Klimawandel Sonnensegel für Korallen

Australien fürchtet um seine Touristenattraktion Great Barrier Reef. Weil das Meerwasser zu warm wird, drohen die Korallen auszubleichen. Jetzt plant die Regierung Gegenmaßnahmen: Sonnenschutz soll das Wasser kühlen und die Farbenpracht des Riffs bewahren.

Von Franziska Badenschier und Stefan Schmitt


"Wir sind sehr besorgt, weil hier ein 5,8-Milliarden-Dollar-Wirtschaftszweig und 33.000 Menschen vom Tourismus auf dem Riff abhängen", sagt die australische Tourismusministerin, Fran Bailey. Dem befürchteten Einnahmeverlust will sie abhelfen: Sonnensegel sollen über Teilen des größten Korallenriffs der Welt ausgespannt werden. Die Ministerin beruft sich damit auf Beobachtungen von Wissenschaftlern, die herausgefunden haben: Korallen an schattigen Orten behalten ihre brillianten Farben, während Artgenossen an allzu sonnigen Standorten eher ausbleichen. Was wiederum die Erwartungen der Touristen enttäuschen könnte.

Solche Vorschläge an sich sind in Australien nicht gänzlich neu. Seit einigen Jahren geistern immer wieder Ideen durch die Medien des Landes: Neben Pontons werden auch fest verankerte Stangen diskutiert, die Stoffbahnen als riesige flächige Sonnenschirme tragen sollen. Dass auch die Regierung sich solche Ideen zu Eigen macht, ist dagegen neu.

Bekanntes Phänomen: Korallenbleichen gibt es immer wieder

"Ganz klar, wir packen das Problem von beiden Seiten an", verkündete die Ministerin tatkräftig, "wir kümmern uns um die Ursachen und suchen gleichzeitig nach praktischen Maßnahmen gegen die Folgen." Wissenschaftler und politische Gegner bezweifeln das eine wie das andere.

Verantwortlich für das Korallenbleichen wird der Anstieg der Wassertemperatur gemacht: Korallen können nur in einem sehr kleinen Temperaturbereich leben - wird es zu ihnen heiß, werden sie krank. Dazu reicht es schon, wenn die Wassertemperatur gegenüber dem langjährigen Mittel ein paar Wochen lang um ein, zwei Grad Celsius erhöht ist. Dann verlieren die Korallentiere mikroskopisch kleine Algen, die eigentlich für ihr Überleben wichtig sind: Diese sogenannten Zooxanthellen leben im Körperinneren der Koralle und versorgen sie mit Zucker und anderen Nährstoffen.

Wenn diese rotbräunlichen Algen aber verloren gehen, schwindet auch die Farbe; schließlich sieht man nur noch das Kalk-Skelett der Korallen - gespenstisch weiß und überhaupt nicht so, wie sie in den Farbkatalogen der Reiseanbieter dargestellt werden. Solche Korallenbleichen gibt es immer wieder, sagte Claudio Richter, Korallenriff-Ökologe am Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT) in Bremen, zu SPIEGEL ONLINE. Auch vor der australischen Ostküste sind sie ein bekanntes Phänomen. Sterben würden die Blumentiere aber nur, wenn es zu lange zu heiß sei, sagte Richter nun.

Experten: Zu teuer, technisch nicht umsetzbar, unsinnig

"Für den Tourismus mag die Sonnensegel-Idee ökonomisch lokal sinnvoll sein. Aber ökologisch, für das Überleben des Riffs, ist sie bedeutungslos", sagte Riff-Expertin Katharina Fabricius vom Australian Institute for Marine Science zu SPIEGEL ONLINE. Die schiere Größe des Naturdenkmals nährt Zweifel an dem Projekt, mit Schatten spendenden Stoffbahnen für Abkühlung zu sorgen.

"Die Überlegungen lassen auch außer Acht, dass es Strömung gibt", sagte der Bremer Forscher Richter. Es werde laufend warmes Wasser aus dem Ostaustralischen Strom nachgeführt - der kühlende Effekt der Planen wären dahin.

