Mark Lowcock

Humanitäre Hilfe Wie wir klimabedingten Katastrophen zuvorkommen können

Mark Lowcock
Ein Gastbeitrag von Mark Lowcock, Uno-Nothilfekoordinator
Klimawandel und Konflikte könnten dazu führen, dass noch mehr Menschen vertrieben werden, sauberes Wasser noch knapper wird und die humanitären Kosten bis 2030 auf 20 Milliarden US-Dollar pro Jahr steigen. Wir können etwas dagegen tun.
Waldbrand in Kalifornien, Oktober 2020

Waldbrand in Kalifornien, Oktober 2020

Foto: Jae C. Hong / dpa

Heute stellen OCHA und das Auswärtige Amt die Vorausschau auf den weltweiten humanitären Bedarf für 2021 vor. Die sogenannte Global Humanitarian Overview (GHO) ist die weltweit umfassendste evidenzbasierte Bewertung der humanitären Lage und gleichzeitig der größte humanitäre Spendenaufruf. Zu Beginn dieses Jahres benötigten weltweit fast 170 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Nächstes Jahr werden es 235 Millionen sein – eine Steigerung um 40 Prozent. Die von den Vereinten Nationen koordinierte humanitäre Hilfe plant laut GHO im Jahr 2021, 160 Millionen Menschen in Not in 56 Ländern zu helfen, wofür die Kosten auf 35 Milliarden US-Dollar geschätzt werden.

Dieser dramatische Anstieg des Bedarfs ist hauptsächlich auf die Folgen von COVID-19 zurückzuführen, die einen wirtschaftlichen Rückgang ausgelöst, die Armut verstärkt und den Hunger verschlimmert haben. In vielen Ländern, in denen Menschen bereits von Konflikten und Naturkatastrophen betroffen sind, hat die Pandemie bestehendes Leiden noch vervielfacht. Von den 20 Ländern, die im vergangenen Jahr am stärksten vom Klimawandel betroffen waren, herrschten in fast allen auch Konflikte, Gewalt oder Instabilität – und sie alle hatten einen eigenen humanitären Hilfsplan.

In den letzten zehn Jahren haben extreme Wetterereignisse mehr als 410.000 Menschen getötet. Weitere 1,7 Milliarden Menschen – das bedeutet zwei von neun Personen weltweit – sind direkt betroffen, die meisten davon in Ländern mit durchschnittlich niedrigem Einkommen. Hitzewellen, Dürren, Stürme und Überschwemmungen haben unzählige Leben, Lebensgrundlagen und Zukunftsaussichten zerstört.

Der Klimawandel wird so immer wieder gravierendes Leid auslösen. Wenn wir nichts unternehmen, könnte sich die Zahl der Menschen, die aufgrund des Klimawandels humanitäre Hilfe benötigen, auf über 200 Millionen pro Jahr verdoppeln. Der doppelte Effekt von Klimawandel und Konflikten könnte dazu führen, dass bis Mitte dieses Jahrhunderts eine weitere Milliarde Menschen vertrieben werden, mehr als ein Drittel der Länder nicht über genügend Wasser verfügen, um ihren Bedarf zu decken, und die humanitären Kosten bis 2030 auf 20 Milliarden US-Dollar pro Jahr steigen.

Aber es gibt gute Nachrichten: Wir können etwas dagegen tun.

Von heute an müssen wir unseren Verpflichtungen nachkommen, den Klimawandel zu stoppen und klimapositive Maßnahmen zu ergreifen. Wir müssen in grüne Arbeitsplätze investieren, Rettungsaktionen für umweltschädliche Industrien verweigern, Subventionen für fossile Brennstoffe beenden, Klimarisiken bei allen finanziellen und politischen Entscheidungen mitdenken, zusammenarbeiten und vor allem niemanden zurücklassen.

