globalen Erwärmung schmelzen. Doch eine ebenso große Gefahr lauert in einer eigentlich unverdächtigen Region der Erde.


Calvo-Gletscher im Süden Chiles: Seit Jahrzehnten auf dem Rückzug
Marcelo Arevalo

Calvo-Gletscher im Süden Chiles: Seit Jahrzehnten auf dem Rückzug

In knapp 1700 Meter Höhe ist die Welt noch in Ordnung. Der Moreno-Gletscher im Süden Argentiniens, von der Unesco in den Rang eines Welterbes erhoben, zeigt so gut wie keine Anzeichen von Schwäche. Damit allerdings steht er in Südamerika ziemlich alleine da. Denn auch dort sind die Gletscher auf dem Rückzug, werden die Eismassen immer dünner.

Wie schlimm es um die Eisfelder Patagoniens bestellt ist, hat ein Team chilenischer und US-amerikanischer Geografen jetzt untersucht. Und die Ergebnisse klingen Besorgnis erregend: In den letzten Jahren hat sich, wie die Gruppe um Eric Rignot vom California Institute of Technology im Fachmagazin "Science" schreibt, die Geschwindigkeit des Abschmelzens mehr als verdoppelt. Mittlerweile verschwinden die südlichen Gletscher schneller als die Eismassen in Alaska.

Um den Zustand der Eisfelder in Chile und Argentinien beurteilen zu können, haben die Geografen digitale Landschaftsmodelle, die im Jahr 2000 mit Hilfe eines speziellen Höhenradars an Bord des Space Shuttles gewonnen wurden, mit früheren Messungen und Kartierungen verglichen. 63 Gletscher im Norden und Süden Patagoniens, zusammen die größten Eismassen in den gemäßigten Breiten der südlichen Halbkugel, wurden auf diese Weise untersucht.

Eisiges Thüringen

Zwar sind die Gletscher Südamerikas, verglichen mit den Eismassen rund um den Nordpol, klein. Insgesamt nehmen die Eisfelder Patagoniens aber immerhin 17.000 Quadratkilometer ein - eine Fläche größer als Thüringen. Damit sind sie groß genug, die Folgen des Abschmelzens weltweit spürbar zu machen.

Den Berechnungen der Forscher zufolge haben die Gletscher im Zeitraum von 1975 bis zur Jahrhundertwende den weltweiten Meeresspiegel durchschnittlich um 0,04 Millimeter pro Jahr ansteigen lassen. Betrachtet man nur die Zeitspanne zwischen 1995 und 2000, so lag der jährliche Anstieg sogar bei gut 0,1 Millimetern. Pro Quadratmeter tragen die südamerikanischen Gletscher damit mehr zum weltweiten Anstieg des Meeresspiegels bei als ihre Kollegen in Alaska.

Und sie schmelzen schneller, als es allein die steigenden Temperaturen und zurückgehenden Regenmengen nahe legen würden. Offensichtlich ist, wie die Forscher in "Science" schreiben, die gesamte Dynamik gestört: Die Gletscher fließen schneller, sie werden in die Länge gezogen, immer größere Eismassen brechen an den Gletscherzungen ab, fallen ins Meer - und tragen so zusätzlich zum Anstieg des Wasserspiegels bei.

Alexander Stirn



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