Das Great Barrier Reef ist 2000 Kilometer lang, geologisch gesehen ein Unterwassergebirge. "Gut, man könnte auf das Riffdach einen Sonnenschirm aufspannen, aber technisch ist das nicht möglich", sagte Richter. Außerdem würden die Planen Unsummen kosten, ist Richter überzeugt. Ministerin Bailey selbst bezifferte die Kosten ihrer Idee nicht.

Das Riff wird jährlich von mehreren schweren tropischen Wirbelstürmen heimgesucht. Die stärkeren unter ihnen, wie Zyklon "Larry" im März dieses Jahres oder "Ingrid" 2005, sind durchaus in der Lage, großen Schaden an den Korallen anzurichten - unter Wasser. Sich vorzustellen, was ein solcher Sturm über Wasser mit einer Konstruktion aus Stangen und Stoffbahnen anstellen würde, erfordert nicht viel Phantasie. "Beim nächsten Sturm wären die Stangen weg", schätzt auch Richter, der den ganzen Plan für "nicht seriös" hält: "Ich kann mir das nicht vorstellen."

Abkühlung fürs Wasser: Sprinkleranlage auf dem Riff

Doch es wird noch phantastischer. Ins Phantasiebild mit Stangen, Sonnensegeln und Pontons könnten sich gar Fontänen einreihen, die feinen Wassernebel versprühen. Wie die Zeitung "The Australian" berichtet, hat der geschäftsführende Direktor der für das Riff zuständigen Nationalparksverwaltung – Great Barrier Reef Marine Park Authority (GBRMPA) – den Plan, dem Riff kühle Duschen angedeihen zu lassen. Andrew Skeat schlug vor: An besonders heißen Tagen solle Meerwasser zerstäubt werden, das einen Teil der UV-Strahlung der Sonne absorbieren und so das Wasser unter der Oberfläche kühlen solle. Erste Versuche in Pilotprojekten seit 2004 seien vielversprechend verlaufen.

"Ob das jemals praktisch umsetzbar und auch kosteneffektiv wird, ist eine ganz andere Frage", gestand GBRMPA-Direktor Skeat aber ein. Und überdies "handelt sich hier nicht um eine ökologische Lösung für die Folgen des Klimawandels, sondern lediglich um eine spezielle Antwort, um bestimmte Gebiete mit hoher Korallendichte zu bewahren", sagte der Forscher.

Folgen des Klimawandels: Das ist das Stichwort, zu dem auch die australische Debatte um Phantomsonnendächer über dem 2000 Kilometer langen Riff gehört.

Seitdem am Montag der Stern-Report der britischen Regierung veröffentlicht wurde, ist die australische Regierung unter Druck: Am gleichen Tag, an dem Ministerin Fran Bailey ihren Sonnenschirmplan verkündete, nahmen in der Zeitung "Sydney Morning Herald" die Professoren Stuart White und Chris Riedy vom Institut für nachhaltige Entwicklung der University of Technology in Sydney die Regierung unter Beschuss: "Ein Klimaschutzabkommen muss oberste Priorität haben", forderten sie, und verweisen auf eine Studie des australischen WWF. Der hatte in der Untersuchung "A Clean Energy Future for Australia" dargelegt, dass eine Verminderung der Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 down under umgesetzt werden könne.

Genau das entspricht der Forderung von Nicholas Stern, dem ökonomischen Gutachter für die Folgen des Klimawandels der britischen Regierung. Seit Stern am Montag dieser Woche seine 700-seitige Studie vorgelegt und darin schwere Folgen für die Weltwirtschaft vorhergesagt hatte, steht Australiens konservatives Kabinett in der Kritik. Es weigert sich bis heute, einen Beitritt zum Kyoto-Abkommen zu erwägen.

Noch am Tag des Erscheinens des Reports hatte eine Hinterbänklerin der Regierungspartei sich nicht entblödet, stammtischgerecht für eine rein technologische Lösung der Klimaprobleme zu werben: Neue Techniken würden die Klimasorgen der Menschheit lösen, genauso wie Autos das Problem des Pferdedungs auf den Straßen gelöst hätten, sagte De-Anne Kelly (National Party).

Der umweltpolitische Sprecher der Oppositionspartei Labor, Anthony Albanese, sagte: "Die Regierung Howard scheint in der Zeit erstarrt zu sein, während sich der Globus um sie herum aufwärmt."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.