Wenn es um humanitäre Hilfe geht, können wir bei extremen Wetterereignissen vorausschauend vorgehen. Mithilfe von Daten und Vorhersagen können wir diese Ereignisse und ihre Auswirkung auf die am meisten gefährdeten Menschen vorhersagen und handeln, bevor ein Sturm aufkommt, eine Dürre die Ernte dezimiert oder Überschwemmungen Dörfer zerstören.

»Anstatt zu beobachten, wie sich das Leiden entfaltet, ehe wir um finanzielle Hilfe bitten, müssen wir diese Schocks bewältigen, bevor sie zu Krisen werden.«

Dies erfordert jedoch einen Wandel. Anstatt zu beobachten, wie sich das Leiden entfaltet, ehe wir um finanzielle Hilfe bitten, müssen wir diese Schocks bewältigen, bevor sie zu Krisen werden. Daten können die Vergabe von vorbestimmten Finanzmitteln für vorab vereinbarte Hilfsmaßnahmen auslösen.

Durch diesen Ansatz wird humanitäre Hilfe schneller, frühzeitiger, günstiger und würdevoller. So können wir auch die Errungenschaften der Entwicklungszusammenarbeit schützen und mit den begrenzten finanziellen Mitteln mehr erreichen. Dies ist pragmatisch, klug und ein moralisches Gebot. Wenn wir vorhersagen können, dass ein Leben in Gefahr ist, ist Abwarten keine Option.

Nehmen Sie zum Beispiel Bangladesch. Im Juli dieses Jahres wurde vorausgesagt, dass extreme Monsun-Überschwemmungen große Bereiche des Jamuna-Flussgebiets innerhalb von 10 Tagen auslöschen würden. Mit Unterstützung der Deutschen Bundesregierung und anderer Geber hat der Zentrale Nothilfefonds der Vereinten Nationen sofort finanzielle Mittel bereitgestellt. Bevor es zu Überschwemmungen kam, erhielten mehr als 220.000 Menschen Hilfe, darunter Bargeld, Tierfutter, Lagerbehälter sowie Gesundheits- und Hygieneartikel. Im Vergleich zu einer ähnlichen Katastrophe im Vorjahr haben wir mehr Menschen schneller und zum halben Preis erreicht. Vor allem haben wir Risikogruppen – insbesondere Frauen und Mädchen – geholfen, die Krise auf ihre eigene Weise zu bewältigen.

Wir haben diesen vorausschauenden Ansatz auch gewählt, um die Menschen in Somalia in diesem Jahr vor einem dreifachen Schock aus Überschwemmungen, Heuschrecken und COVID-19 zu schützen. So konnten wir die Zeit für die Vergabe von Hilfsmitteln um ein Drittel verkürzen, und die Ausbruchsrate von Krankheiten wie Malaria und Atemwegsinfektionen im Vergleich zu vergangenen Krisen senken.

Eine kürzlich vom Overseas Development Institute durchgeführte Studie schätzt, dass mehr als die Hälfte aller humanitären Krisen zumindest teilweise vorhersehbar und 20 Prozent sogar sehr vorhersehbar sind. Allerdings fließen weniger als ein Prozent aller Mittel für humanitäre Spendenaufrufe in vorausschauende Maßnahmen. Eine Studie des Welternährungsprogramms hat gezeigt, dass jeder Dollar, der für vorausschauende Hilfe ausgegeben wird, die Kosten der regulären humanitären Hilfe um drei Dollar verringert und mehr als 2,5 US-Dollar in sozioökonomischen Wert für die Betroffenen generiert.

»Wir müssen unser Verständnis von Katastrophen verändern – weg von einer linearen und statischen Sichtweise hin zu einem dynamischen Konzept der verschiedenen Auswirkungen.«

Vorausschauende humanitäre Hilfe kann viele Formen annehmen. Die Erfahrungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, des Welternährungsprogramms, des Roten Kreuzes und von Nichtregierungsorganisationen des Start-Netzwerks zeigen, was wo funktioniert. OCHA plant, die Pilotprojekte aus Bangladesch und Somalia auf den Tschad, Äthiopien, Malawi und andere Teile Afrikas südlich der Sahara auszuweiten. Wir arbeiten auch mit Unternehmen zusammen, um ein vorausschauendes Versicherungsprodukt zu entwickeln, das bereits vor einem Schock auszahlt, um zu verhindern, dass Verluste überhaupt erst auftreten.

