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Grafiken zum Klimawandel: Wie sich die Erde wandelt

Foto: NASA/NOAA

Streit über pausierende Erderwärmung Forscher wittern Anti-Klimaschutz-Kampagne

Die Erwärmung der Luft stagniert seit Jahren - aber heißt das, dass der Klimawandel gestoppt ist? Forscher wehren sich gegen diese Behauptung: Sie wittern eine Kampagne.

Hamburg - Als das "größte Rätsel der Klimaforschung" bezeichnet das Wissenschaftsmagazin "Nature"  die sogenannte Pause der Erderwärmung. Auch der Uno-Klimareport räumt ein, dass "der Hiatus" des Temperaturanstiegs seit 1998, also die Pause oder Unterbrechung, bislang nicht erklärt werden könne. Alle paar Tage erscheinen Studien mit Erklärungen für die unerwartete Entwicklung.

Nun aber stellen Wissenschaftler die Pause in Frage. "Welcher Stillstand?", fragt der Chef der Weltmeteorologischen Organisation WMO, Michel Jarraud, gegenüber SPIEGEL ONLINE. Seine Grafik zeigt einen leichten Anstieg der globalen Temperatur in den vergangenen 16 Jahren.

Das Problem: Die Temperaturentwicklung der letzten Jahre lässt sich fast nach Belieben als leichte Erwärmung oder leichte Abkühlung darstellen, je nachdem, welche Messreihen zugrunde gelegt werden. Strittig ist dabei allenfalls, ob die Pause 16 oder 13 Jahre dauert. In dieser Zeit habe der Mensch ein Drittel der Treibhausgase seit Beginn der Industrialisierung ausgestoßen, hat der "Economist" errechnet. Wo steckt ihre Wärmewirkung?

"Hiatus ist ein schreckliches Wort", sagte der Direktor des Grantham Research Institute on Climate Change, Bob Ward, jetzt dem Fachblatt "Nature Climate Change" . Es klinge so, als ob der Klimawandel gestoppt wäre. Jarraud hält die Entwicklung ohnehin für unmaßgeblich: "Schwankungen über solch kurze Zeiträume sagen nichts aus." 13 der 14 wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen Ende des 19. Jahrhunderts hätten sich allesamt im 21. Jahrhundert ereignet- "diese Botschaft lässt keinen Zweifel an der fortschreitenden Erwärmung", meint Jarraud.

"Konzertierte Kampagne"

"Die Pause der Erwärmung hat Fragen aufgeworfen über den Einfluss von Mensch und Natur auf das Klima", resümieren Amy Clement von der University of Miami und Pedro DiNezio von der University of Hawaii in "Science" . Andere indes führen die Debatte über die Pause auf eine "konzertierte Kampagne" zurück, die den Klimaschutz zu untergraben versuche, sagt Ward. Die Berichterstattung in den Medien sei verzerrt, weil die Pause eine gute Schlagzeile biete, ergänzt  der Umweltsoziologe Maxwell Boykoff von der University of Colorado. Die "ideologische Rechte" habe sich den Begriff der Pause zunutze gemacht.

Klimatologen um Ed Hawkins von der University of Reading hingegen sehen das Problem eher auf Seiten der Wissenschaft: Sie schreiben in "Nature Climate Change" von einem "Zusammenbruch der Kommunikation". Der Uno-Klimarat IPCC etwa habe es versäumt, in seinen fünf Berichten seit 1990 klare Angaben über die Möglichkeiten einer Verlangsamung der Erwärmung zu machen. Entsprechende Studien seien "erst veröffentlicht worden, nachdem die Pause da war".

Der IPCC sieht dagegen eher ein mangelndes Verständnis der jüngsten Entwicklung. Klimamodelle hatten die Pause nicht auf der Rechnung: Nur drei von 114 Klimasimulationen könnten den Trend der vergangenen Jahre im Nachhinein wiedergeben, bilanzierte der IPCC in seinem aktuellen Bericht. Der Grund für die Abweichung zwischen Modellen und Beobachtungen sei unklar.

"Herablassende und dogmatische Belehrungen"

"Vor einigen Jahren sahen wir die Pause schon in den Daten, aber damals konnten wir sie noch als zufälliges Rauschen abtun", sagte der angesehene Klimatologe Gabriel Vecchi dem Wissenschaftsmagazin "Nature" . "Aber nun ist es soweit, dass wir sie erklären müssen." Zahlreiche Studien der letzten Tage und Wochen präsentieren Erklärungen für die Pause:

  • Starke Passatwinde über dem Pazifik sind einer Studie zufolge eine Hauptursache, schreiben Forscher im Fachblatt "Nature Climate Change" . Es sei plausibel, dass Winde Strömungen verschoben und so Wärme ins Meer verfrachtet hätten, sagt Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie. "Die Frage bleibt natürlich, warum der Wind sich so änderte und die Modelle das nicht darstellen können."
  • Simulationen haben ergeben, dass vermehrt Wärme in die Tiefsee gelangt sein könnte. Die Messungen im Meer sind allerdings äußerst lückenhaft, so dass der Beweis aussteht.
  • Der Einfluss der pazifischen Klimaschaukel sei vermutlich größer als angenommen, mutmaßt Lisa Goddard von der Columbia University in "Nature Climate Change".  Die sogenannte Pazifische Dekadische Oszillation (PDO) folge offenbar einem Langzeitrhythmus . Womöglich stehe der Pazifik am Beginn einer Kaltphase wie zuletzt zwischen 1945 und 1976, als die Erwärmung ebenfalls pausierte, spekulieren Forscher . Die aktuelle Pause könnte demzufolge noch Jahre andauern, meinen manche Wissenschaftler . Der Anteil der PDO an der Erwärmung könnte mithin ebenfalls größer sein als vermutet, haben Forscher errechnet .
  • Kleinere Vulkanausbrüche hätten die Erwärmung seit 1999 gebremst, sie seien in den Modellen nicht berücksichtigt worden, schreiben Experten in "Nature Geoscience" .
  • Seit Monaten publizieren Klimaforscher weitere mögliche Begründungen für die Pause: Die Aktivität der Sonne etwa schwächelt nachweislich. Abgase in Asien könnten zudem Sonnenlicht blockiert haben. Zuletzt meinten Forscher gar belegen zu können, dass die Erwärmung der Luft gar nicht pausierte. Messungen auf den Kontinenten könnten diese These stützen: Sie zeigten, dass extreme Hitze häufiger geworden sei - trotz Pause .

Umweltsoziologe Boykoff rät Klimaforschern einstweilen, ihr komplexes Thema anders zu kommunizieren: "Unsere Untersuchungen haben gezeigt, welche Strategien keinen Erfolg versprechen: verteidigende, herablassende und dogmatische Belehrungen."

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