Wärmemessungen im Wald Unterschätztes Mikroklima

Die globalen Temperaturen steigen, doch regional wirkt sich das unterschiedlich aus. Der Effekt dichter und lichter Baumkronen müsse in Klimamodellen stärker berücksichtigt werden, schreiben Forscher.
Schattenspender

Schattenspender

Foto: Jan Eifert/ imago images

Dichte Baumkronen schützen Pflanzen und Tiere am Boden eines Waldes vor extremen Temperaturen. Lichtet sich das Blätterdach, kann die Temperatur am Boden dagegen schnell stark steigen, was sich unter Umständen auch auf die Artenvielfalt auswirkt.

Bisher werde das spezielle Mikroklima am Waldboden bei Prognosen zu den Auswirkungen des Klimawandels nicht ausreichend berücksichtigt, schreibt eine internationale Forschergruppe unter der Leitung von Florian Zellweger von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf in der Schweiz im Fachmagazin "Science" .

Für die Prognosen würden überwiegend die Temperaturwerte von Messstationen herangezogen, die die Temperaturen etwa zwei Meter über dem Boden auf freier Fläche messen. "Die meisten Organismen auf der Erde erleben jedoch Temperaturbedingungen, die sich vom Makroklima unterscheiden", schreiben die Wissenschaftler.

Je nach Landschaftsform und Vegetation entsteht in Bodennähe demnach ein anderes Mikroklima. Abhängig ist es unter anderem davon, wie die Luft zirkuliert, wie viel Schatten und Sonne es gibt und wie viel Feuchtigkeit verdunstet.

Variables Mikroklima

In 100 Wäldern in 56 Regionen mit gemäßigtem Klima in Europa ermittelten die Forscher also die Temperaturen im Unterholz. In einem Computermodell kombinierten sie die Ergebnisse mit Aufzeichnungen zur Dichte des Baumkronendachs an 2955 Stellen.

Die Aufzeichnungen verrieten, wie sich die Baumkronen über 12 bis 66 Jahre hinweg verändert hatten. So konnten die Forscher Veränderungen im Mikroklima über die Jahre abschätzen.

Die Daten verglichen sie mit in den Regionen herkömmlich erfassten Klimadaten. Demnach wirkten sich Veränderungen im Makroklima zwar grundsätzlich auf das Mikroklima im Wald aus. Bei fast der Hälfte der Veränderungen bestand jedoch kein Zusammenhang.

Insgesamt war das Mikroklima in den untersuchten Gebieten deutlich variabler als das Makroklima. Kein Wunder: Wenn das Blätterdach im Laufe der Zeit dichter wird, verringert es die Klimaerwärmung am Boden. Das Makroklima hat dann keinen so großen Einfluss mehr auf die Situation im Wald. Umgekehrt erwärmt sich der Boden umso schneller, wenn sich der Wald lichtet.

Auswirkungen auf die Artenvielfalt

"Dieses Wissen ist wichtig, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Artenvielfalt der Wälder zu verstehen", sagt Zellweger.

Die Wissenschaftler plädieren dafür, das Mikroklima in Wäldern auch bei Berechnungen zur Entwicklung der Biodiversität einzubeziehen. Außerdem fordern sie Förster auf, die Auswirkungen von Eingriffen auf das Klima am Waldboden und deren Einfluss auf das gesamte Ökosystem zu berücksichtigen.

"Eine zu starke Auflichtung des Kronendaches sollte - wo immer es möglich ist - vermieden werden", sagt Markus Bernhardt-Römermann von der Universität Jena, einer der Co-Autoren der Studie.

"Ein besseres Verständnis des Mikroklimawandels ist entscheidend für das Verständnis der Klima- und der Biodiversitäts-Krise und für die Bekämpfung beider von grundlegender Bedeutung", schreiben Jonas Lembrechts und Ivan Nijs von der Universität Antwerpen in Belgien in einem Kommentar zu der Studie .

Als weiteres Beispiel für mögliche Auswirkungen des Makroklimawandels auf das Mikroklima am oder im Boden nennen sie nachlassenden Schneefall in nördlichen Regionen. Dies könne zu verstärktem Bodenfrost führen, weil die Schneedecke den Boden auch vor Auskühlung schützt.

jme/dpa
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