Wir gewinnen wertvolle Erkenntnisse darüber, was das humanitäre System tun muss, damit vorausschauende Hilfe funktioniert, insbesondere als Reaktion auf den Klimawandel.

  • Erstens brauchen wir flexible und agile Finanzinstrumente, die nicht darauf warten, dass die Realität zum Modell passt. Wenn wir mit Risiken arbeiten, haben wir nicht immer eine perfekte Antwort, aber es ist besser, auf »no-regret«-Basis zu handeln als überhaupt nicht zu handeln.

  • Zweitens wirken Krisen auf alle Aspekte des Zusammenlebens – Gesundheit, Bildung, Wirtschaft – und das müssen unsere vorausschauenden Maßnahmen ebenso tun. Um den »Kipppunkt« zu erkennen, müssen wir unser Verständnis von Katastrophen verändern – weg von einer linearen und statischen Sichtweise hin zu einem dynamischen Konzept der verschiedenen Auswirkungen, etwa der verschlechterten Tiergesundheit bis zu steigenden Lebensmittelpreisen.

  • Drittens müssen wir uns auf die Auswirkungen konzentrieren. Unser Fokus muss darauf liegen, die richtigen Maßnahmen mit der größten Wirkung auszuwählen, anstatt uns von den verlockenden Versprechungen von Technologien ablenken zu lassen.

  • Viertens müssen wir datengesteuerte Entscheidungen in unsere aktuelle Architektur integrieren, um vorausschauendes Handeln im gesamten humanitären System zu verankern. Zum Beispiel können wir Risikoanalysen in unsere Planungs-, Koordinierungs- und Finanzierungssysteme integrieren – dieselben Systeme, die die jährliche globale humanitäre Vorausschau unterstützen, die wir heute veröffentlichen.

Schließlich müssen die internationalen Geldgeber ihre Beiträge für vorausschauende humanitäre Hilfe erhöhen und angemessene Finanzmittel vorhersehbar und flexibel bereitstellen.

»Wenn wir die Finanzierung jetzt nicht erhöhen, werden wir mit zukünftigen Problemen von viel größerem Ausmaß konfrontiert sein.«

Vorausschauende Hilfe für Klimakatastrophen in fragilen Kontexten kann jedoch nicht ausschließlich humanitären Organisationen vorbehalten sein. Auch internationale Finanzinstitutionen und Entwicklungspartner müssen der globalen Klimakrise einen Schritt voraus sein.

Ich würde es begrüßen, wenn die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und andere ihre Krisengelder freigeben, bevor Katastrophen eintreten, und einen viel größeren Teil ihrer Finanzierung an einkommensschwache und besonders gefährdete Länder richten. Länder, die dem Doppelunglück von Covid-19 und Klimawandel ausgesetzt sind, brauchen ambitioniertere Entwicklungsorganisationen und internationale Finanzinstitutionen. Wenn wir die Finanzierung jetzt nicht erhöhen, werden wir mit zukünftigen Problemen von viel größerem Ausmaß konfrontiert sein.

Deutschland spielt eine wichtige Rolle als Finanzier und Vordenker, und ich bin äußerst dankbar für seine Unterstützung.

Die ganze Welt ist erschüttert von dem beispiellosen Schock von Covid-19. Der GHO fordert, dass die Welt zusammenkommt, um die Betroffenen zu unterstützen und den Menschen zu helfen, sich durch kollektives Handeln und Entschlossenheit selbst zu helfen.

Der Klimawandel stellt eine ebenso große Bedrohung für die Menschheit dar. Aber er muss uns nicht vom Kurs abbringen, wenn wir die Warnsignale ernst nehmen. Der globalen Krise zuvorzukommen, ist das einzig Kluge und moralisch Richtige.

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